Als der HSV noch schlecht war

Graue-Maus-Jahre

Als der HSV noch schlecht war

Wir waren ausgerüstet wie nie zuvor und nie mehr danach. Die Kutte von meinem Kumpel Jensen war rechtzeitig zum Spiel fertig geworden – seine Mutter hatte die Nächte vor dem Spiel an der Nähmaschine verbracht – , und sie sah super aus: In der Mitte prangte ein runder HSV-Aufnäher mit der Raute, darüber der obligatorische »Westkurven«-Banner, drum herum rechteckige Flicken, auf die jemand Motive gestickt hatte, die jeder Rentnerbastelkreis besser hinbekommen hätte. Doch darum ging es nicht. Es ging um klare Statements, Aussagen, die wir uns auf den Oberarm tätowiert hätten, wenn wir keine Weicheier aus gutbürgerlichem Hause gewesen wären: »Die Macht an der Elbe«, »HSV und BVB – in ewiger Freundschaft« oder »Scheiß FC Bayern«. Garniert wurde dieses Bekenntnis-Potpourri mit Megadeth-, Slayer- und Metallica-Aufnähern, auf denen Totenköpfe in verschiedene Stillleben collagiert wurden. Vom feinsten.

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Ich trug sechs Schals, je zwei ums Handgelenk, am Gürtel und um den Hals. Über die Jeans (Jingler's) hatte ich eine HSV-Bermuda-Shorts gezogen, auf dem Kopf eine Mütze, auf der meine Oma einst »HSV Meister 1979« eingestickt hatte. Zudem schleppte ich eine Handtrommel samt Drumstick an, die ich einige Tage zuvor beim Musikunterricht eingesteckt hatte. Der große Clou war allerdings unsere aus verschiedenen schwarz-weiß-blauen Fetzen und Tüchern zusammengenähte 20-Quadratmeter-Riesenfahne.  

Wir waren damals 13 Jahre alt und fühlten uns wie Che Guevara im bolivianischen Hochland. Wie unsere Väter mit ihrer ersten Rolling Stones LP unterm Arm. Wir waren auf dem Weg. Und die Musik, die Stunden vor dem Spiel durch Jensens Kinderzimmer bretterte, »Arise« von Sepultura und »Reign in blood« von Slayer, war unser Soundtrack.

Danach ging es mit unseren Fahrrädern durch gut behütete Gegenden, vorbei am Eppendorfer Baum, dann am Marktplatz, große geräumige Altbauwohnungen, gefegte Straßen, Frauen mit hoch gestecktem Haar, Herren mit Seidentüchern am Revers, die Riesenfahne wehte im Wind, die Schals am Gepäckträger und die Kutte saß am Körper wie die Lederweste an Old Surehand. Erst am Siemersplatz, im Hamburger Stadtteil Lokstedt, wurde die Gegend trostloser. Eingeklemmt zwischen schäbigen roten Backsteinhäusern und einer verlassenen Bücherhalle grüßte unser Lieblingsgrieche unter seiner Markise.

Es waren magere Jahre  

»Freunde!«, empfing uns Adam und sein Schnauzbart vibrierte vor der Fritteuse. »Wie spielt der HSV heute?« Ich ging seit etwa zwei Jahren regelmäßig ins Stadion, ich stand bei Graupelschauer und Orkansturm im Block E, sah, wie sich die Spieler gegen Bayer Uerdingen, den VfL Bochum oder Fortuna Düsseldorf abkämpften. Ein Spiel gegen den FC Bayern hatte ich bis dato nicht gesehen. »2:0«, jubelte ich dennoch siegesgewiss und weil Adam eigentlich gar nicht richtig zuhörte, sagte ich rasch: »Einmal Gyros mit Pommes Schranke.«

Der HSV hatte gegen Bayern die letzten Jahre immer schlecht ausgesehen, im Hinspiel ging der HSV mit 1:6 in München baden. An den HSV und an einen Sieg glaubte ich an jenem Tag dennoch, mindestens so sehr wie an Adams Gyrosteller mit Pommesmatsche. In diesen Zeiten war das ein äußerst exklusiver Glaube, denn hier in Lokstedt, mitten in in der Stadt und doch am Ende der Welt, und auch in anderen Ecken Hamburgs, teilte kaum jemand unsere Meinung. Fußball und der HSV waren unschick, und Adams Imbissbude sah von außen aus wie eine verlassene LKW-Raststätte. Es ging ihm deswegen auch nicht sonderlich gut – ständig wischte er sich übers Gesicht, als verscheuchte er böse Träume.

