Alemannia Aachen vs. Jörg Schmadtke

Nach dem Goldrausch

Unter Manager Jörg Schmadtke erlebte Aachen einen unvergleichlichen Höhenflug. Doch mit dem Erfolg begann ein schleichendes Zerwürfnis zwischen Aufsichtsrat und dem kauzigen Sportdirektor, das mit einem spektakulären Rausschmiss endete. Alemannia Aachen vs. Jörg SchmadtkeImago
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Ein Mann muss manchmal tun, was ein Mann tun muss. Und weil er grad da war, ergriff Jörg Schmadtke die Gelegenheit beim Schopfe – und machte die Sache publik: Ende Oktober gab der Sportdirektor bekannt, dass zum Saisonende für ihn in Aachen Schluss sein würde. Live und in Farbe im DSF, nur Minuten vor dem Anpfiff des Spiels seiner Alemannia gegen den FSV Mainz 05. Kündigte da ein Manager seine triumphale Abschiedstournee bei einem Klub an, den er in sieben Jahren vom Pleiteklub zum UEFA-Cup-Teilnehmer gemacht hatte? Oder provozierte ein egozentrischer Trickser hier lediglich seine Demission?

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Der Vorstand bereitete dem Spuk ein schnelles Ende. In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz verkündete Aufsichtsratsboss Dr. Jürgen Linden um 23.49 Uhr des 20. Oktobers 2008 die Beurlaubung des Sportdirektors. Im verflixten siebten Jahr. Es gibt Beziehungen, die zerbrechen, weil ein Partner sich neu verliebt. Die meisten aber gehen kaputt, weil einer den anderen nicht mehr erträgt. So war es wohl auch in diesem Fall – ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Nur wer hat hier eigentlich wen verlassen?

»Er hat deutlich gemacht, dass es ihm an Motivation für den Job fehlt«

Es gibt eine kurze und eine lange Version der Geschichte: Die kurze begann im März dieses Jahres. Damals traf sich der Vorstand mit Schmadtke, um über dessen Zukunft zu beraten. Die Welle des Erfolgs, auf der der Klub unter dem zupackenden Sportdirektor lange Zeit surfte, war abgeebbt. Mit Guido Buchwald hatte Schmadtke seinen Coach für die laufende Saison bereits wieder entlassen müssen. Und an den erhofften Wiederaufstieg ins Oberhaus wagte niemand mehr zu denken. Alemannia dümpelte im Niemandsland der Liga. Im Vorfeld der Besprechung soll Schmadtke von einem der Aufsichtsräte gefragt worden sein, ob er der Ansicht sei, seinem Job noch gerecht zu werden. Was bei dem verdienten Manager nach sieben Jahren Klubzugehörigkeit durchaus zu einiger Entrüstung führte. »Unappetitlich« sei der Umgang seitens des Aufsichtsratschefs mit ihm gewesen. Er signalisierte den Bossen also, dass er nicht an seinem Job kleben würde. »Er hat deutlich gemacht, dass es ihm an Motivation für den Job fehlt«, sagt Aachen-Geschäftsführer Frithjof Kraemer, was Schmadtke vehement bestreitet: »Dafür ist die Transferperiode im Sommer aber noch mal ziemlich gut gelaufen.«

Der Aufsichtsrat hatte damals gehofft, den Manager mit einem Blumenstrauß und Aachener Printen zu verabschieden. Doch Schmadtke verlangte eine angemessene Abfindung, die sich der wirtschaftlich unter Druck stehende Klub nicht leisten wollte. Sein Vertrag lief noch bis Ende Juni 2009, also setzte man wohl oder übel die Zusammenarbeit fort und traf sich am 15. Oktober 2008 erneut, um »ergebnisoffen« über seinen Verbleib bei Alemannia Aachen zu sprechen. Doch längst meldete der Flurfunk auf der Geschäftsstelle, dass die Entscheidung des Aufsichtsrates gegen den Manager gefallen sei.

