Als der Punkrock den BVB erreichte

Und die Bierdosen flogen tief

Mitte der Achtziger erblühte nicht nur der BVB, sondern auch der Punk. Uli Hesse erinnerte sich für das 11FREUNDE-Sonderheft »Fußball & Pop«.

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Spezial Nr. 4

Am Tag vor dem Derby gaben wir zwei Konzerte – unser erstes und zugleich unser letztes. Mehr als hundertfünfzig Punks waren ins Fritz-Henßler-Haus gekommen, ein Kulturzentrum nördlich des Dortmunder Hauptbahnhofs. Sie waren nicht begeistert von dem, was es zu hören gab. Die Musik war chaotisch und unbeabsichtigt dissonant, denn wir spielten erst ein paar Monate zusammen. Außerdem sorgte der Mann am Mischpult für einen viel zu sauberen Sound, weil er normalerweise für eine Top-40-Coverband arbeitete. Als uns dämmerte, dass wir weder so rotzig klangen wie die Varukers noch so heftig wie Black Flag, war es zu spät. Zwar stand zu meinen Füßen ein Effektgerät, das meinen Bass – wie bei den Misfits – bis zur Unkenntlichkeit verzerren sollte. Aber erstens lag ein betrunkener Punk quer auf der Bühne und damit halb auf jenem Pedal. Zweitens konnte ich nicht genau sehen, wie das Gerät eingestellt war, weil ich eine Sonnenbrille trug.

Und dann waren da noch die Bierdosen. Unser Schlagzeuger hatte eine Palette Karlsquell-Pils neben sich stehen, öffnete von Zeit zu Zeit eine Dose – und warf sie ins Publikum. Erst nach dem Auftritt erfuhren wir, dass er schon mit dem ersten Wurf einen seiner besten Freunde am Kopf getroffen hatte, der den Rest des Konzertes in der Ambulanz verbrachte. Es war der 19. September 1986.

Textschreiber der deutschen Antwort auf die Dead Kennedys

Als wir schweigend durch eine Reihe von Nebelbänken nach Hause fuhren, dachte ich, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Doch am folgenden Tag stand ich in der Gästekurve des Gelsenkirchener Parkstadions und sah, wie wir trotz einer Führung mit 1:2 verloren und schon wieder in die Abstiegszone rutschten. Auf dem Weg zum Parkplatz wurde ich doppelt angepöbelt – weil ich BVB-Fan war und wegen meines Aussehens. Es machte keinen Spaß mehr. Ich war 20 Jahre alt, meine Karriere als Bassist und Textschreiber der deutschen Antwort auf die Dead Kennedys war augenscheinlich beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte, und Borussia schien nicht gewillt, den Schwung aus der dramatischen Relegation gegen Fortuna Köln mit in die neue Saison zu nehmen. Da wusste ich noch nicht, dass die Talsohle durchschritten war. Von nun an sollte es aufwärts gehen.

Das merkte ich aber erst Monate später, als ich halbblind in der Herrentoilette der Zeche Bochum stand. Beim Konzert der Fun-Punks Peter and the Test Tube Babies hatte jemand vor der Bühne CS-Gas versprüht, weshalb ich mir die Augen auswaschen musste. Übers Waschbecken gebeugt, hörte ich, wie jemand sagte: »Ich kenne dich vom Fußball.« Ich wusste nicht, ob ich gemeint war, nickte aber vorsichtshalber. »Geiles Jahr«, sagte der Typ, den ich nicht sehen konnte. »Wir packen das.« Es war Winterpause und der BVB stand auf dem siebten Platz.

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