Alain Giresse über den besten Fußball aller Zeiten

»Ein Moment der Ekstase«

Der Franzose Alain Giresse war ein Teil des »Magischen Vierecks« und revolutionierte mit ihm den Fußball. Wir sprachen mit ihm über Platini, den Rivalen Brasilien, Offensive in Vollendung – und seine bitterste Niederlage.

Alain Giresse, welche Fähigkeit ist für einen Fußballer die Wichtigste?

Ballkontrolle und Passspiel. Wenn man den Ball kontrollieren und weiterspielen kann, kann man alles.

Das ist alles?

Es hört sich einfach an, aber es bedeutet, dass es ganz egal ist, um was für einen Ball es sich handelt, von wem er kommt, ob lang, ob kurz, flach oder hoch. Schauen Sie sich eine beliebige Partie an, suchen Sie sich einen Spieler aus und beobachten Sie seine Ballkontrolle und sein Passspiel. Achten Sie darauf, wie er nach vorne spielt, denn nach hinten ist es einfach. Wenn er gute Pässe nach vorne spielen kann, ohne hohe Fehlerquote, ist das schon sehr viel wert.

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Bei der Weltmeisterschaft 1986 trafen Sie mit Frankreich im Viertelfinale auf das Team von Brasilien: Die »Fab Four«, das »magische Viereck« des französischen Fußballs, bestehend aus Luiz Fernandez, Jean Tigana, Michel Platini und Ihnen, spielte gegen die Mittelfeldachse der Seleção um Socrates. Eine Sternstunde des Fußballs.

Für uns war die Partie ein Ritterschlag. Gegen Brasilien Freundschaftsspiele zu bestreiten, war im Vergleich dazu gar nichts. Aber in einem Turnier so ein Spiel. Wir spielten im mexikanischen Guadalajara, wo Pelé 1970 den WM-Pokal gewonnen hatte. Es war magisch. Wir waren furchtbar aufgeregt, zugleich stolz. Es war fast schon surreal. Kindheitserinnerungen kamen in mir hoch. Brasilien und die WM-Geschichte, damit verbindet jeder so viel. Und nun sollten wir plötzlich Teil dieser Geschichte werden.



Rechneten Sie sich Chancen aus?

Es war klar, dass wir es mit bedeutenden Spielern zu tun bekommen würden, dafür brauchten wir keine detaillierte Analyse. Brasilianische Nationalspieler, die nicht mit dem Ball umgehen können, gibt es nicht!

Sie spielten gegen Zico und Sokrates ...

Obwohl wir amtierender Europameister waren, bewunderten wir sie. Wie sagte unser Trainer Henri Michel so schön: »Wenn dir ein solcher Tag kein Vergnügen bereitet, dann hast du ein ernstes Problem.«

Können Sie die Besonderheiten der Brasilianer um Socrates benennen?

Schon bei der WM 1982 hatten sie bewiesen, worin ihnen keiner etwas vormacht: Technik, Passspiel, Intelligenz. Der Ball war bei ihnen immer in Bewegung. Sie hatten Spieler, die nicht nur technisch sehr stark waren, sondern auch die Übersicht hatten, im richtigen Moment das Richtige zu tun, um Mitspieler in Szene zu setzen. Für mich sind die Brasilianer von 1982 neben dem Team von 1970 nach wie vor die Referenzgröße im Fußball.

Warum?

Jeder wusste genau, wo er zu stehen hatte, jeder war bereit, sich für den anderen einzusetzen. Die Zuspiele sahen so einfach aus, was nicht bedeutete, dass sie einfach zu spielen waren. Das Einfache ist bei Brasilien nie banal, nie leicht. Was glauben Sie, warum man heute immer sagt, man müsse einfach spielen? Wegen der Brasilianer! Sie hatten ein Tempo in ihrem Passspiel, das außergewöhnlich war. Solche Sachen inspirierten uns. Und wenn wir auch andere inspiriert haben sollten, dann, weil wir die Brasilianer Europas waren.

Wie verlief aus Ihrer Sicht das Viertelfinale 1986?

Da standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die ausnahmslos von ihrer Spiellaune angetrieben wurden. Es ging ständig hin und her, fast ohne Unterbrechungen. Fußball pur.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie in Schwierigkeiten geraten könnten?

