10.05.2012

Als der Underdog CD Alavés den UEFA-Cup aufmischte

Ups, wir sind im Finale!

In der Saison 2000/01 mischte der baskische Provinzklub Deportivo Alavés den UEFA-Cup auf. Befeuert durch heiße Partynächte und eine gute Kameradschaft. Die Geschichte eines Fußballmärchens.

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Andy Mitten
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Imago

Jordi Cruyff war alles andere als glücklich über den Verlauf seiner Karriere. Die Jahre bei Manchester United waren verkorkst. Nach zwei Jahren als Ersatzspieler hatte der Sohn von »König Johan« seinem Gefühl nachgegeben und sich an Celta Vigo ausleihen lassen. Doch auch diese Zeit war nun vorüber, sein Vertrag lief aus. Als er in Manchester seinen Spind ausräumte, hinterließ er den Mitspielern auf einem Zettel einen letzten Abschiedsgruß in der Umkleide, dann war seine Zeit als Profi in England Geschichte.

Große Sorgen um seine Zukunft machte sich der 26-Jährige nicht. In seinem Lebenslauf standen Engagements beim FC Barcelona, Manchester United und Celta Vigo. Das konnte sich sehen lassen. Schon bald trudelten die ersten Offerten von einigen namhaften Klubs ein. In diesen Tagen besuchte ihn José Manuel Esnal, genannt Mané, daheim in Barcelona. Der Trainer hatte Deportivo Alavés, ein Team aus der baskischen Peripherie, nach 42 Jahren Abwesenheit vom spanischen Spitzenfußball zurück in die erste Liga geführt. Jordi Cruyff erinnert sich: »Er stand in dem Ruf, das Optimale aus seinen Spielern herauszuholen. Ich freute mich, dass er vorbeikam. Aber, ganz ehrlich, ich hatte nicht ernsthaft die Absicht, dorthin zu wechseln.«

»Jordi, ich brauche einen Mittelstürmer!«

Mané redete nicht lange um den heißen Brei herum. »Jordi, ich brauche einen Mittelstürmer, eine klassische Nummer 9.« Cruyff entgegnete ihm freundlich, dass er sich nicht als Mittelstürmer verstehe. »Ich sagte, dass ich als hängende Spitze weitaus besser sei.« Der Oberlippenbart des Trainers ruhte unbeweglich über dem geschlossenen Mund, als er den Kopf senkte und sagte: »Gut, dann brauche ich eben eine hängende Spitze.«

Cruyff war beeindruckt. In England war er ein Mitläufer gewesen, niemand hatte ihm das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden. »Aber Mané wollte mich wirklich«, sagt er. Die Überzeugungskraft des Trainers versetzte den Niederländer in einen süßen Rausch. Dass Deportivo ihm gerade mal die Hälfte des Geldes anbot, das er in England verdient hatte, spielte keine Rolle. Mané versprach, dass der Klub im Falle des Erfolges nachlegen würde. Deportivo Alavés hatte die vergangene Saison auf dem sechsten Tabellenplatz abgeschlossen und sich für den UEFA-Pokal qualifiziert. Mal sehen, vielleicht ging ja was. Cruyff unterschrieb.

Als wenn Fürth ins Endspiel der Europa League kommen würde

Er sollte seine Entscheidung nicht bereuen. Die Saison 2000/01 wurde die denkwürdigste in der Geschichte des Baskenklubs. Man muss es sich so vorstellen, als würde die SpVgg Greuther Fürth das Endspiel der Europa League erreichen. Mit dem Unterschied, dass Fußball in Fürth die populärste Sportart ist, Deportivo Alavés jedoch aus Vitoria-Gasteiz stammt, der Heimat von Saski Baskonia, einem führenden Team im europäischen Basketball. Fußball führt dort ein Schattendasein.

Mané war im Jahr 1997 Trainer der Basken geworden. Was er dort vorfand, begeisterte ihn nicht sonderlich: »Das Team hatte die Saison als Dreizehnter der zweiten Liga abgeschlossen. Es war keine Perspektive zu erkennen. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte ich die Möglichkeiten.« Im Nachwuchsteam standen einige vielversprechende Talente. Das Wichtigste jedoch: Deportivo Alavés stand wirtschaftlich auf soliden Füßen. Mit der Unterstützung des Präsidenten Gonzalo Anton, einem Winzer aus der Gegend, gelang dem Klub in Manés erster Spielzeit als Chefcoach der Aufstieg. Als die Rückkehr in die Primera Division feststand, floss im Zentrum von Vitoria der Patxaran in Strömen, jener regionale Anis-Likör, den die Basken in Lederflaschen lagern.

