Ajax Amsterdam wird 110

Kollaps totaal?

Ajax Amsterdam feiert heute großes Jubiläum: 110 Jahre sind eigentlich Grund genug die Korken knallen zu lassen. Doch dem Klub geht es schlechter denn je. Bertram Job hat einen Verein vorgefunden, der nur noch Durchlauferhitzer ist. Ajax Amsterdam wird 110
Heft#100 03/2010
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An dem großen, gerahmten Foto müssen sie alle vorbei. Es hängt gleich bei der Rezeption des AFC Ajax in der Amsterdam Arena und hält einen Moment des kollektiven Fußballglücks fest. Tausende von Fans stehen dicht gedrängt am Leidseplein im Stadtzentrum, ausgerichtet auf das im Renaissancestil erbaute Stadttheater; und dort, auf dem breiten Balkon, zeigen sich die Spieler im feinen Klubanzug mit der Meisterschale: Heitinga, Grygera, de Jong, Maxwell, Sneijder, van der Vaart, Ibrahimovic und all die anderen, die in jenem Frühjahr die heimische Eredivisie dominierten. So ein Bild mag eine Zeitlang die Strahlkraft haben, die Mitarbeiter und Führungskräfte eines weltberühmten Traditionsklubs mit subtilem Stolz zu erfüllen. Inzwischen aber kehrt sich seine einstige Wirkung ins Gegenteil um: Je länger der darin eingefrorene Moment zurückliegt, desto schmerzlicher wird ein aktuellerer Anlass zum Feiern vermisst. Seit jenem perfekten Sonntag im Mai 2004 ist der holländische Rekordmeister, der bereits 29 Titel sammeln konnte, nicht wieder landskampioen geworden – von neuerlichen Triumphen auf europäischer Ebene ganz zu schweigen.

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»Wir hoffen natürlich alle, dass wir hier bald ein neueres Foto aufhängen können«, sagt die freundliche Mitarbeiterin der Presseabteilung fast entschuldigend. In dieser Saison aber ist das eher unwahrscheinlich. Mit ungefähr zehn Punkten Rückstand auf die ungeschlagenen Teams aus Eindhoven und Enschede war Ajax bald nach Beginn der Rückrunde zum Außenseiter geworden. Kein anderer Verein in Europas größeren Ligen hatte bis dahin mehr Tore in den Pflichtspielen erzielt, dennoch muss die von Martin Jol trainierte Elf als Tabellendritter auf die Fehler anderer lauern – und aufpassen, dass sie selbst keine weiteren begeht. Je drei Punkte in Eindhoven, Enschede und Utrecht gelassen, in Kerkrade und Breda sowie gegen Sparta Rotterdam nur Remis: Homers stolzer Krieger, der dem Klub einst seinen Namen verlieh, ist nicht mehr der unangefochtene Anführer früherer Tage in den Niederlanden.

Und in Europa, wo Ajax einst Maßstäbe setzte, erschreckt der Verein heute kaum noch wen. In den 14 Spielzeiten seit dem bitteren Champions-League-Finale 1996 in Rom, als Davids und Silooy gegen Juventus im Elfmeterschießen verschossen, ist Ajax gerade dreimal über die Gruppenphase hinausgekommen. Oft scheiterte man schon in der Qualifikation oder landete direkt im UEFA-Cup, ohne dort groß etwas ausrichten zu können; Vereine wie Slavia Prag, Dinamo Zagreb oder der FC Kopenhagen wurden früh zur Endstation.

Endstation Slavia Prag

»Kollaps totaal« wäre möglicherweise eine kleine Übertreibung für die Misere, die der 110 Jahre alte Verein gerade durchlebt. In den letzten fünf Spielzeiten waren die Ajacieden am Ende immer unter den ersten Vier in der Liga platziert; zweimal konnten sie auch wieder den beker für den Pokalsieger holen. Gemessen am eigenen Anspruch und der Historie ist das aber bei weitem nicht genug. Der Mannschaft und ihren fordernden Fans ist het Ajax-Gevoel abhanden gekommen, das sie in den besten Zeiten beinahe von alleine trug – jenes unverschämte Ajax wint altijd (»Ajax gewinnt immer«), das noch heute auf Schals und Spruchbändern zu lesen ist. »Wir sind in einem Prozess des Umbaus«, sagt Urby Emanuelson, der in der Mannschaft auf der linken Seite spielt – und inzwischen fast schon ein Dinosaurier ist. Als er vor fünf Jahren sein Debüt in der ersten Elf gab, gehörte er mit Hedwiges Maduro (jetzt Valencia) und Ryan Babel (FC Liverpool) zu den hoffnungsvollsten Youngstern aus der berühmten Ajaxschule. Seine beiden Freunde aber wechselten ebenso zu ausländischen Großvereinen wie andere Führungsspieler von Wesley Sneijder bis Rafael van der Vaart, so dass der 23-jährige Nachfahre surinamesischer Zuwanderer nun von Mitspielern umgeben ist, die in der Regel nicht deren Qualität aufweisen.  