In der ersten Halbzeit bekamen wir ein paar Probleme, vor allem nach dem Tor von Careca, dessen Entstehung fantastisch war. Doch dann sind wir wieder zurückgekommen. Aber es gab Phasen, in denen sie wirklich damit beeindruckten, wie sie uns die Ordnung nahmen.

Wer war Ihr Gegenspieler?

Elzo. Er war derjenige, der den anderen im Mittelfeld den Rücken freihielt. Er schuftete für die Künstler.

Was unterschied Frankreich und Brasilien an diesem Tag?

Wir hatten die gleiche Philosophie. Unterschiede entstanden durch die Spieler, denn auf dem Platz waren wir uns sehr ähnlich. Bei beiden war die komplette Mannschaft am Spiel beteiligt, beide lebten von ihrer Spielfreude, hielten den Ball in Bewegung und suchten nach kreativen Lösungen.

Kann man Platini und Socrates miteinander vergleichen?

Nein.

Wieso nicht?

Für diese Spieler gibt es keine Kategorien mehr, sie sind einzigartig. Platini ist eine absolute Ausnahmeerscheinung, alle wollten so spielen wie er. Nur sehr wenige reichten an sein Können heran. Es würde mir allerdings Schwierigkeiten bereiten, Ihnen überhaupt jemanden zu nennen.

Socrates vielleicht?

Nein, er konnte keine langen Bälle spielen, er spielte immer nur kurz. Michel war sowohl Spielmacher als auch Torjäger. Socrates war eher der Vorbereiter. Er machte kluge Sachen im Spielaufbau, aber torgefährlich war er nicht.

Alemão?

Ein interessanter Spieler, ein Abräumer mit guter Technik. Ein früher Prototyp heutiger Sechser.

Finden Sie etwas von den damaligen Teams von Brasilien oder Frankreich im heutigen Fußball wieder?

Heute gibt es kaum noch echte Zehner. Zum Glück gibt es Teams wie Spanien. Fabregas, Xavi, Iniesta – diese Jungs liebe ich! In Frankreich wird Nasri immer stärker, aber sonst ...?

Wann entstand das »magische Viereck« als fester Bestandteil des französischen Nationalteams?

1982 während der WM stellten wir auf ein Vierer-Mittelfeld um, genau genommen beim Spiel gegen Nordirland in der zweiten Finalrunde (Endergebnis: 4:1, Anm. d. Red.). Platini hatte sich gegen die Tschechoslowakei verletzt, im Spiel gegen Österreich hatte ihn Jean Tigana (1:0, Anm. d. Red.) ersetzt. Und Tigana machte ein sehr gutes Spiel. Schon im April 1981 gegen Belgien in Paris hatten Genghini, Tigana und ich ohne Platini im Mittelfeld gut gespielt. Nun fragten die Journalisten: »Soll Platini überhaupt wieder spielen?« Michel Hidalgo entschied sich dafür, und wir stellten auf ein Vierer-Mittelfeld um.

Vorher bildeten Sie mir Genghini und Platini das Mittelfeld.

Richtig. Ab da spielten wir aber ein 4-4-2 statt eines 4-3-3. Vorher hatten wir immer mit drei Spielern im Mittelfeld gespielt.

Der französische Fußball hatte ein neues Gütesiegel.

Und das für lange Zeit. 1984 übernahm Fernandez den Platz von Genghini. Auch wenn vom »magischen Viereck« hauptsächlich erst ab der Europameisterschaft 1984 im eigenen Land die Rede war, geboren wurde die Idee bereits 1982.

Waren Sie als Gruppe eine verschworene Gemeinschaft?

Nicht zwangsläufig. Je nachdem, wie die Spiele liefen, diskutierten wir miteinander. Was uns zusammenwachsen ließ, war die Aufstellung – und die machte 1982 Michel Hidalgo. Von uns kam die Feinjustierung. Hidalgo gab das grobe Muster vor, und ausgehend von dem, was er uns gesagt hatte, steuerten wir noch etwas bei, damit es funktionierte. Aber es war nicht so, dass auf der einen Seite wir vier gestanden hätten und auf der anderen der Rest der Mannschaft. Wir haben uns auch nicht intern getroffen, um genau festzulegen, wer was zu tun habe. Das erledigten wir alles intuitiv.

Über die Besetzung des französischen Mittelfelds gab es in dieser Zeit keinerlei Diskussionen.

