Aki Schmidt wird heute 75

»15 Jahre voraus«

Aki Schmidt wird heute 75 Jahre alt. Der ehemalige BVB-Profi gewann in seiner Karriere zwei Meisterschaften, den DFB-Pokal und den Europacup der Pokalsieger. Ein Gespräch über Drohungen und das Finale von 1966. Aki Schmidt wird heute 75

Herr Schmidt, mit welchen Gefühlen ist die Mannschaft damals nach Glasgow gereist? Der BVB war ja international keine besonders bekannte Adresse.

Es stimmt nicht, dass wir nicht bekannt waren. Man kannte uns ja noch vom 5:0 gegen Benfica Lissabon und unseren Sieg bei Dukla Prag, die viele Jahre zu Hause nicht verloren hatten. Da haben wir 4:0 gewonnen. Wir waren in Europa schon ne Nummer. Wir sind 1964 erst im Halbfinale gegen Inter Mailand ausgeschieden. Aber das Spiel konnten wir auch nicht verlieren.

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Warum?

Der Schiedsrichter war gekauft. Der wurde später auch gesperrt und durfte nie wieder pfeifen. Der hatte eine goldene Uhr bekommen, hieß es. Ich stand ja daneben, als der Suarez den Hoppy Kurrat getreten hatte. Wir hatten ja auch ne Menge Nationalspieler in der Mannschaft und einen eingespielten Abwehrblock mit Paul und Kurrat. Kurrat war einmalig in Deutschland, der hatte es eigentlich verdient, Nationalspieler zu werden. Dahinter mit Tilkowski der beste Torwart Deutschlands. Und dann kamen ja noch Siggi Held und Stan Libuda zu uns. Dadurch bekamen wir eine völlig andere Qualität im Sturm. Emma (Lothar Emmerich, die Red.) blühte auf. Vorher ahnte ja keiner, dass der so viele Tore schießen würde. Und Friedhelm Groppe, den Vorstopper, darf man nicht vergessen. Der hatte ja immer gespielt, bis er verletzt wurde. Erst danach hat Assauer gespielt. Rudi war Reservemann.

Was war Ihre Rolle in der Mannschaft?

Durch diese starke Abwehr konnte ich davor mein Spiel machen. Ich war nach hinten abgesichert und hatte freie Hand. Ich konnte nach vorne oder nach hinten machen, was ich wollte. Ich habe unser Spiel gemacht, sehr viel direkt gespielt und konnte dadurch die Stürmer, also Siggi Held, Emma oder Stan Libuda, wunderbar einsetzen.

Das war auch eine recht alte Mannschaft, oder?

Ja, die war schon ziemlich alt. Herberger hatte damals gesagt: »Diese Mannschaft ist ihrer Zeit von der Anlage her 15 Jahre voraus.« Der Seppel hat dabei aber vergessen zu sagen, dass diese Mannschaft relativ alt war. Ich zum Beispiel. Ich war ja der Älteste. Das Finale 1966 war ja mein Höhepunkt, das wollte ich noch haben. Danach habe ich es dann auch viel, viel langsamer gehen lassen und nur noch sporadisch gespielt.

Und auf die alten Haudegen wartete nun der große FC Liverpool. Hochbezahlte Vollprofis, eine der führenden Mannschaften Europas, gespickt mit Nationalspielern.

Liverpool war für uns Favorit. Die kamen auch mit 'ner breiten Brust als englischer Meister. Der Bill Shankley tönte ja, es käme nur auf die Höhe des Sieges an. Das war für uns natürlich Motivation genug. Da brauchte der Trainer gar nichts mehr zu sagen. Die hatten eine riesengroße Schnauze vorm Spiel, da hatten wir uns schon etwas gewundert. Natürlich kannten wir den englischen Fußball und wussten, dass die konditionsstark und schnell waren. Aber die waren nicht besonders raffiniert in ihrer Art zu spielen. Wir hatten ja alle oft genug gegen Engländer gespielt. Für uns war wichtig, dass wir unser Spiel selbst machen konnten. Wie in der Liga auch. Wir haben immer ein bisschen aus der Defensive gespielt und den Gegner immer etwas kommen lassen und waren dann mit Siggi Held, Stan Libuda und Emma die beste Kontermannschaft. Das kam uns auch gegen die Engländer entgegen. Trotzdem hatte der Fischken Multhaup vor dem Spiel 'ne Mannschaftssitzung gemacht, da haben die Fenster geklirrt. »Ihr hört ja, was die Liverpooler sagen. Es kommt nur noch auf die Höhe an. Es ist so! Die sind haushoher Favorit. Wenn wir zehn Mal gegen die spielen, verlieren wir neun Mal. Einmal gewinnen wir – und das ist heute. Merkt Euch das!« Und dann hat der losgelegt, so richtig olle Dinger von Mamas Herd. Aber das hat der ja immer gerne gemacht. Wenn wir auswärts gespielt haben, hat er gesagt: »Wenn wir einen Punkt holen, dann sind wir im Soll. Sollten wir aber zwei holen, dann können wir einen auf den Kamin legen für ganz schlechte Zeiten.« Das hat bei uns gezündet, seine Art und Weise kam gut an bei uns.

Wie haben Sie die Stimmung im Stadion mitbekommen?


Es war sehr laut. Es war eben ein Endspiel. Das waren ja hauptsächlich Liverpool-Fans und ein paar Schotten. Das war ein Heimspiel für die. Es waren auch viele Dortmunder da, aber die haben wir auf dem Platz gar nicht gehört. Für uns war das ein Auswärtsspiel.

Wie war 1966 das Drumherum rund um das Spiel?