»Warum lange herumeiern?«

Beim freitäglichen Jour Fix mit Frithjof Kraemer teilte der Geschäftsführer Schmadtke mit, die Führung sei übereingekommen, dass es besser sei, zukünftig getrennte Wege zu gehen. Das Angebot: Der Manager sollte zum 15. Dezember 2008 beurlaubt werden und bis zum Ende seines Vertrages auf 40 Prozent seiner Bezüge verzichten. Schmadtke nahm die Entscheidung mit ins Wochenende zur Renovierung in seine Wohnung nach Düsseldorf. Kurzmitteilungen auf seinem Handy, die während der freien Tage von der Klubführung bei ihm eintrafen, ließ er unbeantwortet. Am Montag machte er Kraemer ein Gegenangebot: Er werde auf maximal 20 Prozent verzichten und die Entscheidung, dass er als Sportdirektor aufhöre, solle noch heute bekannt gegeben werden.

Gegen 17 Uhr des 20. Oktobers erbat sich der Geschäftsführer einen Aufschub der Bekanntgabe bis Mittwoch, weil er so schnell kein Feedback vom Aufsichtsrat einholen könne. Schmadtke aber, der am Freitag zuvor bei einer Spielbeobachtung in Bochum von einem DSF-Mann angesprochen worden war, ob er für eine sportliche Einschätzung vor dem Heimspiel der Alemannia gegen Mainz 05 für ein Interview zur Verfügung stünde, nutzte die publicityträchtige Gelegenheit. Da das Live-Interview so kurz vor dem Spiel stattfand, dass der Inhalt des Gesprächs erst nach dem Abpfiff bei der Mannschaft ankam, verkündete er seinen Abschied: »Warum lange herumeiern?«

Die ausführliche Fassung dieses Zerwürfnisses begann wie bei so vielen emotionalen Scheidungsdramen mit sehr viel Leidenschaft. Im Herbst 2001 stand die Alemannia vor ihrem Ende. 4,5 Millionen Euro Schulden drückten den Verein fast in die Insolvenz. Schmadtke: »Es gab nichts: kein Scouting, keine Verträge, keine Spieler.« Der Verein schaltete ein Stellenangebot im »Kicker«: »Manager gesucht«. Jörg Schmadtke schien trotz aller Unerfahrenheit wie gemacht für den Krisenjob, in dem unkonventionelles Handeln und Anspruchslosigkeit gefragt war. Nach zwölf Jahren im Tor von Fortuna Düsseldorf, dem SC Freiburg und bei Bayer Leverkusen hatte er sich als Vertreter einer Kunstrasenfirma und als Torwarttrainer bei Fortuna Köln und Co-Trainer von Rainer Bonhof bei Borussia Mönchengladbach versucht.

»Als ich in Aachen anfing, war der Verein wie ein rotierender Tisch, auf dem Jörg Berger und ich standen und verzweifelt versuchten, die Balance zu halten – heute steht dieser Tisch bombenfest.«

Am 7. November 2001 trat er an, vier Tage später wurde er bereits in den Notvorstand des Klubs an die Seite von Dr. Jürgen Linden beordert, weil der bisherige Vorstand zurücktreten musste. Die Aufräumarbeiten begannen. Er führte sinnvolle Bürostrukturen ein, ließ die Verträge überarbeiten, hatte mit Jörg Berger einen robusten und erfahrenen Coach an seiner Seite und verbrachte fortan jede freie Minute auf Provinzsportplätzen, um nach günstigen Talenten zu fahnden.

Am Ende der Saison 2001/2002 standen im Kader der Alemannia gerade einmal elf Spieler mit laufenden Verträgen. Zwölf Monate später vermeldete Schmadtke dann seinen ersten spektakulären Transfer: Die Verpflichtung von Eric Meijer war richtungsweisend. Schmadtke erinnert sich: »Unser Vizepräsident Tim Hammer sagte zu mir: Hol mir einen Spieler, mit dem ich durch die Stadt gehen und Marketing machen kann.« Der Niederländer kam an den Tivoli  – und verlieh dem tristen Image der Kartoffelkäfer nach langer Leidenszeit endlich wieder den Glanz der großen weiten Fußballwelt. Der volksnahe Meijer – in Kombination mit dem urigen Willi Landgraf – wurde das Gesicht der neuen Alemannia, die unter dem Motto »Arm, aber sexy« ein neues Selbstbewusstsein ausbildete.