Französische Mittelfeldspieler, die das Zeug gehabt hätten in der Nationalmannschaft zu spielen, wussten, dass die Tür zu ist. Dieses Mittelfeld war eine echte Einheit. In anderen Mannschaftsteilen gab es Veränderungen, im Mittelfeld blieben jegliche Überraschungen aus.

Sie waren über jeden Zweifel erhaben?

Allerdings tat auch jeder alles dafür, um seinen Platz zu behaupten. Wir sprachen darüber: »Hast du den gesehen? Der ist echt gut«, oder »Auf den da musst du aufpassen«. Damals war es immer Bernard Genghini, der uns Druck machte. Mit Philippe Vercruysse und Jean-Marc Ferreri gab es zwei junge Spieler, die sehr ehrgeizig waren. Eine ganze Reihe solcher Spieler saßen uns im Nacken. Aber diese Fernduelle machten uns auch noch stärker.

Sie haben mit Platini oder Fernandez nie im Verein gespielt, dennoch hatte man den Eindruck, dass Sie sich blind verstanden.

Wissen Sie, wenn man mit jemandem zusammenspielen will, reicht es, diese Person zu respektieren. Es gab eine Zeit, in der ich mich in Konkurrenz zu Michel Platini sah. Besonders 1981 vor der Partie gegen die Niederlande hieß es: »Die können nicht zusammen spielen.« Ich hingegen war keineswegs davon überzeugt, denn ich war seit jeher der Meinung, dass gute Spieler jederzeit miteinander spielen können. Allein wegen ihrer technischen Fähigkeiten und weil sie über Spielintelligenz verfügen. Im Fußball muss der Einzelne die anderen ergänzen, nicht umgekehrt. Spaß am Spiel entsteht doch erst, wenn jeder bereit ist, alles für die Mannschaft zu geben. Wir wussten genau, dass Michel Platini uns besser als jeder andere weiterhelfen konnte. Umgekehrt wusste Platini, dass er sich nur so frei entfalten konnte, weil wir ihm die Möglichkeit dazu gaben.

Haben Sie mit Platini darüber gesprochen?

Ja. Vor dem Spiel gegen die Niederlande bin ich deswegen mit ihm zu unserem Coach Michel Hidalgo gegangen. Ich sagte: »Ich habe überhaupt keine Bedenken, mit dir zusammen zu spielen, Platoche. Und du?« – »Nein, ich auch nicht.« Also ließ Hidalgo uns spielen.

Wie waren die Rollen im »magischen Viereck« verteilt?

Michel Platini war der Schlüssel zu allem. Er war unser Spielmacher, er traf die Entscheidungen und gab die Richtung vor. Ich versuchte, das Spiel zu lesen und Löcher zu stopfen. Die Jungs hinter uns, waren die Arbeiter, die das Spiel ankurbelten: Jean Tigana, der schon aufgrund seiner physischen Präsenz einzigartig war, war ein Abräumer mit einer enormen mentalen Stärke und einem sehr präzisen Aufbauspiel. Luis Fernandez steuerte seine Aggressivität bei, den unbedingten Einsatzwillen und auch seine Anpassungsfähigkeit. Er wusste haargenau, wie er vom Spiel der anderen profitieren konnte, damit er seine Tore machen konnte.



Und wie lief das mit Platini und Ihnen?

Ganz einfach, denn ich habe mich nach ihm gerichtet. Wenn ich sah, dass Michel nach vorne geht, bin ich stehen geblieben, wenn er auf den Flügel wechselte, zog ich in die Mitte. Ich stellte mich auf ihn ein. Wissen Sie, im Fußball ist nichts festgelegt, man muss permanent bereit sein, auf die Gegebenheiten des Spiels zu reagieren. Und es ist natürlich sehr angenehm, mit Leuten wie Platini zu spielen, weil sie einem den Ball selbst dann noch zuspielen, wenn es unmöglich erscheint. Irgendwie finden sie dich, und du findest sie.

Mit Tigana haben Sie bei Girondins Bordeaux jahrelang zusammen gespielt.

Ja, aber auch unser Zusammenspiel war mehr als nur Automatismen. Tigana konnte die Bälle perfekt abspielen, seine Anspiele waren immer sauber.

War Platini der Chef des magischen Vierecks?

