05.02.2008

Alhassan Bangura soll abgeschoben werden

In den Mühlen der Bürokratie

Alhassan Bangura floh als 15-Jähriger aus dem Bürgerkriegsland Sierra Leone nach England. In vier Jahren hat er sich beim Watford FC eine Existenz als Fußballprofi aufgebaut. Jetzt soll er abgeschoben werden.

Text:
Matthias Paskowsky
Bild:
Imago
Der Portugiese hatte noch einmal Glück. Er musste nicht lange leiden. Nachdem der Mob ihn mit einem Ohr an ein Holztor genagelt hatte, hetzte ihn die Meute durch London und brachte ihn mit zahlreichen Stichwunden in einer Pfütze zu einem schnellen Tode. Keine Angst, weder José Mourinho noch Cristiano Ronaldo waren involviert. Der folgenschwere Streit zwischen dem Ausländer und einem englischen Seemann ereignete sich vor 250 Jahren. Damals begegnete man Fremden in London noch offen feindselig, wie Christopher Hibbert in »The Roots of Evil« sehr bildhaft beschrieb.




Viel hat sich seitdem geändert. Die Ohren bleiben dran und offene Aggressionen gehören der Vergangenheit an. Watfords Mittelfeldspieler Al Bangura wird das nur wenig trösten. Der 19-Jährige erlebt gerade die zeitgenössische Form der Feindseligkeit: Ablehnung durch das System. Vor vier Jahren ist er unter ebenso ominösen wie illegalen Umständen aus dem Bürgerkriegsland Sierra Leone ins Königreich geflohen. Sein Asylantrag prallte ab und ihm wurde eröffnet, dass er mit Erlangung der Volljährigkeit abgeschoben werden würde. Bis hierhin ist die Geschichte keine unübliche, die Schicksale unzähliger Illegaler sehen so aus.

Alles könnte so schön sein


Bangura hat jedoch eine auf der Insel hochgeschätzte Fähigkeit: Er kann verdammt gut Fußball spielen. Und so verdient er mittlerweile seit fast drei Jahren sein Geld beim Watford FC und führt davon dieses und jenes Steuerpfund an den Fiskus ab. Er hat in der Premier League gespielt, seine Freundin ist Britin, gerade wurde er Vater. Alles könnte so schön sein. Der besitzlose afrikanische Junge erkickt sich eine legale Existenz in der Ersten Welt. Drehbuchautoren schärfen die Bleistifte, Sportartikler entwerfen Sonderkollektionen und fassungslose Integrationsbeauftragte ziehen mit zitternder Hand selig an ihrer Roth-Händle. »Zuviel Weichzeichnung«, muss sich ein zynischer Beamter der Ausländerbehörde angeekelt gedacht haben. Die Maschinerie für Banguras Ausweisung ist längst angelaufen. Gerade hat er in einer Anhörung verloren und darf nun auf die Berufung hoffen. Im Kampf für sein Bleiberecht wird er nicht nur von Elton John, der lokalen Abgeordneten und den Spielergewerkschaften unterstützt. Auch die Fans stellten sich geschlossen hinter ihn und präsentierten im Dezember sein Foto mit dem Slogan »He’s Family«. Selbst die Fans anderer Klubs zeigen ihre Solidarität für den Afrikaner, der in die Mühlen der Bürokratie geraten ist und rufen zum Signieren einer Online-Petition auf.

Der Druck auf das Innenministerium wächst. Jahr für Jahr pumpt die britische Regierung Unsummen in Integrationsprojekte. Bangura wäre keine schlechte Galionsfigur. Doch statt seine Vorbildwirkung zu nutzen, wird an ihm ein perfides Exempel nach dem Muster »Vor dem Gesetz sind alle gleich« statuiert, moralisch scheingerechtfertigt durch die falschen Angaben in seinem Asylantrag. Ganz sauber war das sicher nicht. Aber ist es menschlich so unverständlich, dass ein 15-jähriger Habenichts nach seiner Odyssee das Blaue vom Himmel lügt, um im vermeintlichen Paradies zu bleiben? Aus einer verzweifelten Lüge ist die Geschichte von der Chance geworden, die es nicht gegeben hat und die trotzdem genutzt wurde. Irgendwo an einem überfüllten Schreibtisch sitzt jemand, der das nicht verstanden hat. Bangura wird am Ende des Possenspiels sicher bleiben dürfen. Das Kind ist jedoch im Brunnen. Statt positiver PR gibt es Frust auf allen Seiten und die Art von Polemik, mit der dieser Text begonnen hat.


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