Als Celtic Glasgow den Landesmeistercup gewann

Die Löwen von Lissabon

Weil der diesjährige Europapokal beinahe ohne schottische Mannschaft stattgefunden hätte, wurde schon vom Untergang des heimischen Fußballs geschrieben. Dabei war Celtic Glasgow einst das Maß aller Dinge. Wir erinnern an den Landesmeistercup '67. Als Celtic Glasgow den Landesmeistercup gewannImago Zuerst war nur eine Stimme zu hören, dann fiel eine weitere ein, dann noch eine, bis schließlich elf Männer in der Dunkelheit des Tunnels sangen: »Hail, hail, the Celts are here! What the hell do we care now?« Es war die Hymne dieser Männer, die Hymne von Celtic Glasgow.

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Neben ihnen duckten die Spieler von Inter Mailand die Köpfe unter dem Gegröle. Gestriegelt wie Rassepferde waren sie immer noch, doch nun standen sie da wie verschüchterte Schuljungen. Der Weg von den Kabinen ins Estádio Nacional zu Lissabon hatte sie über einen kleinen Innenhof in den dunklen Tunnel geführt. Dort warteten sie nervös darauf, die Treppenstufen vor ihnen erklimmen zu dürfen, um endlich die beruhigende Vertrautheit des Fußballplatzes zu erreichen. Der kurvige, unübersichtliche Weg durch die Dunkelheit hatte sie ihre Nervosität spüren lassen.

»What the hell do we care now?«

Und dann auch noch dieser archaische Gesang! Wie kraftvoll die Glasgower sangen, wie siegesgewiss! »Hail, hail, the Celts are here!« Mittelfeldspieler Bertie Auld hatte das Lied angestimmt. Die Männer, die ihn umgaben, waren wie seine Familie, alle innerhalb eines Radius von 30 Meilen um Glasgow geboren. Sie waren Celtic – »what the hell do we care now?«

In der laufenden Europapokalsaison hatten sich die Glasgower vom tapferen Debütanten zu einem aufregenden Außenseiter entwickelt. Auf ihrem Weg ins Endspiel von Lissabon hatten sie den FC Zürich und den FC Nantes aus dem Wettbewerb gefegt, bevor sie im Viertelfinale die hoch favorisierten Jugoslawen vom FK Vojvodina in einem harten Kampf nach Hin- und Rückspiel 2:1 bezwangen. Den Halbfinalgegner Dukla Prag deklassierten sie zu Hause im Celtic Park mit atemberaubendem Angiffspiel 3:1 und ertrotzten sich im Rückspiel in Prag ein 0:0. In den Wochen vor dem Finale hatten sie jede Trophäe gewonnen, die es zu gewinnen gab: die nationale Meisterschaft, den nationalen Pokal, den Ligapokal und den Glasgow Cup. Der Erfolg dieser Mannschaft hatte eine solche Eigendynamik erreicht, dass etwa die französische Presse nur noch vom »L’Orage« schrieb – dem Sturm.

Dieser Sturm, das deutete sich schon in den Katakomben an, sollte nun auch über La Grande Inter kommen.

Celtic 1966/67: 63 Spiele, 51 Siege, 198 Tore

Nach acht Jahren ohne Titel hatte in den zwei Spielzeiten unter Trainer Jock Stein für Celtic eine neue Ära begonnen. So kam die Mannschaft zwei Tage vor dem Finale voller Elan und Selbstbewusstsein in Lissabon an. »Es gibt ein wunderbares schottisches Wort«, sagt der rechte Außenverteidiger Jim Craig. »Es heißt gallus. Und wenn einer gallus ist, dann ist er sehr von sich überzeugt. Wir sind zwar nicht rumgegangen und haben es jedem auf die Nase gebunden, aber es gab niemanden, mit dem wir es nicht hätten aufnehmen können. Ja, wir waren gallus!« Von den 63 Spielen, die Craig und seine Kumpels in der Saison bestritten hatten, hatten sie 51 gewonnen, nur vier verloren und dabei 198 Tore geschossen.



Und doch machten ihnen nur wenige Experten Hoffnung. Inter Mailand gehörte zum europäischen Hochadel. In vier Spielzeiten hatte die Mannschaft von Trainer Helenio Herrera durch ihren perfektionierten Catenaccio nur ein einziges Mal im Europapokal verloren. Die Trikots der Nerazzurri waren aus Kaschmir. Sie waren, wie Celtics herausragender Mittelfeldregisseur Bobby Murdoch später stichelte, »Ambre-Solaire-Männer«.