»Schmaddi macht das schon«

In der Folge landete Jörg Schmadtke mit jeder Spielzeit neue Transfererfolge. Für Simon Rolfes, Jan Schlaudraff und auch Vedad Ibisevic wurde der Tivoli zum Sprungbrett für eine große Karriere. 30 Monate nachdem Schmadtke beim Abwicklungskandidaten Alemannia angeheuert hatte, erreichte der Klub das DFB-Pokalfinale in Berlin. Dort waren die Alemannen dem deutschen Meister Werder Bremen zwar knapp unterlagen, zogen aber in den UEFA-Cup ein und sanierten sich dort über das Erreichen der Gruppenphase in Rekordzeit. Schmadtke: »Als ich in Aachen anfing, war der Verein wie ein rotierender Tisch, auf dem Jörg Berger und ich standen und verzweifelt versuchten, die Balance zu halten – heute steht dieser Tisch bombenfest.«

Trotz seiner Erfolge wurde Schmadtke von Beginn an eher geachtet als geliebt. Doch so lange die Erfolgskurve nach oben zeigte, konnte das Umfeld mit seinem Einzelgängertum und seiner fehlenden Bereitschaft, ausgelassen mit den Fans zu feiern, sehr gut leben. Während Aufsichtsräte in den Fankneipen herumstanden, mimte er den Outlaw. Bei der Aufstiegsfeier 2006 musste er von den Spielern auf dem Rathausbalkon regelrecht genötigt werden, sich an der Brüstung den Fans zu präsentieren. »Schmaddi macht das schon«, verließen sich nicht nur die Anhänger, sondern auch die Klubbosse in den ersten Jahren gern auf die Geschicke des Managers, der den Weggang von Erfolgscoach Jörg Berger ebenso übergangslos mit dem beliebten Dieter Hecking kompensierte, wie später immer wieder die Abgänge prägender Spieler.

Auf unkonventionelle Weise negierte er das ungeschriebene Gesetz, dass einst Alemannia-Trainer Peter Neururer nach seiner Entlassung im April 1989 zu Protokoll gegeben hatte: »In Aachen hast du keine Chance, wenn du kein Öcher Platt sprichst.« Sein unbändiger Fleiß beim Scouting (85 000 Kilometer jährlich im Dienstwagen zu Spielbeobachtungen), seine guten Kontakte in die Fußballszene (sein Telefonbuch vermisst die Alemannia derart, dass ihn noch immer Ex-Kollegen nach Nummern fragen), sein Selbstbewusstsein und seine Durchsetzungsfähigkeit machten ihn zu einem Fels in der peitschenden Brandung der anfänglichen Krisenzeit. Christoph Pauli, Sportchef der »Aachener Zeitung«, bringt es auf den Punkt: »Er ist die Idealbesetzung für Klubs, die verzweifelt sind. Denen beschert er eine außerordentliche Rendite. Schmadtke funktioniert aber am besten, wenn man seine Spielregeln akzeptiert, denn er gefällt sich in der Rolle als Kauz oder Querdenker.«

Dank des ehemaligen Kunstrasenverkäufers war Alemannia Aachen bald wieder ein Musterschüler der Zweiten Liga. Doch mit dem Erfolg stiegen auch die Erwartungen und die Anzahl derer, die mitverantwortlich für die Hausse sein wollten. Immer öfter entpuppte sich Schmadtke als Spaßbremse in der Euphorie. Auf der einen Seite er, der akribische Arbeiter, der die Tücken des Erfolges und der hohen Erwartungen kennt, auf der anderen die beglückten Ehrenamtler im Aufsichtsrat der 2006 ausgelagerten Fußball GmbH der Alemannia, die im Angesicht des sicheren Erstligaaufstiegs schon lange vor Saisonende 2005/2006 in Partystimmung gerieten.

»Frontzeck war ein guter Trainer, aber in Aachen wollte ihn letztlich keiner haben.«

Als im April 2006 der Rückkehr ins Oberhaus praktisch vollzogen war, blökte Schmadtke gezielt mit einem Interview in der »Aachener Zeitung« gegen die allseits aufjaulende Fetenmusik an: »Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass der eine oder andere nur noch taumelt. (...) Manche Dinge werden nur noch abgearbeitet, planerische Vorausschau fehlt.« Ein Warnschuss an die fußballfernen Bosse im Aufsichtsrat, der seine Wirkung nicht verfehlte. Und das erste Mal signalisierte ihm die Klubführung, er möge sich mit seinen Äußerungen zukünftig mehr zurückhalten, sonst drohten disziplinarische Maßnahmen. Der avisierte Fünfjahresvertrag, den Schmadtke nach dem Aufstieg erhalten sollte, wurde auf drei Jahre begrenzt.