Doch der Klassenerhalt wurde kein Selbstläufer. Am Ende der ersten Serie im Oberhaus lag der Klub auf dem 16. Tabellenplatz und hatte den Abstieg nur mit Mühe verhindert. Erst am letzten Spieltag konnte Manés Truppe mit einem Sieg über Real Sociedad das Unheil abwenden und mit einem Punkt Vorsprung die Liga halten. Der Klassenerhalt verbesserte die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Klubs. Deportivo konnte nun größere Beträge auf dem Transfermarkt ausgeben. Für 750 000 Euro kamen der Rumäne Cosmin Contra und der Norweger Dan Eggen von Celta Vigo. Beide Nationalspieler, die über reichlich internationale Erfahrung verfügten. Die Neuverpflichtungen erzielten einen interessanten Effekt. »Das Team fing Feuer,« erinnert sich Mané. »Als die neuen Spieler dazukamen, gab das dem Stammteam einen Schub. Plötzlich versuchten alle, sich zu verbessern. Es war, als hätten sie darauf gewartet, Druck zu kriegen.«

Sie waren jung, sie waren farbenfroh, sie waren friedlich

Fast schien es, als habe der Verein ein kleines Fußballbiotop erschlossen. Die Zuschauer pflegten eine unschuldige Form der Fankultur, als müssten sie das Einmaleins der Fußballanhänger erst erlernen. Mané sagt: »Sie waren jung, farbenfroh, leidenschaftlich und – das Wichtigste – sagenhaft friedfertig. Ihnen ging jegliche Bösartigkeit ab.« Warum auch nicht? Die Basken verfügten über ein ansehnliches Team, das den Jubel verdiente. Der Leitwolf im Sturm hieß Javi Moreno, der sich nach einem wenig erfolgreichen Ausflug zum FC Barcelona in Numancia einen Namen als Goalgetter gemacht hatte. Doch erst als kongenialer Partner von Jordi Cruyff reifte Moreno bei Deportivo Alavés zum Topangreifer. Das Offensivgespann komplettierte der 21-jährige Ivan Alonso aus Uruguay, den Mané in der Sommerpause vom argentinischen Klub River Plate losgeeist hatte.

Das Puzzle setzte sich langsam zusammen, aber die Integration der Neuzugänge war Schwerstarbeit. Vor allem Königssohn Jordi Cruyff verlangte dem Coach einiges ab. »Jordi brauchte ständig Zuspruch«, sagt der heute 61-jährige Mané. »An und für sich bevorzugte ich kurze, knappe Ansprachen. Aber Jordi wollte geliebt werden.« Ryan Giggs hatte seinen Mitspieler Jordi Cruyff in Manchester spöttisch als »Trainingsweltmeister« bezeichnet. Mané aber wusste, dass er sich nicht nur einen großen Namen ins Team geholt hatte, sondern vor allem eine herausragende technische Qualität.

Zur Premiere in die Türkei

Die Premiere auf europäischem Parkett führte Alavés in die Türkei. Der Präsident des ersten Gegners Gaziantepspor frohlockte, als die Basken aus dem Lostopf gezogen wurden: »Das schwächste Team des Wettbewerbs!« Zunächst behielt der Funktionär recht. Die Türken erspielten sich in Vitoria ein 0:0, das Rückspiel schien Formsache zu werden. Doch in einem dramatischen Match in Südostanatolien erlangten Manés Männer die Oberhand und verließen den Platz als Sieger – 4:3. Es war die erste torreiche Achterbahnfahrt, von denen die Basken noch einige erleben sollten. Gegen die Norweger aus Lilleström kamen sie daheim nicht über ein 2:2 hinaus. In Skandinavien aber gelang ihnen erneut ein Husarenritt, sie gewannen 3:1. Der Spielverlauf ähnelte in  beängstigender Weise dem nächsten Erfolg gegen Rosenborg Trondheim – zu Hause 1:1, auswärts gewann Manés Elf wiederum mit 3:1.

Jordi Cruyff hatte sich wieder in den Fußball verliebt. Er genoss die Zeit in Vitoria. »Alavés gab mir ein Gefühl von Freiheit. In Manchester war ich ein Pickel am Hintern des Elefanten gewesen, in Alavés war ich der Kopf.« Der Verein hatte vor der Saison lediglich acht Millionen Euro in den Kader investiert, Cruyff selbst war ablösefrei gekommen. Die Millionen waren gut angelegt, denn mit dem Erreichen des Achtelfinals hatte der Klub schon mehr erlöst, als er in das UEFA-Cup-Abenteuer gesteckt hatte. Javi Moreno und Verteidiger Oscar Tellez wurden ins Nationalteam berufen. Aus durchschnittlichen Ligaspielern waren Stars geworden.