Man kam auf den Platz und spielte Fußball. Da war kein Theater. Ich weiß gar nicht mehr, ob da eine Nationalhymne gespielt wurde. Ich glaube mich zu erinnern, dass da so komische Schotten auf dem Platz waren, und wir mussten da stehen... Nee, ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich nur an einen Moment vor dem Spiel ganz genau erinnern. Vor dem Anstoß, wir standen alle schon auf unseren Positionen, Liverpool hier, wir hier. Hinter mir steht der Assi. Das war so’n Leichtsinns-Vogel. So, wie der aussieht, so hat der auch gespielt. (lacht) . Der Assi war ein Guter, aber sehr leichtsinnig. Und da habe ich mich zu ihm umgedreht und gesagt: »Assauer, ein Fehlpass, dann haue ich dir auf dem Platz in die Fresse.« Das erzählt der heute noch allen, auch denen, die es nicht wissen wollen.

Und? Hat er einen Fehlpass gespielt?


Er war einer der besten von uns.

Ging die Kontertaktik auch im Finale auf?

Ja, wir machten dann ja auch das 1:0 durch Siggi Held.

Nur kurze Zeit später fiel dann der Ausgleich durch ein irreguläres Tor. Wie haben Sie das erlebt?


Da waren wir alle fertig. Echt geschockt. Der Ball war ein ganzes Stück im Aus und ging mir dann noch an den Fußspitzen vorbei. Dann kriegt der Hunt den und haut den rein. Schlimm, schlimm, schlimm.

Große Proteste gab es nicht, obwohl der Ball ganz klar im Aus war. Das wäre heute anders.

Hatte ja keinen Zweck. Du brauchtest nicht rumzumotzen. Wir haben das hingenommen. Wir waren natürlich alle fertig.

Dann kam die Verlängerung. Wie ging’s weiter?

Ich habe gedacht: »Um Gottes Willen. Schaffst du das überhaupt noch? Der Boden ist so tief. Das ist eine Matsche! Du gehst ja hier kaputt aufm Platz.«

War das noch ein Ball, der sich mit Wasser vollsog?


Auch das noch, ja! (lacht) Dass ich den überhaupt so weit schießen konnte beim 2:1! Das war der Wahnsinn. Boden matschig, Ball schwer, alles Scheiße. Da dachte ich: »Jetzt ist alles aus.«

Dann kam das 2:1 – trotz des schweren Balls.


Wir hatten Freistoß ungefähr an unserem Sechzehnmeterraum. Ich sagte zum Assi: »Komm, spiel schnell her«, weil ich sah, dass der Siggi Held ganz frei stand. Ich habe selten so ganz lange Bälle gespielt, aber der ging über ungefähr 50 Meter. Der war so gut platziert, dass der Siggi den direkt in den Lauf kriegte. Auf diesem matschigen Boden blieb der Ball genau richtig liegen. Dann schoss der Siggi den Torwart an. Eigentlich hätte er den schon machen müssen. Dann kam der Ball zum Libuda, und der haut einfach drauf. Ich habe dem nach dem Spiel gesagt: »Du, ich hätte dich umgebracht, wenn der nicht reingegangen wäre.« Er hätte noch gehen müssen. Da war ja niemand mehr. Er hätte alleine oder zusammen mit Siggi gehen können. Aber wir waren natürlich glücklich. Das war ja ein Jahrhunderttor.

Wie lief das Spiel nach dem Tor?

Wir haben uns in alle Bälle geschmissen. In Eckbälle, Einwürfe, alles, auch in die Engländer rein. Einer hat mich am Kiefer getroffen, dass ich an dem Abend gar nichts essen konnte. Ich konnte da nur Sekt reinträufeln. Ja, und dann war das Spiel endlich zu Ende.

Wie haben Sie gefeiert, wenn Sie nur Sekt träufeln konnten?


Ich bin mit Stan Libuda an den Strand gegangen. Wir haben uns unterhalten. Wir konnten nicht schlafen. Die anderen waren noch am Saufen, da sind wir zum Strand gegangen. Wir waren so aufgewühlt. Dann sagte ich: »Du kannst dir nicht vorstellen, was morgen in Dortmund los ist.« Er: »Ach, hör doch auf.« Ich: »Doch, Stan, das kannst du dir nicht vorstellen. Das ist so. Da ist die Hölle los.« Und er immer: «Ach, hör auf.« Dann kamen wir in Köln auf dem Flughafen an, da standen die schon an der Maschine. Das habe ich noch nie erlebt, dass die Leute schon an der Maschine stehen. Wir sind dann in unseren Bus gestiegen und nach Dortmund gefahren. Die Ränder an den Autobahnen – alles voll. Überall Leute. Dann kamen wir in die Stadt – das war unglaublich. Die wollten mein Haus schwarz-gelb streichen. Das war neu gebaut. Da habe ich meinen Mieter erstmal gebeten aufzupassen. Dann haben sie mir einen Fahnenmast in den Garten gestellt. Gegenüber war ne Kneipe, da war immer was los. Ich bin gar nicht mehr zur Ruhe gekommen. Die ganze Feierei hat uns die Meisterschaft gekostet. Wir spielten noch zu Hause gegen 1860. Hätten wir gewonnen, wären wir Meister geworden. So wurde es 1860.

War damals schon abzusehen, dass das auf lange Sicht der letzte Titel für den BVB sein würde?

Ja. Einige haben geglaubt, wir wären jetzt die Größten in Europa. Dabei waren wir alt. Wir hätten dringend junge Spieler gebraucht. Du musst einen Schnitt machen und die Mannschaft verjüngen. Wir hatten etwas über unsere Verhältnisse gespielt. Es lief einfach von Erfolg zu Erfolg immer weiter. Wir hatten ja alles geputzt. Aber wir waren alt.

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