Zu seinen Gegenspielern avancierten zunehmend die beiden mächtigen Männer im Aufsichtsrat: Aachens Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden, der den Manager 2001 eingestellt hatte, und der Banker Franz-Wilhelm Hilgers. Die Mentalitätsunterschiede der beiden verglichen mit dem kauzigen Schmadtke könnten größer kaum sein. Ohne Volkstribun Dr. Jürgen Linden läuft im öffentlichen Leben Aachens nichts.

Linden mischt überall mit, im Präsidium des Deutschen Städtetages, im Vorstand der Aachener Sparkasse und im Karneval. In seinem aktuellen Lebenslauf stehen nicht weniger als 22 Funktionen und Ehrenämter in öffentlichen Einrichtungen. Wenn er durch die Fußgängerzone geht, kennt er auffallend viele Passanten mit Namen. In Aachen scherzen sie, wenn Karl der Große noch leben würde, er könnte nur mit Lindens Gunst erneut den Thron besteigen. Hilgers, Vorstand der Aachener Bank und ein Mann, wie er fußballfremder kaum sein kann, war die Hemdsärmeligkeit des Managers von Anfang an ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt, weil auch das exorbitante Gehalt, das Schmadtke nach dem Bundesligaaufstieg 2006 bezog, nicht mehr in die Vorstellungs-welt des honorigen Betriebswirts passte.

»Ein Gremium, das der sportlichen Leitung neun Monate die Knüppel zwischen die Beine geworfen hat.«

Und es vollzog sich allmählich das fast schon gewohnte Machtspiel, das in Profivereinen stattfindet, wenn sportlicher Sachverstand und Vereinsmeierei miteinander kollidieren: Die erste Personalie, die Schmadtkes Ansehen im Klub beschädigte, war die Verpflichtung des Trainers Michael Frontzeck. Neben Frontzeck stand auch Jos Luhukay für die Nachfolge des schon bald nach Hannover abgewanderten Dieter Hecking in der engeren Auswahl. Schmadtke aber gelang es, den Jungcoach vom Niederrhein beim Klub durchzudrücken. Linden fehlte in der Sitzung, als über den Coach entschieden wurde.

Doch der fußballerische Stammbaum eines verhassten Ex-Gladbachers machte Frontzeck von Beginn an zur Persona non Grata bei den Fans. Hans Libotte, Sprecher Fan-Vereinigung »IG-Alemannia«, sagt: »Der war zu Gladbacher Zeiten mit dem Stinkefinger vor unserem Fanblock rumgelaufen – und nun saß er bei uns auf der Bank.« Das Experiment misslang – bis zum 26. Spieltag lag die Alemannia noch im gesicherten Mittelfeld der Bundesliga, dann verschlechterten sich die Ergebnisse zusehends. Auch im Vorstand waren in dieser Zeit offensichtlich einige Herren geneigt, sich der Meinung der Fans bezüglich des Trainers anzuschließen – der Vorsitzende des Alemannia-Ältestenrates Professor Helmut Breuer nannte ihn »nichts weiter als ein Co-Trainer«.

Am Ende der Bundesligasaison, die mit dem Abstieg endete, schmiss Frontzeck entnervt die Brocken hin und gab dem Aufsichtsrat beim Abschied eine gehörige Mitschuld an seinem Mobbing: »Ein Gremium, das der sportlichen Leitung neun Monate die Knüppel zwischen die Beine geworfen hat.« Bis heute gilt der Abstieg bei allen Beteiligten in Aachen als eine Verkettung unglücklicher Umstände, die sich nur schwer in Worte fassen lasen. Schmadtke resümiert: »Frontzeck war ein guter Trainer, aber in Aachen wollte ihn letztlich keiner haben.«

Nach diesem Fiasko präsentierte Schmadtke zwei Nachfolge-Varianten: Den von ihm präferierten Jürgen Seeberger – und Guido Buchwald, der bis dato nur in Japan als Coach Erfahrungen gesammelt hatte. Geblendet von der Vorstellung, unter einem Weltmeister den Wiederaufstieg zu schaffen, entschieden sich Aufsichtsrat und Geschäftsführung für den Schwaben. Schmadtke überließ diesmal den Bossen die Entscheidung. Er hatte sich bei seinem Vorschlag auch auf die Einschätzung von Buchwalds Co-Trainer Gert Engels bei den Urawa Red Diamonds verlassen – doch die Voraussetzungen in der deutschen Zweiten Liga überforderten den Schwaben von Anfang an.