Er war der Kopf der Mannschaft. Er war derjenige, auf den alle hörten. Er stand für den Erfolg der Mannschaft, für ihre Ziele, ohne dabei jemals die Anerkennung allein für sich zu reklamieren. Er war ein Anführer im moralischen Sinne, ein Kapitän mit großen Zielen. Er war nie derjenige, der uns Mut zugesprochen oder uns getröstet hat. Aber er gab die Richtung vor: »Wir müssen so und so spielen, um dieses oder jenes zu erreichen.« Er hatte immer große Pläne. Ein Siegertyp, der immer gewann. Im Training, beim Kartenspielen, beim Tischtennis.

Was machte ihn so besonders?

Seine natürliche Begabung als Fußballer. Die Schlichtheit seines Spieles, seine Vision vom Fußball, die ihn Dinge machen ließ, derer wir anderen einfach nicht fähig gewesen wären. Er stand über uns.

Gab es Dinge, die Sie besser konnten als er?

Jeder hat seine Stärken. Bei mir war es fast zwangsläufig die Ballan- und mitnahme, einfach, weil ich kleiner bin. Mein Körperschwerpunkt liegt tiefer und ich hatte einen guten Antritt auf den ersten zehn, 15 Metern. Umgekehrt war natürlich Michels Kopfball besser.

Fällt Ihnen eine Anekdote ein, die den Siegertypen Platini beschreibt?

Vor dem Finale der EM 1984 herrschte er uns in der Kabine an, dass wir während der Hymnen nur auf den Pokal schauen sollten. Nur auf den Pokal! So war Platini.

Gab es keine Spannungen deswegen?

Nein, wir waren stolz an der Seite des besten Spielers der Welt zu stehen, vor allem während dieser monströsen EM 1984. Michel nahm uns nicht die Butter vom Brot und entführte nicht unsere Kinder. Warum sollte man neidisch werden, weil einer Dinge beherrscht, die man selber nicht kann? Wer konnte von sich behaupten, er sei genauso gut wie Platini gewesen? Niemand! Damit ist das Problem gelöst. Spieler werden nur neidisch, wenn man ihre Verdienste nicht anerkennt. Wir kannten unsere.

Gab es Freundschaften im »magischen Viereck«?

Um ehrlich zu sein, nein. Wir hatten Respekt vor einander, weil wir große Momente zusammen erlebt hatten. Aber wirklich befreundet waren wir nicht.

Welches war das beste Spiel des »magischen Vierecks«?

Bemerkenswert finde ich vor allem die Konstanz, nicht ein einzelnes Spiel, das wir klar beherrscht hätten. Na gut, vielleicht unser Match gegen Belgien bei der EM 1984 (5:0 in der Gruppenphase, Anm. d. Red.). Da haben wir den Gegner im Mittelfeld wirklich dominiert. Wir hatten die totale Kontrolle über das Spiel.

Welche Rolle spielten eigentlich bei Ihnen die Stürmer?

Sie waren zweitrangig. Die Stürmer waren dazu da, es Platini zu ermöglichen, Tore zu machen. Hätten wir damals einen echten Torjäger gehabt, wäre es schwierig geworden. Aber sowohl Rocheteau als auch Bernard Lacombe ermöglichten es Platini, sich noch besser zu entfalten.

Altruistische Stürmer?

Ja, das waren Angreifer, die sich nahtlos in die Mannschaft einreihten, denen man auch mal in den Fuß spielen konnte und nicht immer nur tief. Die waren in der Lage unser Kombinationsspiel mitzumachen.

Bei der WM in Spanien 1982 wurden Sie nach einer durchwachsenen Vorrunde immer stärker. Im Halbfinale trafen Sie auf Deutschland.

Die Stimmung war sehr ernst. Wir waren keineswegs der Favorit. Wir sagten uns: »Wir müssen uns gut präsentieren und von Anfang an dagegen halten.«

Was erwarteten Sie von der deutschen Mannschaft?

Sie war eine starke Einheit und wir hatten Respekt, schließlich hatte sie bei Weltmeisterschaften schon viel erreicht. Unser größter Erfolg bis dahin war das Erreichen des Halbfinals 1958. Sie blickten auf zwei Weltmeisterschaften, EM-Titel und Finalteilnahmen zurück. Verglichen damit waren wir winzig.

Gingen Sie an dieses Halbfinale anders heran?

Am Vormittag des Spiels diskutierten wir sehr viel. Schließlich hörten wir damit aber wieder auf, weil uns klar wurde, dass wir die Lösung nicht finden würden. Wir hörten also auf, nur von den Deutschen zu sprechen und sprachen stattdessen von uns.

