Als der BFC gegen den VfB Stuttgart spielen sollte

Die Bombe platzte vorzeitig

Eine rätselhafte Absage. Vor 30 Jahren trafen der VfB Stuttgart und der BFC Dynamo in einem besonderen deutsch-deutschen Duell aufeinander.

In der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart klingelt am 13. Dezember 1982 das Telefon. Geschäftsführer Ulrich Schäfer hebt ab und vernimmt auf der anderen Seite der Leitung die Stimme des Präsidenten des BFC Dynamo Manfred Kirste. Der Anruf aus Ost-Berlin kommt nicht von ungefähr. Schließlich sollen am übernächsten Tag die beiden Spitzenteams des VfB Stuttgart und BFC Dynamo im Rahmen des so genannten Sportkalenders in Stuttgart aufeinandertreffen. Letzte organisatorische Details müssen ausgetauscht werden.

Bereits vor einem Jahr hatte es in Ost-Berlin das erste Spiel gegeneinander gegeben. Im Sprachjargon des SED-Blattes »Neues Deutschland« hatte der BFC Dynamo den »BRD-Bundesligisten« zu einem »internationalen Vergleich« empfangen. Bei winterlichen Temperaturen und hart gefrorenem Platz hatten damals die 25.000 Zuschauer im ausverkauften Ost-Berliner Jahn-Sportpark ein leistungsgerechtes 0:0 gesehen. Obwohl es sich lediglich um ein Freundschaftsspiel handelte, strömten die Fans in Scharen zum Spiel. Die Ost-Berliner wollten die Stuttgarter Bundesliga-Stars Karl Allgöwer, Bernd und Karl-Heinz Förster oder Didier Six auch bei ungünstigen Witterungsverhältnissen in Augenschein nehmen. Für die DDR war dieses Match, wie andere deutsch-deutsche Duelle, dagegen ein lästiges politisches Zugeständnis. Aus Protest gegen den Mauerbau 1961 hatte der westdeutsche Sport den Sportverkehr mit der DDR zunächst demonstrativ abgebrochen. Obwohl die Begegnungen offiziell seit 1965 wieder aufgenommen wurden, kamen in der Eiszeit des Kalten Krieges nur noch wenige Spiele zwischen Ost und West zustande. Neue Hoffnungen keimten erst zu Beginn der 1970er Jahre, als im Zuge der Ostpolitik Willy Brandts eine Annäherung der deutschen Staaten erfolgte. Im Mai 1974 unterzeichneten der Deutsche Sportbund (DSB) und der DTSB der DDR das so genannte »Sportprotokoll«, eine Art entspannungspolitischer Grundlagenvertrag, indem die auf Abschottung gegenüber der Bundesrepublik getrimmte DDR das Zugeständnis regelmäßiger Freundschaftsspiele einging. Diese mussten künftig ein Jahr im Voraus in einem Sportkalender terminlich festlegt werden. Die Stars des BFC Dynamo wurden seit 1977 regelmäßig vom DTSB für die Sportkalender-Begegnungen nominiert. Wenn es gegen die starken Teams aus der Bundesliga zu spielen galt, wurden nur die besten und politisch zuverlässigsten Mannschaften wie der BFC ins Rennen geschickt. Schließlich drohte für die DDR im prestigeträchtigen Fußball stets die Gefahr, das Gesicht zu verlieren. So fiel die Europapokal-Bilanz der deutsch-deutschen Duelle eindeutig zu Gunsten der Bundesliga aus. Bei den Sportkalender-Begegnungen konnten die DDR-Vertreter dagegen durchaus gegen die Bundesliga Erfolge feiern. Schon im Hinspiel in Ost-Berlin hatte der BFC Dynamo auf spiegelglattem Untergrund eine gute Leistung gezeigt, allein die größeren Spielanteile nicht in Tore ummünzen können. Im zweiten Spiel gegeneinander sollte nun möglichst ein Sieg her.

»Wir ändern nicht stündlich unsere Meinung«

Bevor VfB-Geschäftsführer Schäfer mit Dynamo-Präsident Kirste richtig ins Gespräch kommt, platzt dieser jedoch vorzeitig mit einer Bombe heraus. »Wir haben zu viele Verletzte. Unser Ärztekollektiv hat von einer Reise nach Stuttgart abgeraten. Wir müssen das Spiel am Mittwoch absagen.« Schäfer ist schockiert. 2000 Karten sind bereits verkauft, das Quartier gebucht, Plakate gedruckt und sogar ein Vorspiel mit Altinternationalen ist organisiert. Nach dem Telefonat tauscht sich Schäfer in Windeseile mit dem Vereinsvorstand aus. Alle sind der einhelligen Meinung: Diese Entscheidung ist nicht hinzunehmen. Schäfer greift erneut zum Hörer um Kirste umzustimmen. Dieser stellt sich jedoch stur. Schroff bellt er ins Telefon: »Wir ändern nicht stündlich unsere Meinung.« Die fadenscheinige Absage stößt den Stuttgartern mächtig auf. Auch die Presse zweifelt an der Verletzungsausrede. Nach Bekanntwerden der Absage spottet die »Bild«-Zeitung: »Ost-Berlin fürchtet Blamage und kneift vor Stuttgart«. Denn noch im letzten Punktspiel des BFC nur wenige Tage vorher waren bis auf Rainer Troppa alle Stammspieler an Bord. Von einer Vielzahl an Verletzungen keine Rede. Schäfer versucht nun die Politik und die Verbände einzuschalten. Über das Bundeskanzleramt, die Ständigen Vertretungen in Bonn und Ost-Berlin und das Einschalten des DFB und DSB erhofft er die Ost-Berliner auf diplomatischem Weg nach Stuttgart zu zwingen. Vergebens. In  Absprachen zwischen dem DSB und dem DTSB einigt man sich darauf, das Spiel auf das Frühjahr 1983 zu verschieben.

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