»Sag a mal, Fiéllo, hascht du eigentlich auch einen Vornamen?«

Ganz abgesehen davon, dass ihm das Faible für das raue Aachener Temperament abging. Er verwechselte Namen der gegnerischen Spieler bei seinen Kabinenansprachen. Seine Profis machten sich über ihn lustig, weil er nach einem Training minutelang durch die Kabine irrte und jeden Spieler nach einem Fön fragte. Den langjährigen Alemannen, Mittelfeldspieler Cristian Fiél, soll er noch Wochen nach Saisonbeginn nur unter seinem Spitznamen gekannt und ihn schließlich gefragt haben: »Sag a mal, Fiéllo, hascht du eigentlich auch einen Vornamen?« Zum ersten Mal hatten sich die Bosse über den Rat ihres Sportmanagers hinweg gesetzt – und sie hatten daneben gegriffen. Ironisch übernahm Schmadtke in den Medien die Verantwortung für die Personalie Buchwald – und setzte sich nach der Auswärtsniederlage in Augsburg am 14. Spieltag bis zur Winterpause 2007/2008 übergangsweise selbst auf die Bank.

Doch die schlechten Ergebnisse hatten die Bosse misstrauisch gemacht. Der Aufsichtsrat unterzog Schmadtkes Arbeit nun zunehmend einer Qualitätskontrolle. Fortan war der Manager angehalten, monatlich bei den Aufsichtsratssitzungen über das Scouting zu referieren, damit die hohen Herren über den Fortgang der Entwicklung im Bilde waren. Ein Affront gegen ihn, der doch in Aachen ein strukturiertes Scouting erst eingeführt hatte. Bis dato hatte der Sportdirektor Transferfragen ausschließlich mit dem Trainer erörtert, um den Kreis der Mitwisser zu begrenzen und so eine verfrühte Bekanntmachung neuer Verpflichtungen zu verhindern. »Denn ein Klub wie die Alemannia hat aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation keine Chance, Spieler teuer einzukaufen. Und wenn ein Transfer vor Vollzug öffentlich wird, interessieren sich automatisch auch andere für den Spieler.«

Schmadtke fühlte sich kontrolliert – und tat das, was ihm vom Naturell her am nahesten lag: Er schaltete auf stur – und sorgte dafür, dass er des Öfteren an Tagen der Aufsichtsratssitzungen Urlaub hatte. Es endete im Kleinkrieg: Als im ambitionierten Stadionprojekt am Tivoli der offizielle Spatenstich vollzogen wurde, ließ sich Schmadtke entschuldigen, weil er auf Scoutingtour müsse. Er war sauer, dass er die Einladung erst zwei Tage vorher erhalten hatte. Er sagt: »Ich gehe halt nicht gerne auf Pressetermine, bei denen ich den Eindruck habe, dass man mich nicht dabei haben will.« Der sonst so gleichmütige Linden rief seinen Manager nun schon deutlich gereizter zu mehr Entgegenkommen auf.

»Wenn Jörg schlechte Laune hatte, war man froh, wenn man ihm nicht begegnete.«

»Das Vertrauen schwand. Das neue Stadion, die Ambitionen – der Aufsichtsrat verlor die Nerven und war nicht mehr in der Lage das große Ganze zu sehen, sondern griff immer häufiger Details auf«, resümiert der Manager. Weil der Klub die Leistungsträger nicht halten konnte, wurde ihm nun sogar Naivität unterstellt, weil etwa Vedad Ibisevic im Vertrag eine Freigabe für einen ablösefreien Wechsel in die Erste Liga besaß. Ohne diese Optionen hätte Aachen jedoch nie die Chance gehabt, Leistungsträger wie den Bosnier zu bekommen.