Gegen Deutschland gerieten Sie dennoch in Rückstand.

Mit diesem Gegentor fing das Spiel für uns erst richtig an. Der Ausgleich bestärkte uns in unseren Bemühungen, er beruhigte uns. Wir merkten, dass wir, je länger das Spiel dauerte, besser in die Partie hinein fanden. Körperlich fühlten wir uns hervorragend, das gab uns die Leichtigkeit, die wir für unser technisches Spiel brauchten.

Dann wurde Patrick Battiston von Toni Schumacher gefoult und musste ausgewechselt werden.

Das hat uns sehr getroffen, aber leider waren wir gezwungen, weiter zu machen. Eine grausame Situation. Er wird auf einer Trage hinausgebracht und wir müssen weitermachen.

Waren Sie wütend?

Das konnten wir uns nicht erlauben. Wer mit Wut spielt, verliert die Beherrschung. Michel Hidalgo an der Außenlinie war wütend, wir mussten uns auf unser Spiel konzentrieren.

Diese Attacke auf Battiston veränderte die Kräfteverhältnisse im Stadion.

Wir bemerkten plötzlich, dass wir ein wenig mehr Unterstützung von den spanischen Zuschauern bekamen. Auch die französischen Fans wurden noch einmal wach.

Schließlich kam es zur Verlängerung.

Wir waren sehr glücklich, dass wir nicht aufgegeben hatten. Was dann kam, war wie ein Traum. Marius (Trésor, Anm. d. Red.) trifft mit diesem Volleyschuss, danach mache ich das dritte Tor. Wir führten 3:1 und hatten das Gefühl, schon im Finale zu stehen. In unseren Köpfen waren wir schon im Endspiel. Und dann gelingt Rummenigge kurz vor der Halbzeit der Verlängerung der Anschlusstreffer. Und alles kippte ...

Dennoch haben Sie weiter auf Angriff gespielt.

Uns fehlte das Berechnende, das man braucht, um ein Ergebnis zu halten. Das ist alles, was man uns vorwerfen kann. Wir waren nicht in der Lage, diese Schlussphase des Spiels richtig einzuschätzen. Also spielten wir weiter nach vorne, nicht unbedingt, um noch ein Tor zu schießen, sondern weil wir von Beginn des Turniers an so gespielt hatten. Alles war auf diese Spielweise ausgerichtet. Aus diesem Spiel haben wir viel gelernt.

Beschreiben Sie mal den Moment, als Sie das dritte Tor schossen.

Ich dachte: »Wir kommen ins WM-Finale, wir kommen ins WM-Finale, wir fahren da wirklich hin.« Das ist ein ganz schöner Lärm, der da im Kopf entsteht, das scheppert richtig im Schädel und übertönt alles andere.

Später kam es zum ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte. Hatten Sie Strafstöße trainiert?

Nein, nein. Die Aufstellung der Schützen ergab sich aus den Freiwilligen. »Willst du schießen? Ja? Dann geh!«

Sie waren der erste Schütze.

Und ich fühlte mich wirklich sehr einsam.

Wurde die Enttäuschung über das verlorene Match gemildert, weil sie so außergewöhnlich gespielt hatten?

Nein. Sie war riesig. Es gab nichts, was uns trösten konnte. Dieses ganze Geschwätz von »Ich habe aber ein Tor geschossen« oder »Wir haben doch gut gespielt« ... Pfff. Da gab es gar nichts. Null! Wir waren untröstlich.




Wurde nach dem Spiel gesprochen?

Nein. Jeder saß heulend in seiner Ecke, am Boden zerstört. Wir fielen in ein schwarzes Loch. Michel Hidalgo versuchte etwas zu sagen ... scheiße! Da kann die ganze Welt ankommen und dir gut zureden, das ist dir egal. Es gab keine Worte, es gab gar nichts mehr. Nichts was man hätte sagen oder tun können.Wir hatten nur einen einzigen Wunsch: uns zu verstecken. Hätte es in dieser Nacht in Sevilla noch einen Flug nach Hause gegeben, wären wir sofort abgehauen.

Können Sie sich das Spiel heute wieder ansehen?

Ja, aber nur bis zum 3:1.

Wie haben Sie die Deutschen im Nachhinein in Erinnerung?