»Klubs wie Barcelona und Bayern können ihre großen Spieler halten«, sagt Emanuelson, »wir müssen sie verkaufen. Das ist nun mal der große Unterschied.« Aber war das nicht immer so? Irgendetwas ist zuletzt schief gelaufen beim ewigen Versuch, die Abgänge mit neuen Transfers und Nachschub aus der Jeugdopleiding zu kompensieren. Die geschätzten 120 Millionen Euro, die in den letzten zehn Jahren durch Spielerverkäufe eingenommen wurden, scheinen versickert zu sein – oder wurden zum Ausgleich größerer Finanzlücken verwendet, wie gemunkelt wird. Dass der Klub finanziell so gesund ist, wie es der Allgemeine Direktor Rik van den Boog hartnäckig behauptet, nehmen ihm längst nicht alle Beobachter ab. Außerdem haben andere Vereine wie AZ Alkmaar und vor allem der FC Twente sportlich zugelegt, was auch den mächtigen Männern im Vorstand nicht entgangen ist.

Die 120 Millionen Euro? Versickert.

Die über Jahrzehnte gepflegte Hierarchie der Top Drei aus Ajax, PSV und Feyenoord ist gekippt; alle drei liefen in der letzten Spielzeit vergeblich hinter Meister AZ und Twente her. »Man merkt jetzt, dass wir mehr tun müssen, um Champion zu werden«, glaubt Emanuelson, der weiter tapfer hofft, »dass wir in einigen Jahren den Erfolg nach Amsterdam zurückbringen können«.So gesehen kamen die beiden Begegnungen mit Juventus im Februar gerade recht, um noch mal vom höchsten Niveau zu träumen. Spiele gegen Juve hatten Ajax’ neuerlichen Aufstieg Mitte der Neunziger gekrönt und gleichzeitig gebremst; nun kam der Rivale von damals zur Neuauflage. Trotzdem war da auch traurige Ironie im Spiel: Dies war nicht die Liga der Champions, sondern bloß die Europa League. Es war der Hoffnungslauf zweier namhafter Klubs, die abgerutscht sind – »Glory Days« in der Lightversion.

Nur noch traurige Ironie

Das Hinspiel in Amsterdam war dennoch so schnell ausverkauft, wie es unter diesen Umständen zu erwarten war. »Die Fans sind es leid, immer nur Timisoara und Bratislava zu sehen«, sagt ein Sportjournalist, der die Heimspiele in der diesjährigen Europa League alle ausgehalten hat – vom einseitigen 5:0 über Bratislava über das triste 0:0 gegen Timisoara bis zum bitteren 1:3 gegen Anderlecht. »Für sie ist mit Juventus die große Fußballwelt zurückgekehrt, die sie aus den Neunzigern kannten.«

Solch positive Emotionen sind im Zweifel natürlich besser als jene wilden Szenen, die sich noch letztes Jahr rund um die Arena abspielten. Lautstarke Massen teils vermummter Anhänger stürmten zum Trainingsplatz, um die Profis wegen ihrer schwachen Vorstellungen in der Liga zu beschimpfen. Frust und Zorn über jahrelang enttäuschte Hoffnungen hätten sich um ein Haar in einem handfesten Tumult entladen. Es war die einzige Saison des Trainers Marco van Basten, der nur als Stürmer Weltklasse verkörperte, und man konnte das nahe Ende mühelos kommen sehen.

van Baster verkörperte nur als Stürmer Weltklasse

Geduld mit mediokren Leistungen ist noch nie die Stärke des Ajax-Anhangs gewesen, gleich ob in Jackett oder Bomberjacke. In dieser Stadt, die sich für Hollands einzige Metropole hält, hat der Fußball so erfolgreich wie attraktiv zu sein – die ultimative Kombination aus Ästhetik und Effizienz. So war es schließlich gewesen, als die Trainer Rinus Michels und Stefan Kovacs um Johan Cruyff herum eine Erfolgself aufgebaut hatten, die den Vereinsfußball in den frühen Siebzigern auf eine neue stilistische Stufe hob. Der voetbal totaal war ein Quantensprung, der die Ajacieden für ein paar grandiose Jahre Europa dominieren ließ.

