Aleksandar Ristić ist zurück

König ohne Macht

Aleksandar Ristić will dem KFC Uerdingen 05 auf die Beine helfen. Doch dem Verein fehlen nicht nur finanzielle Mittel, um an alte Erfolge anzuknüpfen. Auch seine Geschichte macht dem einstigen Ziehkind des Bayer-Konzerns schwer zu schaffen. Imago
Heft #71 10 / 2007
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Es sind Wahrzeichen und Wegweiser. Wie sonst nur Kirchtürme prägen Flutlichtmasten das Bild der Städte. Ein Relikt aus der Zeit, als der Arena-Chic noch Zukunftsmusik war und die Lampen noch nicht unter Tribünendächern angebracht wurden.

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Bereits aus der Entfernung sind die dunkelroten Masten der ehemaligen Krefelder »Grotenburg-Kampfbahn« zu erkennen. »Wir sind natürlich stolz darauf«, sagt Mirco Zurek, Öffentlichkeitsarbeiter des KFC Uerdingen, dem in die Oberliga Nordrhein abgestürzten Bundesligisten. Doch bei aller Schönheit, die Masten werden zur Last. Der Hersteller der zugehörigen Strahler hat vor Jahren die Produktion eingestellt. Seitdem sind die Krefelder auf der Suche nach Ware aus zweiter Hand. »Leider müssen wir dafür in die Schweiz fahren«, sagt Zurek. Der deutsche Markt hat die Auslaufware nicht im Angebot.

»Leider 20 Jahre zu spät«

Auslaufware, Secondhand – die Parallelen zum KFC und seinem Vorgänger Bayer 05 liegen auf der Hand. Und was gibt es Besseres, als sich einen Trainer aus der Zeit des vormodernen Fußballs zu suchen: Aleksandar Ristić, den »Trainerfuchs«. Der Mann, der lange vor Hans Meyer mit hintergründiger Ironie Präsidenten und Journalisten verzweifeln ließ. Seit Sommer trainiert der 63-jährige Bosnier die 1. Mannschaft der Krefelder Vorstädter. »Leider 20 Jahre zu spät«, sagt er. Damals sei Uerdingen noch ein großer Verein gewesen – und er war ein mindestens ebenso großer Trainer.

Ristić hat als Assistent von Branko Zebec und Ernst Happel beim Hamburger SV zahlreiche Titel geholt und später als Chefcoach Mannschaften wie Fortuna Düsseldorf und Rot-Weiß Oberhausen mehrfach vor dem Absturz bewahrt. Das ist mehr als vier Jahre her. Seine letzte Trainerstation bei Union Berlin endete vor drei Jahren mit dem Abstieg in die 3. Liga. Seitdem ist es still um Ristić geworden. Jetzt soll er den KFC mindestens auf Rang vier der Oberliga führen. Das würde die Qualifikation für die neue dreigleisige Regionalliga in der nächsten Saison bedeuten. Viertklassigkeit als oberstes Ziel? Das hätten sie sich in Uerdingen vor zehn Jahren auch nicht vorstellen können.

1200 Menschen haben an diesem frühherbstlichen Sonntag im September die Zeitreise in die Krefelder Grotenburg gewagt. Nostalgiker, Gewohnheits-Uerdinger und junge Fans. Sie veranstalten eine Menge Lärm – weil sie sich einig sind: »Ihr und wir für Platz vier«, steht auf einem Spruchband. Die Spieler des KFC Uerdingen berennen derweil das Tor von Germania Dattenfeld. Die Ultras auf der Westtribüne geben alles, die anfangs noch zurückhaltende Haupttribüne läuft zur Höchstleistung auf. Und auch der Grotifant, das wohl älteste und gewalttätigste Maskottchen des deutschen Fußballs (nach einem Übergriff gegen einen Linienrichter beim Spiel gegen den 1. FC Köln wurde der »Mann im Elefantenkostüm« einst mit einem Stadionverbot belegt), bringt sich als Balljunge ein. Das Spiel endet 1:1. Trotzdem wird die Mannschaft mit Applaus verabschiedet.