Schmadtkes Entfremdung im Mikrokosmos der Geschäftsstelle war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls weit fortgeschritten. Selbst Eric Meijer sagt: »Wenn Jörg schlechte Laune hatte, war man froh, wenn man ihm nicht begegnete.« Das war es wohl auch, was Dr. Jürgen Linden meinte, als er in der Nacht von Schmadtkes Demission sagte: »Wir haben lange genug seine Psyche akzeptiert.« Der Einzelgänger lehnte eine Einmischung vom fußballfremden Aufsichtsrat strikt ab. Die Bosse reagierten allergisch auf die Zurückweisung und klagten per Dienstanweisung ein, über die Amtsgeschäfte des sportlichen Abteilungsleiters informiert zu werden, was der wiederum als Affront verstand und mit hintersinnigem Sarkasmus quittierte. Das Verhältnis war nicht mehr zu kitten.

Ende November sitzt Jörg Schmadtke im Starbucks am Düsseldorfer Hafen. Er fährt jetzt viel Fahrrad, obwohl er erst letzte Woche seinen neuen Dienstwagen aus Aachen abgeholt hat. Seine Verbindungen in den Klub sind nach wie vor autobahnbreit. Natürlich drückt er seiner Truppe für den Aufstieg weiterhin beide Daumen – schließlich ist in seinem Vertrag eine Aufstiegsprämie festgeschrieben.

»Es muss einer sein, der das Feuer in den Augen hat«

In Aachen haben sie in Ermanglung eines Nachfolgers eine Managerfindungskommission eingesetzt, bestehend aus dem Idol Eric Meijer, Eric van der Luer, dem Trainer der U23-Alemannen, und Scout Hermann Grümmer. Der Niederländer van der Luer hätte den Managerposten gerne übernommen. In einem internen Gespräch der Task-Force soll er seine Bewerbung auch vorgebracht haben. Er wurde gebeten, den Raum zu verlassen, Aufsichtsrat und sportliche Interimsleitung berieten den Fall – und entschieden gegen ihn. »Er macht als Oberligatrainer hervorragende Talent-Arbeit, die in unserer Situation auch sehr wichtig ist«, begründet Frithjof Kraemer die Entscheidung. Internen Quellen im Klub ist jedoch zu entnehmen, dass van der Luer auch nicht als Manager verbrannt werden soll, weil er irgendwann den nicht ganz unumstrittenen Trainer Jürgen Seeberger beerben könnte. Eric Meijer hat nach einem Sabbatjahr keine Lust auf einen Vollzeitjob als Manager.

Man sondiert also Bewerbungen. Diesmal kommt die Führung ohne ein Stellengesuch aus. Angeblich liegen die Bewerbungsmappen von 18 seriösen Anwärtern auf den Posten vor. Sieben Sportdirektoren sind in der engeren Auswahl: Als aussichtsreichster Kandidat – weil derzeit ohne Beschäftigung im Fußball – gilt Andreas Bornemann, Ex-Manager des SC Freiburg. Außerdem mit auf der Liste: Rolf Dohmen (KSC-Manager), Markus van Ahlen (B-Jugend-Trainer des HSV), Stefan Beutel (Manager von Rot-Weiß Erfurt), Thomas Strunz (Sportdirektor bei Rot-Weiss Essen), Martin Braun (Geschäftsführer von VfR Ahlen) und Oliver Kreuzer (Manager von Sturm Graz). Die Entscheidung über Schmadtkes Nachfolge soll eventuell noch vor Weihnachten fallen. Wer letztlich den Zuschlag erhält, wird aber auch vom Geld abhängen. Der Düsseldorfer bezieht jetzt – nach der Beurlaubung – volles Gehalt bis zum Ende der Saison. Auf die Frage nach den von den Medien kolportierten 290 000 Euro, die noch ausstehen sollen, kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»Schauen Sie sich Energie Cottbus an, wie zäh die sich mit beschränkten Möglichkeiten in der Bundesliga behaupten. Das ist ein Modell, was ich mir für Alemannia auch vorstellen kann.«