Trainer Jock Stein, ein ehemaliger Minenarbeiter, blieb unbeeindruckt vom vermeintlich überlegenen Gegner. »Pokale werden nicht von Individuen gewonnen«, sagte er bei der Ankunft. »Sie werden von Männern gewonnen, die ein Team sind. Männern, denen ihr Verein wichtiger ist als persönliche Anerkennung. Ich habe Glück, denn ich habe Spieler, auf die genau das zutrifft.« Diese Vertrauensbekundung erlaubte es Steins Spielern, sich zu entspannen.

Inter: Vollkommen abgeschottet von der Öffentlichkeit

Der Kontrast zu Inters Vorbereitung hätte damit krasser nicht sein können: Vollkommen abgeschottet von der Öffentlichkeit, wurden die Italiener vom Erwartungsdruck fast erdrückt.

Derweil machten sich über 15.000 Celtic-Fans, von denen viele noch nie im Ausland gewesen waren, auf den Weg nach Lissabon. Die Kosten für Flug und Ticket beliefen sich auf rund 23 Pfund, was mehreren Wochengehältern entsprach. Doch »man musste einfach dabei sein«, wie Celtic-Anhänger John Paterson sagt. Seine Reise führte ihn mit Zügen und Fähren über Land und Meer. Wenn er nicht weiterkam, trampte er. Er hatte keine Ahnung, wie er wieder nach Hause gelangen sollte – »aber irgendwie kommt man schon zurück, oder?«

Andere Unerschrockene hatten sich in einem riesigen Konvoi aus Glasgow auf die 2800 Kilometer lange Reise ins Ungewisse gemacht. Angeführt von dem jungen Journalisten John Quinn in einem grün-weißen Auto der Marke Hillman Imp, schlängelte sich die »Celticade« genannte Parade südwärts bis zur Zollgrenze Portugals. Dort antworteten die fröhlichen Schotten auf die Frage, ob sie etwas zu verzollen hätten: »Celtic wird mit dem Europapokal zurückkommen.«

Ein Fan verkaufte seine Wohnung für ein Ticket

Ernie Wilson hatte die verrückteste Maßnahme von allen ergriffen, um an sein Ticket zu kommen. Er war einer der wenigen, die zu der Zeit eine eigene Wohnung besaßen – und verkaufte sie kurzerhand an den Boss seines Kumpels. »Ich hatte sowieso schon Probleme mit meiner Frau«, sagt Wilson und zuckt mit den Achseln. Die Ehe überlebte das Finale nicht, doch für ihn »war der Trip jeden Penny wert«.

Am Nachmittag des 25. Mai 1967 strömten schließlich Heerscharen von Celtic-Fans ins Estádio Nacional, um das zwölfte Finale des Europapokals der Landesmeister zu sehen. Dicht gedrängt im Estoril End, waren sie den italienischen Fans zahlenmäßig weit überlegen. In Erinnerung an Benficas Schmach gegen Inter im Finale von 1965 feuerten auch die portugiesischen Fans an diesem Tag Celtic an. Sie sangen in gebrochenem Englisch ihnen bis dato unbekannte Songs und nippten glücklich und zufrieden am mitgebrachten Duty-free-Whisky.

So wurde das Finale zu einem Heimspiel für die Schotten. »Unsere Farben waren einfach überall«, sagt Kapitän Billy McNeill. »Es war eine unglaubliche Atmosphäre, ein fantastischer Platz und ein großartiges Spektakel. Alles hat gepasst.«

Torwart Ronnie Simpson war 37, ohne seine Zähne sah er aus wie 67

Und da standen sie nun, im Tunnel, neben ihnen die »Ambre-Solaire-Männer«. Außenverteidiger Jim Craig ließ den Blick über seine Mannschaftskameraden schweifen: »Unser Torwart Ronnie Simpson war 37, und ohne seine Zähne sah er aus wie 67. Der kleine Jimmy Johnstone war mit seinen 1,60 Meter ein Zwerg, und Bertie Auld humpelte beim Gehen. Man konnte richtig sehen, wie die Italiener ihn musterten und dachten: ›Den merk ich mir!‹«

Dabei spielten sie gegen ein Team von furchtlosen Freunden, deren Vertrauen ineinander unermesslich war. Der spontane Gesangsausbruch war eine Manifestation ihrer Kameradschaft. »Es war ein surrealer Moment«, sagt Craig. Und ein psychologischer Geniestreich: Als die Spieler von Celtic das Spielfeld betraten, hatten sie ein Lächeln auf dem Gesicht. In den Ohren der Mailänder jedoch hallten das keltische Lied der Gegner und sieben Jahre Einschüchterungsparolen von Herrera wider.