Es war die Zeit von Trainer Gerd-Volker Schock, die HSV-Spieler hießen Carsten Kober, Frank Rohde oder Waldemar Matysik. Arbeiter. Kanten. Die Matte über den Nacken und die Stutzen unterm Knöchel. Lediglich Fernando Pereira Pinho, kurz Nando, verkündete mit seinem Namen so etwas wie Zauberei und Spielkultur. Dass er letztlich häufiger über seine Beine stolperte als Thomas Stratos, ahnten wir damals noch nicht. Zumindest wollten wir es nicht wahrhaben. Es waren magere Jahre, doch wir brannten, gerade heute – die ungebremste Euphorie der frühen Fanjahre. Zumal in jener Saison Thomas Doll im Mittelfeld wirbelte, und Jan Furtok im Sturm oftmals nur noch seinen kleinen Zeh hinhalten musste, so zentimetergenau zuckerte Doll seine Pässe in den Strafraum. Vor der Partie gegen den FC Bayern, am 28. Spieltag, stand der HSV auf einem sehr passablen vierten Rang, gerade mal vier Punkte hinter dem 1. FC Kaiserslautern. Wir träumten von der Meisterschaft. Zumindest sangen wir davon.  

Als wir die Stufen der Westkurve erklommen hatten, stockte der Atem. Zum ersten Mal sah ich keine freien Plätze auf den Tribünen, keine Lücken in der Ostkurve, selbst der sonst sehr verwaiste Block A war komplett dicht. Und als sich die Mannschaftsaufstellung in zerstörten Pixeln über die C64-Anzeigentafel ächzte, wir die Namen Thomas Doll und Jan Furtok, Richard Golz und Sascha Jusufi lasen, waren wir sicher: Es würde unser Spiel werden. Zumal nun die letzten Partien wieder präsent waren, es war ein goldener April gewesen, in Frankfurt hatte der HSV 6:0 gewonnen, gegen Dortmund 4:1 und bei Hertha BSC mit 4:0. Jan Furtok hatte in den Spielen siebenmal getroffen.  

Das Spiel begann mit einem zaghaften Abtasten. Doch es war nicht wie in den Partien zuvor, bei denen ich selten die Sorge hatte, beim Ballbesitz des Gegners könnte es für den HSV gefährlich werden. Nein, dieses Mal hatten wir bei jeder Ballberührung von Effenberg, von Strunz oder Thon das mulmige Gefühl, ihr nächster Pass würde die komplette HSV-Abwehr wie Staffage aussehen lassen. In der 9. Minuten bestätigte sich die Sorge. Stefan Reuter traf zum 0:1. Wir verharrten. Die Trommel blieb stumm. Sowieso wirkte das Geklopfe im sonstigen Lärm der Kurve, der Tsunami-artig über den Volkspark schwappte, wie ein Butterblümchen in den Häuserschluchten von Manhattan. Doch der HSV kam zurück, er spielte eine der besten Partien der Saison. Nando machte in der 30. Minute das 1:1 und selbst Spieler wie Waldemar Matysik oder Frank Rohde zirkelten Flanken und Pässe über den Rasen, spielten Doppelpässe und drehten sich behände um ihre Gegenspieler, dass sogar Edeltechniker Thomas Doll anerkennend Applaus spendete. Und als Jan Furtok, der große Jan Furtok, in der 79. Minute das 2:1 markierte, schrien wir lauter als Tom Araya zu »Angel of death«.

Nun wehte die Riesenfahne wieder im Wind, die Aufnäher auf der Kutte glänzten wie Meisterschalen und die Trommel – die Trommel war verschwunden. Ein kurzer Blick auf die Stufen, zertretene Plastikbecher, Beine, noch mehr Plastikbecher, Konfetti, Klopapierrollen, wieder Beine. Nichts. Ich musste sie in der Halbzeit beim Knackwurststand hinter der Westkurve vergessen haben. Würde ich bis zum Schlusspfiff warten, wäre sie in jedem Fall verloren oder die Massen wären längst über sie getrampelt wie Büffelherden über den Savannenboden.   