Derweil sicherte sich Alavés auf Leihbasis die Dienste des Serben Ivan Tomic, eines beinharten Mittelfeldstrategen vom AS Rom. »Zugegeben, wir hatten ein paar böse Jungs in unseren Reihen«, sagt Jordi Cruyff. »Wenn mir ein Gegenspieler auf die Füße trat, war immer ein Kollege zur Stelle, um es demjenigen heimzuzahlen.« In dieser Phase gelang es dem Klub langsam, aber sicher, die Zuschauerzahlen von Saski Baskonia zu toppen. Die jahrzehntelange Hegemonie in der Region wankte. Doch Konkurrenz zu den Korblegern empfanden die Kicker keineswegs. Am Donnerstag besuchten die Profis von Deportivo brav die Spiele der Basketballer. Und wenn Saski Baskonia gewonnen hatte, gingen die Sportler gemeinsam zum Feiern in die Bars und Discos von Vitoria. »Morgens um acht Uhr fielen wir aus der Disco und gingen direkt zum Training«, erinnert sich Cruyff.

Schlange stehen beim Physio

Bevor es dort aber hinaus auf den Platz ging, bildete sich eine Schlange beim Physiotherapeuten. Cruyff erklärt: »Der hatte Tropfen, mit denen er uns die Pupillen weitete, damit wir dem Coach in die Augen sehen konnten.« Mané ging mit den Eskapaden seiner Spieler locker um. »Ich entschied, mich nicht aufzuregen, und machte ein leichtes Training, damit die Jungs das Gift aus dem Körper bekamen.« Mit Taktik behelligte er seine Stars erst wieder am Samstag – wenn sie die Aufnahmefähigkeit zurückerlangt hatten. Im Rückblick schüttelt der Coach darüber den Kopf. »Ich würde das keinem anderen Coach empfehlen. Aber diese Männer waren Sieger. Es war mir wichtig, dass sie sich schnell in Vitoria zu Hause fühlten – auch wenn sie dazu bis zum Morgen in Discos abhängen mussten.«

Bis jetzt war alles noch Kindergeburtstag gewesen. Doch im Achtelfinale wartete ein erster David-gegen-Goliath-Moment auf sie: Inter Mailand. Wieder spielten die Basken zunächst daheim, wieder gaben sie sich gastfreundlich und verabschiedeten die Italiener mit einem 3:3. Zum Auswärtsspiel machte sich eine Touristentruppe auf den Weg. »Wir reisten in Privatklamotten nach Mailand, wir besaßen keine einheitlichen Klubanzüge«, erinnert sich Jordi Cruyff. Am Flughafen warteten Reporter auf die Mannschaft. Als die Kicker in ihrem Freizeitlook durch die Ankunftshalle schlenderten, erkannten die Journalisten sie nicht. Die Profis machten sich einen Spaß und schickten mitgereiste Fans, die sich als Spieler ausgaben, zu den Interviews. Anschließend schlugen sie Inter in einem berauschenden Spiel mit 2:0.

Das erste Live-Spiel im TV

Im Viertelfinale kam es zu einem innerspanischen Duell. Der Gegner der Basken hieß Rayo Vallecano, eine brisante Paarung, denn Mannschaften aus Madrid erhielten traditionell mehr Aufmerksamkeit als Teams aus der Provinz, da sich die Medien weitgehend in der Hauptstadt konzentrierten. Bis dahin war noch kein Spiel von Alavés live im TV gelaufen. Das Aufeinandertreffen mit den Rivalen aus der Metropole gab Manés Mannen endlich Gelegenheit, dem Land vor dem Fernseher eine Kostprobe ihrer Fußballkunst zu geben. Alavés gewann daheim 3:0, so dass sich die 2:1-Auswärtsniederlage nicht auswirkte.

Im Halbfinale wartete der 1. FC Kaiserslautern mit Youri Djorkaeff, Miroslav Klose und Mario Basler. Die Pfälzer wirkten wie Fallobst angesichts der Dominanz der Spanier. »Wir hauten sie weg«, erinnert sich Cruyff, der sich auch diesmal wieder in die Torschützenliste eintrug. Zu Hause gewann Alavés mit 5:1. Und auch am Betzenberg hatten die Roten Teufel den furios stürmenden Spaniern nichts entgegenzusetzen – sie unterlagen mit 1:4.

