Als Andreas Möller zum Erzfeind wechselte

Die Geburt der Kampfsuse

Am Samstag ist Revierderby. Zeit für dreckiges Vokabular und grundehrliche Ablehnung. Doch was passiert eigentlich, wenn ein Fan-Liebling die Farben wechselt? Wir erinnern an den Transfer von Dortmunds Andreas Möller zum FC Schalke 04.

imago

Rolf Rojeks Telefon stand nicht mehr still. Am ersten Tag schon zählte der Fanbeauftragte des FC Schalke 04 über 200 Protestanrufe. Am zweiten Tag trudelten die Briefe, Faxe und E-Mails ein. Alte grimmige Männer, die noch die Meistertitel der Knappen in den dreißiger Jahren miterlebt hatten, kündigten ihre Mitgliedschaften, Fanklubs schickten ihre Dauerkarten zurück, jugendliche Allesfahrer drohten mit Boykott der Spiele. Rojek konnte sie gut verstehen, denn auch bei ihm »ging die Kinnlade nicht mehr runter, ich war bewegungslos, vor meinen Augen flimmerten diese Bilder«.

Diese Bilder, die Rudi Assauer zeigten, wie er Ende Mai 2000 vor die Presse trat, sich räusperte, mit einem Mal gar ein wenig schüchtern wirkte. Zuvor hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass der Manager einen neuen Transfer verkünden wollte. Rojek dachte da »an Spieler wie Djorkaeff und Wosz, meinetwegen auch Matthäus oder Maradona. Egal wer!«. Dann sagte Rudi Assauer diesen Namen: Andi Möller. Und dann war es für ein paar Sekunden ganz still.

Die Empörung folgte, natürlich. Doch warum machte man so viel Aufregung um einen Spieler, der die Trikotfarben tauschen wollte? Bei all den anderen Weltenwanderern – Rolf Rüssmann, Ingo Anderbrügge, Rüdiger Abramczik, Stan Libuda oder Steffen Freund – hatte man Nachsicht walten lassen, zumeist hatten die Fans ihnen schon nach der ersten ehrlichen Grätsche im Training verziehen, dass sie je das königsblaue oder schwarz-gelbe Trikot übergestreift hatten.

Die Sache mit der Schutzschwalbe

Bei Andreas Möller war alles anders. Nicht nur, dass er beim Klub in der »verbotenen Stadt« spielte, nein, er war in jenen Jahren zum Inbegriff eines Spielers ohne Integrität geworden. Wenn sich die Bundesligafans (Ausnahme: Dortmund und Frankfurt) Ende der Neunziger auf eine Sache einigen konnten, dann war es die grundehrliche Ablehnung des Andreas Möller. Sie nannten ihn »Heulsuse« oder »Heintje«, und sie hatten ihre Gründe.

Da war die Sache mit der Schutzschwalbe im Spiel gegen den KSC anno 1995 und die seltsamen Aussagen danach (»Bei jedem anderen Trainer wäre ich zum Schiedsrichter gegangen – bei Winnie Schäfer nicht«). Oder das seltsame Gebaren am Ende der Saison 1989/90, als sich Andreas Möller endorphingeschüttelt vor die Südtribüne des Westfalenstadions stellte und über Lautsprecher verkündete, dass er für immer und ewig Borusse sei. »Ich bin im Herzen hier«, sagte er. Und ich werde weiterhin für den BVB spielen.« Wenige Tage später unterschrieb er bei Eintracht Frankfurt.

Von Matthäus bis Möller – Elf Spieler, die verstoßen wurden >>

Vor diesem Verhalten verblassten all seine Meriten. Wen interessierte es noch, dass Möller die Welt- und Europameisterschaft gewonnen hatte, mehrmals Pokalsieger und Deutscher Meister wurde, in der Champions League, im Uefa-Cup und sogar im Weltpokal triumphierte? Er hatte schon im Mai 2000 alles gewonnen, was man als Fußballer gewinnen kann. Das gelang nicht mal Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus.

»Am Tag, als Andi Möller starb«

Nun war alles anders – und doch alles wie immer. Die Schimpftiraden brachen über Andreas Möller herein, der gebetsmühlenartig einen Satz wiederholte: »Diesen Berg will ich jetzt besteigen, mit aller Macht, ich will es schaffen.« Er wurde nicht gehört. In Dortmund nicht, denn dort wüteten sie viel zu laut, sie nannten Möller »Judas« und »Verräter« und richtig Kreative sangen: »Wer hat krumme Beine, Tore schießt er keine? Schwuler Andi Möller! Kinderpornostar!« Auch in Gelsenkirchen ging seine Kampfansage unter, denn dort erinnerte man sich an den Stinkefinger, den Möller einst dem Schalker Anhang gezeigt hatte. Im Ohr hatten sie noch die Hymne »Am Tag, als Andi Möller starb«, die in der Melodie des bekannten Conny-Kramer-Liedes von Juliane Werding intoniert wurde.

Einer, der damals eine E-Mail an die S04-Geschäftsstelle schickte, war Ramin Köhn. Er erhielt keine Antwort. Später schrieb er einen Text für die vierte Ausgabe von 11FREUNDE: »Man zelebriert seinen eigenen, kleinen Protest, dem Andi nicht auch nur den leisesten Ansatz von Beifall zu spenden, denn das ist das Mindeste, was man als ordentlicher Fußball- und Schalkefan tun kann«. Und Möller? Der sagte noch einmal: »Diesen Berg will ich jetzt besteigen.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!