Trotzdem brauchte Inter nur sieben Minuten, um ein Tor zu erzielen. Renato Cappellini rannte auf das Tor von Celtic zu, prallte mit Jim Craig aneinander und erhielt dafür vom deutschen Schiedsrichter Kurt Tschenscher einen Strafstoß, den Sandro Mazzola sicher verwandelte. Und auf der Tribüne brüllte Craigs Vater: »Bin ich etwa den ganzen Weg hierhergekommen, um das zu sehen?!«

Doch der Rückstand rüttelte Celtic wach. »Danach gab es nur noch einen Weg für uns«, sagt Billy McNeill. Inter zog sich verbissen in die Verteidigung zurück und hoffte, so das 1:0 halten zu können. Der legendäre BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme ahnte: »Inter macht einen großen Fehler, wenn es sich jetzt auf seine weltberühmte Catenaccio-Taktik verlässt. Nicht gegen ein Team wie Celtic, das ebenso viel Mannschaftsgeist wie Können besitzt.«



Tatsächlich wurde ohne Stürmer Jair da Costa und den verletzten Passgeber Luis Suárez Inters Schwachstelle immer deutlicher: Der zusätzliche Mann in der Verteidigung machte ihr Mittelfeld anfällig, überrannt zu werden. Die Glasgower Stevie Chalmers und Willie Wallace standen abwechselnd tief, während Jim Craig und Tommy Gemmell mit schnellen Vorstößen nach vorne agierten. »Dein Job ist es, zu spielen wie Facchetti, zu denken wie Facchetti – sei Facchetti!« hatte Jock Stein Gemmell mit auf den Weg gegeben. Der unermüdlich rennende Glasgower Junge gab also den tief in die gegnerische Hälfte vorstoßenden Außenverteidiger, und Inters Weltstar Giacinto Facchetti staunte nicht schlecht über diese Kopie seiner selbst. Kurz vor der Halbzeit gab Gemmell einen derart gewaltigen Volleyschuss aufs Tor ab, dass Giuliano Sarti seine Mühe hatte, den Ball zu halten. »Ich glaube, ich habe noch nie ein Team gesehen, das so auf Angriff ausgerichtet ist wie Celtic Glasgow«, raunte Kenneth Wolstenholme in seiner Sprecherkabine.

Erste Risse wurden in Inters einst so undurchdringlich scheinender Aura deutlich, und in der Halbzeit peitschte Stein seine Männer weiter nach vorne. Ausschlaggebend war schließlich seine Anweisung, die Taktik umzustellen: Er riet seinen Spielern, die Bälle in den Rücken der Abwehr zu spielen, anstatt mit Flanken über die Flügel zu kommen, um so den Ball von der massiven Inter-Abwehr fernzuhalten. Diese Vorgabe im Kopf, stürmten Craig und Gemmell in der 62. Minute gemeinsam nach vorne. Craig dribbelte auf der rechten Seite, und als er die Verteidigung auf sich gezogen hatte, zirkelte er den Ball zu Gemmell hinüber, der den Pass lautstark eingefordert hatte. Der rechtsfüßige Linksverteidiger jagte einen unhaltbaren Schuss oben ins Netz – Inters Abwehr war geknackt, und bei den Celtic-Fans hinter dem Tor brachen alle Dämme.

»Früher oder später machen die sowieso das Siegtor.«

Die Italiener fanden kein probates Mittel gegen den unerbittlichen Ansturm der Schotten, ihr Catenaccio funktionierte nicht mehr. Sie waren der mechanischen Wiederholung des Abwehrriegels überdrüssig. Selbst Kapitän Armando Picchi drehte sich zu Torwart Giuliano Sarti um und sagte: »Lass es sein, lass es einfach sein. Es hat keinen Sinn. Früher oder später machen die sowieso das Siegtor.«

In der 85. Minute wurden sie von Stevie Chalmers erlöst. Auf der linken Seite hatte Bobby Murdoch einen Rückpass von Gemmell aufgenommen und abgezogen, Chalmers fälschte den Ball so ab, dass er für Sarti unerreichbar war – Tor! 2:1 für Celtic Glasgow!