Ristić wird hinterher auf der improvisierten Pressekonferenz das »technisch feine« und »anspruchsvolle« Spiel der Gäste loben. Seinem Team bescheinigt er »Hauruck-Fußball« und »blinden Aktionismus«. Während des Spiels klang es noch anders. Applaus und Daumen hoch für jede gelungene Grätsche und jeden Pass, der nicht beim Gegner landet. »Die Spieler müssen lernen. Aber erst nach dem Spiel«, sagt er in gebrochenem Deutsch. Dieser Lernprozess dauert ihm sichtbar zu lange. Ristić steigt nach der PK in seinen weinroten Mercedes mit Düsseldorfer Kennzeichen. Keine Zeit. Zum Grübeln geht es nach Hause. Richtig angekommen in der Oberliga ist er noch nicht.

Im Frühjahr hat sich Ristić überreden lassen, den KFC zu trainieren. Eine Hüft-OP hatte ihn außer Gefecht gesetzt, doch wer den 63-Jährigen auf dem Trainingsplatz sieht, mag es kaum glauben: kurze Hose, Stutzen und Fußballschuhe. Seine Anweisungen sind klar, seine Schusstechnik ist immer noch solide. Nur das gescheitelte Haar ist über die Jahre ergraut. Hier dürfte sich der Prozess beschleunigen. Vor ihm hatte sich der KFC um Horst Köppel oder Ex-Profi Horst Steffen bemüht. Doch die lehnten ab, weil ihnen die Ziele des Vereins unrealistisch erscheinen. Davon wollen die Verantwortlichen nichts wissen, »Platz vier ist ein Muss«, sagt Präsident Ralf Houben. Sonst kann er den Laden dicht machen. Die SG Wattenscheid oder Fortuna Köln grüßen aus der Gruft.

Seit dem Bundesligaabstieg in der Saison 1995/96 ging es für die Uerdinger stetig nach unten – bis in die Oberliga. Platz zehn im vergangenen Spieljahr. Der Tiefpunkt. Es heißt, der Verein habe 300 000 Euro Verbindlichkeiten. Die zweite Insolvenz nach 2003 droht. Wenigstens das Trainer-Gehalt – angeblich 100 000 Euro für die laufende Saison – übernimmt ein Sponsor.

Zudem werfen ehrenamtliche Mitarbeiter des KFC dem Präsidenten vor, Geld auszugeben, das nicht vorhanden ist. Sein Rücktritt wird gefordert. »Der Schaden, den die Leute damit anrichten, ist nicht gut zu machen«, sagt Houben. Die Verhandlungen mit dem Sponsor stocken. »Die Leute denken immer noch, wir spielen in der Bundesliga.« Die Geschichte ist eine Belastung für den Verein. Eine Aussprache nach dem Spiel gegen Dattenfeld sorgte immerhin dafür, dass ein Streik der Mitarbeiter vorerst abgewendet werden konnte.

»Ich bin davon überzeugt, dass wir in zwei bis drei Wochen besseren Fußball spielen«, sagt Houben mit ruhiger Stimme. Er hofft noch, auch wegen Ristić. Die Worte hat sich Houben beim Trainer abgeschaut: »Sie werden sehen, in der Rückrunde spielen wir einen besseren Fußball«, überzeugte Ristić seinerzeit die Verantwortlichen von Rot-Weiß Oberhausen, als der Verein in der 2. Liga auf einem Abstiegsplatz stand. Ristić führte RWO schließlich auf Rang sechs. In Uerdingen hoffen sie auf eine Wiederholung. Was bleibt ihnen auch übrig. Die fünftklassige NRW-Liga könne er keinem Sponsor mehr verkaufen, sagt Houben. Und wohl auch keinem Trainer wie Aleksandar Ristić.

»Die Arbeit mit Ristić macht Spaß«

Der versucht derweil sein 4-4-2 System an das vorhandene Spielermaterial anzupassen. Und wenn das nicht klappt, kommt der Griff in die taktische Mottenkiste. Fußballerische Moden waren dem Bosnier immer schon fremd. In Düsseldorf und Oberhausen war zumindest genug Geld vorhanden, um den jeweiligen Kader mit systemaffinen Billigimporten aus dem Balkan zu verstärken. Auch für diese Kicker fehlt in Uerdingen das Geld.