Von den zwölf UEFA-Cup-Begegnungen auf dem Weg ins Finale hatte Deportivo Alavés nur eine verloren. Die Stammmannschaft war von Verletzungen verschont geblieben. Die 31 erzielten Tore waren Rekord in diesem Wettbewerb. Die Ironie an der Geschichte: Deportivo Alavés spielte in keinem seiner Europacupspiele vor ausverkauftem Haus und erlangte auch in dieser Phase nie die Beliebtheit anderer baskischer Teams wie Athletic Bilbao, Real Sociedad oder CA Osasuna.

80.000 im Westfalenstadion – »Wir sahen uns als Favoriten!«

Trotzdem drückte ganz Spanien dem Verein im Finale gegen den FC Liverpool die Daumen. Im Dortmunder Westfalenstadion wartete das Team von Gérard Houllier. 8000 Fans begleiteten Alavés, das sich auch gegen den berühmten Gegner längst nicht mehr als Außenseiter betrachtete. »Man kann sich das nicht mehr vorstellen, aber wir sahen uns als Favoriten«, sagt Cruyff. »Wir hatten in der Liga Real Madrid und den FC Barcelona besiegt und all die großen Teams auf europäischer Ebene. Was sollte uns passieren?«

Der FC Liverpool musste sich erst mal ins Team der Namenlosen einarbeiten. »Ich hatte keine Ahnung, woher die kamen. Alavés ist schließlich kein Ort«, erinnert sich Torwart Sander Westerveld. Gerard Houllier machte ausführliche Videoanalysen, und langsam bekamen die Reds ein Gefühl für den mysteriösen Finalgegner. Zur Halbzeit führten die Briten mit 3:1. Im Gefühl des sicheren Sieges gingen sie zum Pausentee. Nach Wiederanpfiff wurden Houlliers Spieler aber kalt erwischt. Innerhalb von drei Minuten glich Alavés durch zwei Tore von Javi Moreno aus. Zwanzig Minuten lang befanden sich die Reds in einer Schockstarre, doch Manés Team versäumte es, die Führung herauszuschießen. Robbie Fowler brachte Liverpool in der 73. Minute erneut in Front. Sander Westerveld: »Wir dachten, das war’s! Doch dann glich Jordi aus.« Sein Kopfballtor in der 88. Minute verband Cruyff mit einer Widmung: »Der Treffer war für die Fans von Manchester United. Ich hätte den Pokal auch gerne für sie gewonnen.«

Zwei Platzverweise im Finale

Beim Stande von 4:4 endete die offizielle Spielzeit. Alavés hatte leidenschaftlich gekämpft und war belohnt worden. Mané stellte jedoch fest: »In der Verlängerung waren wir halbtot.« Hinzu kam, dass sie zwei Gelb-Rote Karten zu verkraften hatten: Zunächst flog der Brasilianer Magno Mocelin vom Platz, in der 116. Minute folgte ihm Kapitän Antonio Karmona in den Tunnel. Nur drei Minuten war das dezimierte Team vom Elfmeterschießen entfernt, als Delfi Geli eine scharf geschossene Ecke von Gary McAllister ins eigene Netz lenkte und damit das tragischste Golden Goal der Geschichte erzielte.

Liverpools Keeper Westerveld nahm den UEFA-Cup mit gemischten Gefühlen entgegen. Er hatte vier Treffer kassiert, und bei der Siegerehrung musste der Niederländer einem Mann in die Augen sehen, der besonders niedergeschlagen war: »Jordis Vater Johan war einer der Herren, die uns den Pokal überreichten. Ich ertappte mich dabei, dass ich mich bei ihm entschuldigte. Ich sagte: ›Besser 5:4 verlieren als 3:0‹.« Das Märchen war zu Ende.

Auf den Rausch folgte ein derber Kater

Zurück im Baskenland wurde der Klub bald auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Contra und Moreno wechselten nach dem Finale zum AC Mailand. Auf den Rausch folgte ein derber Kater. Alavés fasste nie mehr so recht Fuß in der Primera Division und stieg nur zwei Jahre später ab. Cruyff und Mané verließen 2003 den Klub, der heute in der dritten spanischen Liga kickt.

Trainer Mané lebt nach Engagements in Levante, Bilbao und bei Espanyol inzwischen wieder in Vitoria. Sein Schnurrbart hüpft unmerklich über seinem Mund, wenn er mit einem Spritzer Wehmut in der Stimme sagt: »Ich kann kaum glauben, dass das Finale schon zehn Jahre her ist.« Und der größte Fan des Klubs in seiner größten Saison, Eduardo Alvarez, ergänzt: »Manchmal muss ich mich kneifen, um sicher zu sein, dass es passiert ist: Das kleine Alavés schlägt die besten Mannschaften Europas.«

 
 
 
 
 
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