Laut Kommentator Wolstenholme war Inter nun »zerstört«. Celtic hielt den Ball noch ein paar Minuten in den eigenen Reihen – und dann pfiff der Schiedsrichter ab. Chaos brach aus, Tausende Celtic-Fans erstürmten den Platz, sie fielen über ihre Helden her, gruben Teile des Rasens aus, um ihn mit nach Hause zu nehmen, und feierten selbstvergessen den Triumph. Die völlig erschöpften und überwältigten Spieler hatten Schwierigkeiten, die Kabine zu erreichen. »Ich war sofort umzingelt«, sagt Craig. »Mein Trikot, meine Schuhe und meine Socken wurden mir vom Leib gerissen.« Bobby Lennox und Jimmy Johnstone kämpften sich verzweifelt ihren Weg durch die wild gewordene Menge zum Tor von Ronnie Simpson, um ihre falschen Zähne aus dessen Hut zu retten, bevor sie den Fans in die Hände fielen. Man wollte schließlich lächeln können auf dem Siegerfoto.

Das Gefühl des Anti-Höhepunkts

Doch dieses Siegerfoto ist nie entstanden. Die Stürmung des Platzes durch die jubelnden Fans hatte zur Folge, dass Kapitän Billy McNeill die Trophäe allein entgegennehmen musste. Das Bild eines entkräfteten McNeill in einem geliehenen Trikot, der den glänzenden Pokal vor einem Meer von Fans in die Höhe stemmt, hat zwar zu Recht Kultstatus erlangt. Es wird aber nicht der Mannschaft gerecht, die als »Lisbon Lions« in die Geschichte eingehen sollte. »Das war das Einzige, was mich enttäuscht hat«, sagt McNeill. »Denn wir waren keine Einzelkämpfer, wir waren ein wirkliches Team. Und dann konnten die anderen Jungs an der Pokalübergabe nicht so teilhaben, wie sie es verdient hätten.« Dieses Gefühl des Anti-Höhepunkts setzte sich für die Spieler fort: Später am Abend beim Bankett mussten sie eine Stunde auf die Mannschaft von Inter warten, und Jock Stein wurden die Siegermedaillen schließlich in einem Schuhkarton überreicht.

Dafür wurden sie bei ihrer Heimkehr nach Glasgow von 200 000 Fans empfangen, die die Straßen säumten. Weitere 60 000 warteten im Celtic Park auf ihre Helden. Noch heute sind sie stolz darauf, wie dieser außergewöhnliche Sieg die Geschichte des Fußballs verändert hat. Er war der Triumph des berauschenden Angriffsfußballs über die freudlose Strenge des Catenaccio. »Das ist unser größtes Vermächtnis«, sagt Jim Craig. Für den Celtic-Fan Jim Divers war der Triumph von Lissabon gar »eine Reformation des Fußballs«, was sich größenwahnsinnig anhören würde, wären Matt Busbys Manchester United sowie das Ajax Amsterdam von Rinus Michels und Johan Cruyff Celtic nicht mit so viel Schwung zu europäischem Ruhm gefolgt, während Inters Stern bis 2010 vollkommen verblasste.

Liverpools Trainer Bill Shankly gratulierte Jock Stein mit den Worten: »Du bist unsterblich, John.« Damit würdigte er nicht nur Steins Leistung, als erster nordeuropäischer Klub den Europapokal gewonnen und damit die südeuropäische Vorherrschaft beendet zu haben, sondern schien bereits zu ahnen, welchen Einfluss Celtic auf den Fußball und seine Anhänger haben sollte. Noch heute sind die Auswärtsspiele des Klubs gut besucht von einheimischen Fans, die damals ihr Herz an Steins Mannschaft verloren haben. Stein hatte den Nerv der Sehnsüchte eben dieser Fans getroffen, als er am Vorabend des Finales versprach, dafür zu sorgen, die Schönheit des Spiels zu bewahren: »Wir wollen diesen Pokal nicht einfach nur gewinnen. Wir wollen ihn gewinnen und dabei guten Fußball spielen. Wir wollen, dass neutrale Zuschauer denken, wir haben ihn verdient. Wir wollen uns voller Freude daran erinnern, wie wir ihn gewonnen haben. Wir werden angreifen, wie wir noch nie angegriffen haben. Wir müssen spielen, als ob es keine weiteren Spiele und kein Morgen mehr gäbe.«

Dreckig, humpelnd und zahnlos lösten elf Löwen dieses Versprechen ein.

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