Alcides Ghiggia über das WM-Finaltor von 1950

»Es war totenstill«

Bei der WM 1950 besiegte Uruguay WM-Gastgeber Brasilien im proppevollen Maracana-Stadion und holte sich den Titel. Ein Trauma für Brasilien, ein Traum für die Urus. Hier erinnert sich Finaltorschütze Alcides Ghiggia.

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Es war ja eigentlich kein Endspiel, sondern die letzte und entscheidende Partie einer Finalgruppe. Brasilien traf kurz nach der Pause zum 1:0, später gelang Schiaffino der Ausgleich. Dann kam die 79. Minute. Ich war damals sehr schnell, entkam Bigode und auch Juvenal konnte mir nicht folgen, so dass ich diagonal auf das Tor zuging.

Der brasilianische Keeper Barbosa dachte wohl, ich würde den Ball in die Mitte spielen. Er kam ein paar Meter aus dem Tor heraus, um den erwarteten Querpass abzufangen, und ließ mir eine kleine Lücke. Also habe ich den Ball rechts neben den Pfosten platziert, und als Barbosa abtauchte, zappelte er schon im Netz.

Es war totenstill. Kurz vor Schluss gab es noch einmal eine Ecke für Brasilien. Als der Ball getreten wurde, hatte ich den Schiedsrichter nicht im Blick. Ich sah den Ball kommen, und ich sah unseren Gambetta, wie er mit den Händen danach griff. Ich dachte: »Der Junge ist komplett wahnsinnig, es wird Elfmeter geben.« Dann blicke ich in die andere Richtung und sehe, wie der Schiedsrichter abpfeift.

Wir waren glücklich und umarmten uns. Wir sind sogar eine Ehrenrunde gelaufen, obwohl nur dreißig oder vierzig Uruguayer im Stadion waren. Doch bei all unserer Freude war es traurig, die ganzen verzweifelten, weinenden Menschen auf den Tribünen zu sehen. Sogar ich selbst war ein kleines bisschen traurig. Es war beeindruckend, wie sich die Traurigkeit über das ganze Stadion legte, eine unerwartete Erfahrung. Lediglich drei Menschen haben das Maracana zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.

Obwohl das Spiel um Viertel vor fünf vorbei war, verließen wir das Stadion erst gegen acht Uhr abends, weil wir nicht wussten, wie die brasilianischen Fans die Niederlage verkraften würden. Eine Security gab es nicht, wir sind irgendwann einfach gegangen.

Im Hotel trafen wir ein paar Uruguayer und feierten mit ihnen. Wir suchten nach unserem Kassenwart, um etwas Geld zum Feiern zu bekommen, doch wir fanden ihn nicht. Also haben wir unter uns gesammelt, Sandwiches und Bier gekauft, und dann sind wir alle auf ein Zimmer und haben gefeiert.

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