Zwei zu Drei  

Ich musste hinunter. Ich rannte. Raus aus der Kurve, aus der Enge. Wo war diese Bude doch gleich? Da hinten. »Nein, hier ist keine Trommel«, sagte der alte Mann und drehte die Thüringer und die Bulette, zog an der Roth Händle und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich legte mich auf den Bauch, robbte unter die Bude, schaute in den Sträuchern, die am Zaun wucherten, rannte zur nächste Bude. Nichts. Plötzlich wurde es verdächtig ruhig im Stadion, dann laut, ein lauter nachhallender Jubel in der Ferne. In der Ostkurve. Der FC Bayern hatte ausgeglichen. Scheiß auf die Trommel. Ich rannte zurück zum Aufgang, der in den Block E führte. Doch der Ordner verschränkte die Arme. »Karte!«, bellte er. Die hatte ich nach dem 2:1 in einem Anflug von Silvester zu Konfetti zerissen. Ich rannte zu Block A, dort waren die Ordner für gewöhnlich freundlicher. Tatsächlich stand dort nicht mal einer, ich nahm zwei Stufen auf einmal, endlose zerbröckelte Steintreppen, in deren Ritzen sich Grasbüschel Platz verschafften, 20, 22, 24... 40. Als ich oben ankam, mich an großen breiten Männern mit Schnurrbärten und Lederjacken vorbei gequetscht hatte, sah ich noch wie der Ball im Netz zappelte. 2:3. Zwei zu Drei. Ein Blick auf die Anzeigentafel: 19:49 Uhr. Es lief die 89. oder 90. Minute. Zwei Ballberührungen von Jan Furtok und Thomas Doll später pfiff der Schiedsrichter ab.  

Wir trafen uns am Fahrradständer wieder. Wir waren 13 und wir waren nicht auf dem Weg, mit einem Mal war das klar, für wenige Sekunden waren wir weise, wir hatten alles noch vor uns und wussten, dass Fußball hart, nein, dass er mitunter sogar sehr hässlich sein würde. Und mit einem Mal schien auch klar, dass diese Niederlage mehr war als ein verlorenes Spiel, als eine verpasste Meisterschaft. Tränen rollten über meine Wangen. Auf dem Rückweg sprachen wir kein Wort. Die Riesenfahne wirkte mit einem Mal klein, die Kutte lächerlich, die Meister-79-Mütze saß schief auf dem Kopf, wir sahen aus wie Trottel, wie zahnbeklammerte Jungs aus der 6. oder 7. Klasse. Kleine Bengel mit zerzausten Haaren, Jungs ohne Freundin, mit Pickeln und Butterbrotdose von Mutti im Schulranzen. Sie hätten uns alle ausgelacht – Tom Araya, Dave Lombardo, Jan Furtok, selbst Nando.   

In der Woche darauf verlor der HSV in Nürnberg. Am Ende sicherte sich die Mannschaft mit letzter Kraft noch einen Uefa-Cup-Platz. Thomas Doll ging zu Lazio Rom, es kamen Henning Hardt, Uwe Eckel und Jürgen Hartmann, die Anzeigentafel verlor von Spiel zu Spiel mehr Pixel und der HSV dümpelte die nächsten vier Jahre zwischen Platz 11 und 13. Bei manchen Spielen standen wir mit 5000 Zuschauern in diesem riesigen Betonklotz und sahen dabei zu, wie Souleyman Sané von gehirnentleerten Mittdreißigern mit Bananen beworfen wurde, wie die Glatzen am Fuß von Block E ihre Reichskriegsflaggen schwenkten. Wir wurden von stolzen Deutschen wegen unserer langen Haare durch den Volkspark gejagt, wir sahen Heimniederlagen gegen Sigma Ölmutz und die Stuttgarter Kickers. Und wir sahen, wie an Adams Bude eines Tages die Rollladen herunter gelassen waren, und ein Schild auf der Tür klebte: »Zu vermieten«. Tränen flossen nie wieder. Es waren erbärmliche Jahre. Graue-Maus-Jahre.

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