»Allez les blancs« statt Équipe Tricolore

Rassismus mit Quote

Der französische Fußballverband diskutierte eine Quote, die den Anteil binationaler Spieler im Jugendbereich auf 30 Prozent begrenzen soll. Ist das rassistisch? Die Debatte spiegelt das französische Identitätsproblem und vegreift sich im Ton. »Allez les blancs« statt Équipe Tricolore

»Wir können das mit einer Quote organisieren.« Dieser Satz alarmiert Frankreich. Gesagt hat ihn Francois Blaquart, der technische Direktor des französischen Fußballverbandes. Er meinte: weniger Spieler mit Migrantionshintergrund, mehr francais de souches, gebürtige Franzosen. Der technische Direktor ahnte immerhin die Brisanz seiner Idee. »Das darf nicht bekannt werden«, schob er hinterher, als die Verbandsoberen im vergangenen November tagten. Es wurde bekannt. Das Internetportal Médiapart lanciert seit letztem Donnerstag die Gesprächsprotokolle. Obgleich der französische Fußball seine Skandale zuletzt am Fließband fertigen ließ, sticht der aktuelle Eklat heraus. Weil er nicht sportlicher Natur ist, jedenfalls nicht nur – er hat auch eine soziale, politische, ja, gesellschaftliche Dimension.

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Die betroffenen Gremien beeilten sich zu erklären, nie sei es ihnen um Herkunft oder Hautfarbe gegangen. Allein die körperliche Statur war Thema. Wenn der FFF damit den Rassismusvorwurf entkräftet glaubt, schießt er ein Eigentor, und zwar ein famoses. Wer über Äpfel statt Birnen redet, redet noch immer über Obst. Statur ist, wie Hautfarbe und Herkunft, ein Kriterium, das nicht entscheidend sein darf. Jetzt agiert vielleicht zu zynisch, wer Laurent Blancs Nachnamen, »hell«, in diesem Zusammenhang seziert. Trotzdem, die Analyse des Nationaltrainers markiert einen Rückfall in vergessen geglaubte Kolonialrhetorik: »Wir produzieren in Frankreich immer den gleichen Fußballer-Prototyp: Groß, stämmig, stark. Und wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen. So ist das nun mal.«

Die Quote ist ein vorgeschobenes Argument

Auch ohne solche Begleitzitate, deren Echtheit Blanc und Co. zähneknirschend einräumten, bleibt die Quotierung von Jugendspielern mit doppelter Staatsbürgerschaft eine absurde Überlegung: Sie bevorteilt die einen aktiv und benachteiligt die anderen passiv. Sie karikiert den Begriff »Leistungssport«. Und sie diskriminiert, denn Diskriminierung beginnt nicht erst mit der Definition, welche Kategorien gut und welche böse sind. Diskriminierung beginnt schon im Denken von Kategorien überhaupt. Selbst wenn der französische Verband tatsächlich daran glaubt, dass im Jugendalter im Gros weiße Spieler aussortiert werden, weil sie nicht robust genug sind – selbst dann verfehlt die Quote ihr Ziel. Es wäre einfacher und richtiger, die Anforderungskriterien zu korrigieren anstatt die Zielmenge, die es durch das Raster schafft.

»Mich schockiert wirklich«, legte Blanc dann noch nach, »dass Leute in den verschiedenen Juniorenteams mit fünfzehn, siebzehn, neunzehn Jahren für die französische Nationalmannschaft spielen, und später dann aber für afrikanische Staaten.« Leider übersieht der General in seiner integren Verzweiflung, dass die Quote auch da keine Lösung bedeutet. Sie reduziert den möglichen Anteil derer, die sich für ein Zweitland entscheiden können, ja. Dass sich dieser Anteil aber noch immer für sein Zweitland entscheiden kann, das fängt sie nicht auf. Die Argumentation aller Beteiligten outet sich als fadenscheinig. Als Unlogik. Und die Debatte ist so ideologische Verirrung und billige Stimmungsmache. Der französische Verband bezeichnet seine Équipe Tricolore zwar gerne als Spiegel der Gesellschaft. Die angedachte Regel aber zeigt: Der Blick in diesen Spiegel gefällt den Verantwortlichen nicht. Mit der Faust wollen sie das Glas zertrümmern.

Gesellschaftliche Normen am Erfolg orientiert


Am bedenklichsten bleibt in all dem Getöse, wie der französische Verband seine Flagge in den Wind hängt. Als die Équipe Tricolore 1998 den WM- und 2000 den EM-Titel holte, feierten die Verantwortlichen das Modell als Erfolg, als multikulturelle Blaupause. »Viele Kulturen, Stile und Spielarten werden optimal miteinander vermischt«, jubelte damals Trainer Aime Jacquet über ein Team, das Zinédine Zidane (Algerien), Youri Djorkaeff (Armenien), Marcel Desailly (Ghana), Christian Karembeau (Neu-Kaledonien) und Didier Deschamps (Baskenland) versammelte.  Jetzt, da der sportliche Erfolg ausbleibt und sich Disziplinlosigkeiten häufen, sind die »Blacks, Blancs, Beurs« plötzlich nicht mehr zeitgemäß. Ein kalkulatorisches Denken offenbart sich, das im Turbogeschäft Fußball nicht überrascht, aber falsch und gefährlich ist. Gestern eine Quote ablehnen, sie heute wieder fordern – das kann nur ein Wendehals, der gesellschaftliche Werte nicht Überzeugung, sondern Übertreibung nennt.

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