»Es muss einer sein, der das Feuer in den Augen hat«, liefert Eric Meijer eine Stellendefinition. Sprich: Einer, der nicht wegen des Geldes, sondern wegen der ausstehenden Meriten zu den Kartoffelkäfern kommt. Denn die Goldgräberstimmung der frühen Schmadtke-Ära ist vorbei. Jetzt müssen hohe Erwartungen erfüllt werden. Ein Verein, der in seiner 108-jährigen Geschichte zweimal in die Bundesliga aufgestiegen ist und dessen größter Erfolg die Teilnahme an der Gruppenphase im UEFA-Cup und eine Vizemeisterschaft vor fast 40 Jahren war, leistet sich derzeit ein neues Stadion für 50 Millionen Euro. Diese Aufwertung der Infrastruktur – noch dazu mit dem über die Tickets finanzierten Luxus, den Stadionnamen nicht zu verkaufen – muss mit der sportlichen Entwicklung Schritt halten.

»Wir wollen als Klub, der gegenwärtig zu den 25 besten Fußballvereinen in Deutschland gehört, in den kommenden fünf Jahren zu den besten 15 Profiklubs aufschließen«, gibt Frithjof Kraemer die Marschrichtung vor. Mittelfristig ist die Bundesliga also Pflicht für den Verein, der seinen aktuellen Zuschauerschnitt von 19 550 in der neuen Spielstätte auf 30 000 verbessern will. In einer Zweiten Liga, in der gerade jeder jeden schlagen kann, lässt sich das sportliche Ziel womöglich schon bald erreichen. Doch für spektakuläre Transfers fehlt ebenso das Geld wie für einen Top-Mann auf dem Manager-Sessel. Die Frage ist also, ob ein Aufstieg nachhaltiger ist als beim jüngsten Erstligaabenteuer. Eric Meijer sagt: »Schauen Sie sich Energie Cottbus an, wie zäh die sich mit beschränkten Möglichkeiten in der Bundesliga behaupten. Das ist ein Modell, was ich mir für Alemannia auch vorstellen kann.« Und wie gefällt dem Aufsichtsrat ein Vergleich mit der grauen Maus Energie Cottbus, Herr Meijer? »Den mögen die natürlich nicht so gern.«

»Für Jörgs Nachfolger wird es schwer. Denn was Uli Hoeneß für die Bayern, war Schmadtke für Alemannia.«

Schmadtke zündet noch eine Zigarette an. Er muss dann auch – zurück zu den Renovierungsarbeiten zu Hause. Fühlt sich gut an, nach sieben Jahren als Manager mal ganz ohne Stress. Er kann nicht verstehen, dass Funktionäre so versessen darauf sind, neben Beckenbauer und Allofs in den VIP-Logen zu sitzen, anstatt in der Zweiten Liga sachlich und gezielt Strukturen zu entwerfen, die für langfristigen Erfolg sorgen. Natürlich weiß er, dass er einen Hang zum Divenhaften besitzt. »Ich hätte mehr in das Marketing meiner Person investieren können. Und sicher hätte ich versuchen müssen, die Ehrenamtler bei allem noch etwas mehr mitzunehmen.«

Ganz ohne provokante Ironie geht es dennoch nicht, wenn er in der Aachener Zeitung ergänzt: »Aber es ist manchmal schwierig jemanden mitzunehmen, der den Unterschied zwischen DFB und DFL nicht kennt.« So ist er halt – er, der als erster Keeper mit unförmigen Pumphosen auflief und dem kein Trikot zu grell war. Der Rosenkrieg, der sich nach seiner Beurlaubung andeutete, ist ausgeblieben. In der wirtschaftlich angespannten Situation des Klubs ist es auch wichtig, dass Kräfte nicht vergeudet, sondern gebündelt werden. Für die Fans ist die Personalie Schmadtke ohnehin Schnee von gestern. Doch Eric Meijer ist sicher: »Für Jörgs Nachfolger wird es schwer. Denn was Uli Hoeneß für die Bayern, war Schmadtke für Alemannia.«

Dabei könnten sie hier gerade jetzt einen Macher wie ihn gut gebrauchen. Und mit etwas Bemühen auf beiden Seiten, hätte die Beziehung durchaus Bestand haben können. Aber so ist es nun mal im Fußball – Emotionen überlagern wie so oft vernunftgeleitetes Handeln. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung. Damit Alemannia Aachen mehr wird, als das, was Jörg Schmadtke stets über den Klub sagte: »Ein Anderthalb-Ligist.«

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