Alexander Zickler über die Mutter aller Niederlagen

»Es war die schönste Party«

Alexander Zickler über die Mutter aller Niederlagen
Heft #90 05/2009
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90
Alexander Zickler, was fällt Ihnen ein, wenn Sie sich an das Drama von Barcelona 1999 erinnern?

Dass ich nach zwei Stunden schlimmster Niedergeschlagenheit die schönste Party erleben durfte, die ich in meiner Zeit beim FC Bayern je gefeiert habe. Selbst unsere Feiern nach dem Sieg im UEFA-Cup 1996 und dem Triumph in der Champions-League 2001 können da nicht mithalten. In dieser Nacht sind wir als Mannschaft eng zusammengerückt und haben uns geschworen – diesen Titel holen wir uns noch.

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Wie viel Weißbier waren es denn?

Viel, sehr viel.

Die schönste Feier Ihres Lebens nach der schmerzhaftesten Niederlage, die man sich vorstellen kann. Wie ist das möglich?


Beim Bankett kam natürlich überhaupt keine Stimmung auf. Aber irgendwann hat Mario Basler dann versucht, das Ganze anzuheizen. Und da wurde jedem klar, dass einem in solchen Situationen nichts übrig bleibt, als nach vorne zu schauen.

Wie viele Spieler sahen das genauso?


Drei oder vier sind auf ihre Zimmer, der Rest hat gefeiert.

Haben Sie beim Bankett noch über das Spiel gesprochen?


Markus Babbel und Mario Basler saßen mit bei mir am Tisch, mit denen habe ich noch einige Situationen diskutiert. Am Anfang waren auch noch Carsten Jancker und Stefan Effenberg dabei, aber die waren so niedergeschlagen, dass sie dann aufs Zimmer gegangen sind.

Wann waren Sie im Bett?


Ich bin gegen sechs auf mein Zimmer gegangen, habe meine Tasche gepackt und geduscht. Dann gab es Frühstück und kurz danach sind wir zum Flughafen gefahren.

Sie sagen, aus dem Frust von 1999 sei der gemeinsame Wille entstanden, der 2001 zum Gewinn der Champions League führte. Die Mannschaft 1999 war also, im Gegensatz zu vielen anderen Bayern-Äras, nicht die gewohnte Zweckgemeinschaft.


Die Mischung in unserem Team stimmte. Wir hatten nicht den einen Topstar, wir hatten eine super Mannschaft. Nicht von ungefähr haben wir Manchester United im Finale über weite Strecken dominiert.

Warum haben Sie dennoch verloren?


Wenn man ein Spiel in der Nachspielzeit verliert, kann man hinterher nicht sagen, wir hätten anders spielen müssen. Manchester hat alles nach vorne geworfen, alles versucht und wir hatten die Möglichkeiten, das Spiel zu entscheiden. Wir waren die bessere Mannschaft und hätten gewinnen müssen.

Sie wurden in der 71. Minute ausgewechselt. Wie haben Sie die Gegentore erlebt?


Ich saß auf der Bank am Spielfeldrand. Nach dem Ausgleich war ich total fertig, hab nur noch nach unten geschaut, aber das Spiel lief weiter. Ich war sicher, jetzt geht es in die Verlängerung. Aber dann fiel auch noch der zweite Treffer…

Hatten Sie sich schon ein frisches Trikot für die Siegerehrung übergestreift?


Nein, aber ich habe mitbekommen wie zwei Kisten Caps und die T-Shirts mit der Aufschrift »Champions-League-Sieger 1999« zur Bank gebracht wurden.  Ein, zwei Shirts hatte ich mir schon für den Schlusspfiff genommen.

Dann kam der Moment des Abpfiffs…


…und mit ihm die absolute Leere. Ich saß zehn Minuten auf dem Rasen und konnte gar nichts mehr machen, ich war einfach nur fassungslos. Wir waren die bessere Mannschaft und hatten so unverdient verloren. Es war bitterer, als wenn man nach Elfmeterschießen verliert.

In der Kabine soll Grabesstimmung gewesen sein.


Das war unbeschreiblich. Nach und nach trudelten wir dort ein und jeder hat versucht,  ein ruhiges Plätzchen zu finden, wo man sich verstecken und mit seinen Gefühlen wieder ins Reine kommen kann.

Oliver Kahn stürzte diese Niederlage in eine Depression, die fast zwei Jahre anhielt.


Die Champions-Legue zu gewinnen, ist das Größte, was man im Vereinsfußball erreichen kann. Und der Olli ist so ehrgeizig, es muss ihn wahnsinnig gemacht haben, dieses Spiel in der Nachspielzeit zu verlieren. Zum Glück haben wir den Titel 2001 geholt, sonst hätte er wahrscheinlich bis 50 gespielt, um den Pokal doch noch in den Händen zu halten.

Das Spiel in Barcelona 1999 war Ihr erstes Champions-League-Finale. Konnten Sie vorher gut schlafen?


Ich bin relativ früh ins Bett gegangen, so kurz vor elf Uhr. Aber ich bin erst gegen 1.00 Uhr eingeschlafen, weil die Anspannung so groß war. Man fragt sich, was wohl auf einen zu kommt und natürlich spielt man im Kopf auch verschiedene Szenarien durch.

Waren Sie überrascht, dass Sie von Anfang an spielten?


Ein bisschen schon. Zwei Tage vor dem Spiel kam der Trainer zu mir und hat mir meine Position angewiesen. Ich sollte versuchen, über die Außen zu kommen und meine Schnelligkeit auszunutzen.

Alexander Zickler, war dass Finale in Barcelona 1999 die schlimmste Niederlage Ihres Lebens?


Auf jeden Fall! Ich glaube auch nicht, dass es schlimmer geht. Das Spiel gegen Manchester verfolgt einen noch Jahre später, denn so ein Spiel hat es noch nie gegeben. Ich weiß auch nicht, wie es heute wäre, wenn wir den Titel 2001 nicht  geholt hätten...

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