Uns haben sie nicht nachhaltig beeindruckt. Es war eine gute Mannschaft mit starken Spielern. Aber, auch wenn uns vorher bewusst war, dass wir verlieren könnten – so etwas hatten wir nicht verdient.

Im Halbfinale der WM 1986 trafen Sie wieder auf Deutschland. Wie konnten Sie gegen Brasilien gewinnen und dann gegen ein durchschnittliches deutsches Team straucheln?

Vorher scheinen die Deutschen immer durchschnittlich zu sein, aber sie sind fürchterlich effizient. Natürlich – diese Anmut, diese Magie, die man bei Brasilianern erleben kann, hatten sie nie. Wir waren nicht auf Revanche aus, diesen Fehler machten wir nicht. Ein Sieg hätte ohnehin niemals die Last von uns nehmen können, die wir seit 1982 mit uns herumschleppten. Aber uns fehlte die körperliche und geistige Frische, das Spiel gegen Brasilien hatte seine Spuren hinterlassen. Und dann kriegten wir noch so ein blödes Tor von Brehme. Durch die Hosenträger! Dieser Freistoß ging mir durch die Hosenträger! Über das 2:0 will ich gar nicht mehr sprechen. Vielleicht waren wir einfach zu ausgelaugt. Brasilien hatte uns alles abverlangt.

Wie groß war die Enttäuschung diesmal?

Nichts im Vergleich zu Sevilla. Natürlich waren wir auch dieses Mal enttäuscht, konnten aber anerkennen, dass sie besser waren.

Wie lange haben Sie gebraucht, um über die Niederlage von 1982 hinweg zu kommen?

Das habe ich nie geschafft. Damit kann man nicht zurecht kommen. Man kann nicht etwas auf diese Art und Weise verlieren und dann seinen Frieden damit machen. Man lebt damit, aber es ist so, als würde man einen Angehörigen verlieren und sagen »Ich habe es vergessen«. Das ist unmöglich. Selbst der EM-Titel von 1984 hat den Schmerz nicht gelindert. Europameister zu sein ist schon toll, aber dieser Titel konnte nicht verhindern, dass die Spuren von Sevilla für immer bleiben werden. Würde ich mir den Schluss dieses Spiels noch einmal ansehen, würde ich sofort wieder in dieses Leid, in die Enttäuschung von damals zurückfallen.

Haben Sie einige der deutschen Spieler wiedergesehen?

Mit Karlheinz Förster und Klaus Allofs habe ich sogar zusammen gespielt. Auch Schumacher habe ich wiedergetroffen.

Und?

Und? Was wollen Sie denn machen? Sie können nicht wegen jeder üblen Aktion, die im Spiel passiert, einen Groll fürs ganze Leben hegen.

Wo in seiner Arbeit als UEFA-Präsident erkennen Sie denn den Spieler Platini wieder?

In seinen Vorstellungen von einem Fußball, der versucht, seine Werte gegenüber einem zum Exzess neigenden Geschäft zu verteidigen. Auch wenn die wirtschaftlichen Herausforderungen gewaltig sind, erinnert er daran, dass der Fußball in erster Linie Sport ist, bei dem es um Freude und Emotionen geht. Wenn man das Ehrenspalier im Europapokal sieht – das ist sein Verdienst. Dass die kleinen Länder wieder in der Champions League auftauchen – auch sein Verdienst. Wenn Bobby Charlton Manchester in der Champions League zur Siegerehrung begleitet – sein Verdienst. Das sind doch die Dinge, von denen der Fußball lebt. Es geht nicht nur darum, Erster zu werden und das Sponsorenlogo zu zeigen.

Und Sie?

Meine Philosophie wird immer von den Achtzigern geprägt sein. Als Trainer muss man heute noch mehr aufs Ergebnis schauen, aber ich versuche, meinen Spielern Freiheiten zu lassen, ihnen Freude am Spiel, vor allem in der Offensive, zu vermitteln.

Und was ist Ihre schönste Erinnerung an den Fußball?

Nach dem 3:1 in Sevilla raste mein Herz. An meinem Gesicht nach dem Tor kann man Emotionen ablesen, deren Intensität alles übertraf, was ich in meinem Leben bis dahin erlebt hatte. Das ist nur ein einziges Mal passiert. Natürlich kommt es vor, dass man nach Siegen glücklich ist, aber das war eine Momentaufnahme. Ein Höhepunkt, in dem enorme Mengen an Adrenalin freigesetzt wurden. Ein Moment der Ekstase.

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