Also muss er mit dem Kader arbeiten. Trotz der harschen Kritik, scheint die Chemie zu stimmen. »Die Arbeit mit Ristić macht Spaß«, sagt Mittelfeldspieler Luciano Verladi. »Der Trainer hat halt eine natürliche Autorität.« Seine Kollegen nicken. Das zum Teil mehr als zwei Generationen zwischen Coach und Spielern liegen, scheint keine Rolle zu spielen. Und Ristić freut sich über das Vertrauen: »Die Jungs müssen keine Angst haben. Ich habe mit Beckenbauer, Keegan und Magath zusammen gearbeitet. Es gab nie Probleme.«

Die könnte es höchstens geben, wenn das »Konzept Ristić« auch in der Rückrunde nicht aufgeht. »Du musst auch mal zu Null spielen«, sagt Ristić. Lange vor Huub Stevens hat der Bosnier dieses Credo verfasst. Das sah selten gut aus, war aber zweckmäßig. Da durften es auch mal sechs Remis in Folge zum Saisonstart sein – wie in der Saison 1995/96 bei Fortuna Düsseldorf – dem letzten großen Ristić-Jahr in der Bundesliga. Der kurze Weg nach Uerdingen schien für den Wahl-Düsseldorfer vorgezeichnet. »Ich will den Leuten ein wenig von der Tradition zurückgeben«, sagt Ristić. Eine Tradition, die mehr als zehn Jahre zurückliegt.

Rechtzeitig zum beginnenden Fußball-Boom der 90er hatten sich die Uerdinger aus der Bundesliga verabschiedet. In der Saison 1994/95 konnte Rainer Krieg den Krefelder Vorstädtern zwar noch durch ein Tor in der Nachspielzeit gegen den VfL Bochum am drittletzten Spieltag den Klassenerhalt sichern; im Jahr darauf war der mittlerweile vom Hauptsponsor Bayer im Stich gelassene Klub nicht mehr in der Lage mitzuhalten. Am Ende fehlten zwölf Punkte auf Platz 15. Der Abstieg stand vier Spieltage vor Saisonende fest. Damals hofften sie noch, dass der Konzernbruder mit in die 2. Liga geht. Doch die Leverkusener schafften durch ein 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern den Klassenerhalt. Seitdem geht man getrennte Wege. Sportlich und wirtschaftlich. Nur zweimal im Jahr trifft man sich noch. Wenn Uerdingen gegen die 2. Herren von Leverkusen antreten muss
– begleitet von einem großen Polizeiaufgebot, um Ausschreitungen vorzubeugen.

In Uerdingen haben sie dem Konzern nie verziehen. »Als sich Bayer zurückzog, verlor der Klub seine Heimat«, sagt der langjährige Fan Ivo Burmeister. Früher habe der Verein am Löschenhofweg, unweit des Bayerwerks, ein bundesweit einmaliges Trainingsgelände gehabt. Doch das Gelände gehörte dem Konzern. Dem Ausstieg folgte der Umzug der Fußballer. »Mittlerweile haben wir noch nicht einmal mehr ein Klubheim«, so Burmeister.

Der 34-Jährige hat die großen Zeiten der Uerdinger miterlebt. Spieler wie Friedhelm Funkel oder Matthias Herget (»Der beste Spieler aller Zeiten«) trugen das blau-rote Trikot mit dem Bayer-Kreuz. Der DFB-Pokalsieg 1985 über Bayern München oder im Jahr darauf das 7:3 (nach 1:3 Pausenrückstand) über Dynamo Dresden im Europapokal der Pokalsieger haben sich in das kollektive Gedächtnis nicht nur der Uerdinger Fußballfans eingebrannt.

»Alle Welt reduziert uns auf diese beiden Ereignisse«, sagt Ivo Burmeister verzweifelt. »Die Geschichte ist ein schwerer Ballast.« Er schwärmt vom Auswärtsspiel in Frankfurt, als die Uerdinger mangels Ausweichtrikots im Dress der Nationalmannschaft antraten – und verloren. »In der Saison 1985/86 haben wir aus den letzten elf Spielen 20:2 Punkte geholt«, sagt er und blickt gen Himmel. Wegen der Doppelbelastung Europapokal und Bundesliga wurden damals sogar etliche Spieler in der Bundesliga geschont. »Als das Halbfinale gegen Atlético Madrid anstand, sind wir mit einer halben Amateurelf zum Gladbacher Bökelberg gefahren und haben gewonnen«, sagt Burmeister. Lange her. Ende August reisten die Uerdinger wieder nach Mönchengladbach, diesmal ins Rheydter Grenzlandstadion. Nach 90 Minuten stand es 6:0 – für die 2. Mannschaft der Borussia.

