Alan Shearer rettet Newcastle zu Tode

Der inkompetente Messias

Seit anderthalb Jahrzehnten ist Alan Shearer der Star von Newcastle. Doch als Interimstrainer konnte er United nicht vor dem Abstieg retten. Kein Problem für den abgöttisch Geliebten: Jetzt schwingt er sich zum Sonnenkönig auf. Alan Shearer rettet Newcastle zu TodeImago Wallsend ist ein Vorort im Osten von Newcastle. Vor elf Jahren habe ich dort gewohnt und schnell lernen müssen, dass ich die soliden Innenwände unterschätzt hatte. Steve und Donnie hießen meine Mitbewohner, an deren Leidenschaften ich oft akustisch teilhaben durfte. Während Steve gerade seine Liebe zu »The Prodigy« entdeckt hatte, genoss Donnie in privater Sphäre lautstark explizit erotisches Filmmaterial.

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So grundverschieden ihr Plaisir war, so einig zeigten sie sich in ihrem religiösen Bekenntnis: Wenn Newcastle United spielte, wurden sie gemeinsam laut. Und wenn wir über den Verein sprachen, war er stets die größte Macht der Insel mit der loyalsten Anhängerschaft. Viele Fans der Magpies sahen ihren Klub noch vor kurzem als Teil der großen Fünf mit Arsenal, Chelsea, Man United und Liverpool. Leider hat das schon lange nichts mehr mit der Realität zu tun. Nur noch Personalkosten und Missmanagement erreichen Champions-League-Niveau. Die astronomischen Gehaltszahlungen haben die Fallhöhe dramatisch vergrößert und den Abstieg noch schmerzhafter gemacht. Newcastle ist zur Antithese für das Privatinvestment in Fußballvereine geworden. Der Klub wird von Inkompetenz und einer Messiaskultur beherrscht, über die man nur lachen kann oder weinen muss. 

15 Millionen für die Nummer 9

Der bekannteste Messias heißt Alan Shearer und kommt aus Wallsend. Seit Kevin Keegan den Stürmer 1996 zurück an die Tyne holte und die Fans »Wir sind unwürdig« skandierten, ist es stetig bergab gegangen. Das ist Shearer aber ebenso wenig anzulasten wie die überzogenen Erwartungen der Anhänger. Seit dem FA Cup 1955 haben die Geordies nichts Nennenswertes mehr gewonnen. Und schon bei Shearers Rückkehr war alles längst nicht so romantisch, wie die großen Worte es verhießen. Nicht zuletzt flossen riesige Summen. Für die Heimkehr »seiner« Nummer 9 hat der Verein die damalige Rekordablöse von 15 Millionen Pfund abgedrückt.

Das Problem lautet seither: Shearer findet nur als Zentralgestirn statt. Um ihn kreist die Welt, nicht er um sie. Er sitzt am Lenker oder steigt aus. Als der selbst proklamierte Retter in diesem Jahr acht Spieltage vor Schluss den Trainerposten übernahm, hatte er nicht viel zu verlieren. Trotz seiner mageren Bilanz von fünf Punkten aus acht Spielen ist er nahezu unbeschadet. Die Vorwürfe gelten nicht dem Sohn eines Metallarbeiters, sondern den überbezahlten Kickern, denen das inkompetente Management im Rausch der Hybris sogar Klauseln ersparte, die im Abstiegsfall Gehaltseinbußen bewirkt hätten. Folgerichtig geriet das entscheidende Saisonspiel zur armseligen Karikatur eines Abstiegskampfes. In jede Spesenabrechnung eines englischen Parlamentariers ist mehr Herzblut geflossen als in die lausige Vorstellung, die Newcastles Vertragsfußballer bei der 0:1-Schlappe gegen Aston Villa anboten. Dabei hätte schon ein Unentschieden gereicht. 

Alan Shearer blieb die Retterpose also verwehrt. Jetzt verhandelt er über einen neuen Vertrag. Ohne umfassende Vollmachten und Budgets will er nicht unterschreiben. Newcastle braucht jedoch keine Machtspiele und keinen Sonnenkönig. Newcastle benötigt einen hemdsärmeligen Shearer, der auf Augenhöhe unbequeme Wahrheiten ausspricht, ausmistet und den Spaß am Fußball zurückbringt. Sting, ebenfalls gebürtiger Wallsender, hat in seinem Lied »Forget about the Future« ein blumiges Mission Statement geliefert: »We got to move into the future maybe, and think about a new tomorrow.«

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