29.07.2007

Alemannias Superlativ

Die dreckigste Damentoilette

Die Verantwortlichen von Alemannia Aachen müssen sich fragen lassen, ob sie die richtigen Prioritäten gesetzt haben: Während am Tivoli ein Stadion-Service-Team rekrutiert wird, hadern weibliche Fans mit dem Zustand ihrer Nasszellen.

Text:
Melanie Kaltenbach
Bild:
Imago
Von unten betrachtet sehen die Dinge ja immer größer aus, als sie wirklich sind. Das ist ein Naturgesetz und vermutlich auch der Grund dafür, warum Männer es so schön finden, wenn Frauen vor ihnen niederknien. Insbesondere im letzten Zipfel des Westens ist man es gewohnt, von unten nach oben zu gucken. Dass die Aachener in der letzten Saison ausnahmsweise einmal ganz oben mitspielen durften, bestätigt diese Regel nur.



Ein besonders schönes und eindrucksvolles Beispiel für die traditionelle Blickrichtung der Alemannia findet man denn auch in allernächster Nähe zum Spielgeschehen. Unterhalb der so gerne »Humba«-tänzelnden Masse versteckt sich in den Katakomben des Würselener Walls das Damenklo. Dieses schert sich ganz offensichtlich einen feuchten Kehricht um die ästhetischen Bedürfnisse der zivilisierten Welt. Käme die frühere RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt jemals auf die Idee, ein Alemannia-Spiel zu besuchen, sie fühlte sich womöglich an die alten Zeiten erinnert, die sie in Isolationshaft zubrachte. Dunkelgrau melierte Kacheln und hellgrau gemusterte Wände, die niemals einen professionellen Verputzer gesehen haben dürften. Das Klo als solches macht einfach nur Angst. »Schlot des Grauens« wäre eine angemessene Beschreibung, reicht das Auge beim Hochklappen des Klodeckels doch ohne Umwege so weit, wie es eigentlich niemals reichen wollte: bis auf den Urgrund der Aachener Kanalisation!

Ein Unterfangen der fünften Dimension

Insbesondere im Winter mutiert der Akt der weiblichen Blasenentleerung mangels Heizkörpern zu einem Unterfangen der fünften Dimension. Den mausgrauen Boden besagten Damenklos kennen übrigens auch all diejenigen unter uns, die Anfang der 70er Jahre noch zu jung waren, um sich einer terroristischen Untergruppe anzuschließen. Stattdessen verbrachten wir einen nicht unerheblichen Teil unserer herbstlichen Freizeit in städtischen Turnhallen, wo es etwas gab, das dem oben beschriebenen Damenklo erschreckend ähnlich sah und die Beschreibung »Nasszelle« demzufolge mehr als verdiente. In der Nasszelle duschte man kollektiv und das einzige, über das man sich Gedanken machte, war, ob der im morgendlichen Kommunionsunterreicht erwähnte Teufel eventuell in Gestalt seelenloser Architekten sein irdisches Unwesen trieb.
Ein ähnlich gehörnter Herr muss auch zu Werke gegangen sein, als es seinerzeit das stille Örtchen unter dem Würselener Wall zu konstruieren galt. Das an Schlichtheit nicht zu unterbietende Kleinod gehört zweifelsohne nicht zur Kategorie jener Damentoiletten, auf die beste Freundinnen immer gemeinsam gehen, um dort in allen Einzelheiten über Dinge zu sprechen, von denen Männer niemals erfahren werden, dass Frauen sich derart detailliert darüber austauschen. Auch die Sorte Toilette, die gelegentlich von Frau und Mann gemeinsam aufgesucht wird, um dort Dinge zu tun, über die Frau anschließend in allen Einzelheiten mit ihrer besten Freundin spricht, dürften ein ganz anderes Design aufweisen. Derlei Örtlichkeiten verlangen nämlich ein Ambiente, das ein Mindestmaß an intimer Entfaltungsmöglichkeit sicherstellt.

Folglich liegt es auf der Hand, dass sich das alemannische Damenklo nicht für große Geschäfte eignet. Aber diese werden ohnehin am Sonnenweg, dem Sitz der Geschäftsstelle, gemacht. Was das angeht, darf sich der getreue Tivolibesucher zukünftig auf eine ganze Schüssel voll kunterbunter Ideenhäufchen freuen. Da wurde zunächst erfolgreich das »Team Tivoli« rekrutiert, eine Art Fähnlein Fieselschweif »von Fans für Fans«. Die Freiwilligen sollen demnächst ehrenamtlich als Abseitsregel-Erklärer, Zum-Platz-Hinbringer, Würstchenbuden-Zeiger, Colalimowasserbier-Holer, Popo-Abputzer und – so der grandiose Vorschlag eines Fans im Fan-Forum – »Fressehinhalter« für gegnerische Fans fungieren. Zudem haben sich jüngst weitere Freiwillige gefunden, die sich in einen schwarz-gelb gestreiften Ganzkörperplüschoverall einmummeln werden, um sich in den Halbzeitpausen beim putzigen Winkewinke von der Fanschar wüst beschimpfen und mit Plastikbechern bewerfen zu lassen. Die kreative Potenz aller Beteiligten macht den Salto Mortale momentan derart galant aus dem Stand, und das auch noch mit Augen zu, dass einem beinahe das Blut in den Adern gefriert! Aber das wird erst wieder im Winter passieren. Zum Beispiel, wenn man während des Spiels mal muss und deswegen in die niederen Gefilde absteigt, wo man sich zumindest des überflüssigen Kleinkrams problemlos entledigen kann. Die wirklich fetten Geschäfte werden weiterhin woanders gemacht, wo so vieles größer aussieht, als es wirklich ist.
Naturgesetz.

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