»KFC, KFC, KFC!«, schallt es aus dem Ein-Mann-Fanblock

»Wer Bundesliga und Europapokal erlebt hat, kann die Oberliga nicht wirklich ernst nehmen«, sagt Burmeister. Die sonntäglichen Spiele gleichen mittlerweile einem Klassentreffen. Zehn, 15, 20 Jahre – danach. Jeder träumt seinen eigenen Traum. Auch Kalle, ein Fan Mitte 60 mit obligatorisch blauer Kappe. Seit Jahrzehnten kommt er hierher. Der Abstieg in die Oberliga hätte ihn beinahe um sein Hobby gebracht. Als gläubiger Mormone darf er am Sonntag, dem Tag des Herrn, eigentlich keinem Privatvergnügen nachgehen. Doch der KFC ist kein wirkliches Vergnügen. Nach kurzer Pause schallte wieder seine schrille Stimme monoton durch die stille Grotenburg: »KFC, KFC, KFC!« Ein Ein-Mann-Fanblock.

Für die kleine Welt der Oberliga ist Uerdingen mit Trainer Aleksandar Ristić eine Attraktion. Vor allem für Teams wie den Aufsteiger Dattenfeld aus dem bergischen Land. Eine Busladung Fans hat das Team in die Grotenburg begleitet. Vorher stand noch ein Besuch im benachbarten Zoo auf dem Programm. Vom Aussterben bedrohte Spezien gibt es an beiden Orten. »Vor solch einer Kulisse haben wir noch nie gespielt«, sagt ein Gästespieler – auch wenn sich nur 1 200 Menschen im 34 500 Zuschauer fassenden Stadion verlieren. Nordtribüne und Ostkurve wurden erst gar nicht geöffnet.

Ausverkauft war das Stadion auch zu den großen Zeiten allenfalls wenn die Bayern kamen. Oder bei den Gastspielen von Galatasaray Istanbul oder dem FC Barcelona. Spiele gegen Werder Bremen, Stuttgart oder Leverkusen lockten in der Regel keine 10 000 Leute in die Grotenburg. Meistens hielt das Geschehen auf dem Rasen, was der Name der Spielstätte versprach: »Grotenburg-Kampfbahn«. Klopper wie Norbert Brinkmann oder Ludger van de Loo, der damals Klaus Fischer das Schienbein zertrümmerte, standen für ehrliche Arbeit unter dem Bayer-Kreuz. Mittlerweile steht auf dem Kopf des Tribünendachs die nüchterne Bezeichnung »Grotenburg-Stadion« – eine unverblümte Übertreibung. Das Bayer-Logo schimmert immer noch schwach durch den grauen Beton. Es gab Pläne, das Stadion komplett zu überdachen und die gegensätzlichen Tribünen, entstanden zwischen 1953 und ’85, miteinander zu verbinden. Wegen des sportlichen und wirtschaftlichen Abstiegs wurde dieses Konzept aber nicht mehr umgesetzt. In Krefeld gehen sie heute lieber zum Eishockey oder auf die Galopprennbahn. Daran ändert auch der Blick auf die ewige Tabelle der Bundesliga nichts: 14 Jahre in der obersten deutschen Spielklasse schlagen für Bayer 05 alias KFC Uerdingen zu Buche. 138 Siege, 129 Unentschieden und 209 Niederlagen lautet die Bilanz. Momentan reicht das noch für Rang 22. Vor kurzem zog die Arminia aus Bielefeld an den Krefelder Vorstädtern vorbei.

Trotzdem will Aleksandar Ristić seine einjährige Mission zu Ende bringen. Was danach kommt ist unsicher. »Mir war immer klar, dass ich nie ein großer Trainer werde, weil ich nie für einen Job hätte umziehen wollen«, sagt Ristić, »der Familie wegen.« Jetzt, wo seine Tochter »aus dem Gröbsten raus« sei, ist er flexibler geworden. Es sieht aus, als würden die beiden verblichenen Erfolgsinstanzen – der KFC hier, Ristić dort – ab nächstem Sommer wieder getrennte Wege gehen. Dann können sie sich in Krefeld wieder auf die Suche begeben – nach Trainern und Glühbirnen. Auf das die Lichter in der Grotenburg niemals ausgehen.


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