Drei aufeinanderfolgende Triumphe im Europapokal der Landesmeister waren der fast zwangsläufige Ausdruck einer Überlegenheit durch innovative Raum- und Rollenaufteilung. Und so war es – nach eher durchwachsenen Jahren – noch einmal, als der eigenwillige Fußballlehrer Louis van Gaal Mitte der Neunziger das Konzept weiterentwickelte. Nicht das (oft vergebliche) Schaffen von Räumen, sondern ein atemberaubendes Tempo bei der Ballzirkulation wurde nun zum Schlüssel spielerischer Dominanz, die eine junge Ajaxmannschaft triumphieren ließ. Die de Boers, Davids, Litmanen, Overmaars, Kanu und Kluivert blieben in der Champions League 15 Spiele lang ungeschlagen, demütigten die Bayern wie auch Borussia Dortmund und gewannen 1995 mit 1:0 im Endspiel gegen Milan. Es war nicht zuletzt ein Erfolg der Nachwuchsarbeit: Neun der elf Spieler, die in Wien auf dem Rasen standen, trugen schon als Junioren das Ajax-Trikot.    

Die Geschichte wiederholt sich

Das ist nun Geschichte, die sich nur in einem unter der Woche ziemlich leeren Bistro an der Arena wiederholt. Auf den Bildschirmen der »Soccer World« schießen Kluivert, Blind und die anderen noch immer Tag für Tag die entscheidenden Tore gegen Milan und im Weltpokal gegen Gremio Porto Allegre – derweil es nach Cappuccino und Burgern riecht. Jenseits dieser nimmermüden Nostalgiemaschine hat sich die Fußballwelt jedoch weiter gedreht. Nicht Ajax, sondern PSV Eindhoven ist zuletzt unter der klugen Führung von Guus Hiddink zum Serienmeister in Holland avanciert. Und nicht in Amsterdam, sondern im vierzig Kilometer nördlich gelegenen Alkmaar wurde unter der Regie van Gaals bis zum letzten Sommer der beste Kombinationsfußball aufgeführt.  

Hiddink und van Gaal hatten jeweils vier Jahre Zeit, um nach ihrem Gusto etwas aufzubauen. Bei Ajax aber wechselten die Ärzte und Rezepte im neuen Jahrtausend im Jahresrhythmus. Auf den sturen Ronald Koeman folgte der leise Danny Blind, auf den eitlen Henk ten Cate der pragmatische Adrie Koster – bis van Basten kam, vieles umkrempelte und wieder ging. »Ich bin seit sechs Jahren in der ersten Mannschaft und habe in dieser Zeit fünf neue Trainer gehabt«, sagt Urby Emanuelson. »Und jeder Trainer hat fünf neue Spieler mitgebracht. So geht das nicht, so etwas hilft uns nicht, unsere Ziele zu erreichen. Es muss Ruhe herrschen, auch im Vorstand.« Seit einem halben Jahr ist wenigstens das gegeben. Als Cheftrainer und Technischer Direktor in Personalunion hat Martin Jol den Einfluss bekommen, den man ihm beim Hamburger SV nicht einräumen mochte. Dazu die nötige Zeit, die es braucht, um eine neue, funktionierende Mannschaft zu basteln – so wie ihm das zuvor beim unscheinbaren RKC Waalwijk und bei Tottenham Hotspur gelungen ist. Diese neue Stabilität tue gut, sagt Emanuelson: »Jeder weiß nun, was er zu tun hat und ist damit zufrieden.«

»Wir wollen wieder die Besten werden!«

»Wir wollen wieder die Besten in Holland sein«, erklärt Jol. »Wir haben eine tolle Fußballschule. Es gibt wohl keinen anderen Verein in Europa, nicht mal Barcelona, der mit so vielen Spielern aus der eigenen Jugend operiert. Und wir haben ein ordentliches Budget und können es auf vernünftige Weise ausgeben.« Also nicht wie in der Saison zuvor, als 35 Millionen Euro in Transfers und weitere zehn Millionen in Gehälter investiert wurden, ohne dass auch nur irgendwas besser wurde. »Wenn so etwas klappt, spielst du in der Champions League«, sagt Jol, »wenn nicht, gibt es ein kleines Problem. Dieses Problem müssen wir so schnell wie möglich lösen.«      Genaugenommen ist Mijnheer Jol nämlich ein nicht zu beneidender Mann auf einer großen Halde. Er kann aus einem Kader schöpfen, der nicht weniger als 41 Profis umfasst.

Wenn er aber die Qualität der Mannschaft nachhaltig steigern will, muss er trotzdem neues Geld ausgeben – so wie Ende Januar, als er auf Anraten seines uruguayischen Torjägers Luis Suarez dessen Landsmann Nicolas Lodeiro verpflichtete. Suarez und der Ex-Herthaner Marco Pantelic sind die herausragenden Spieler neben einer Menge mittelmäßiger Profis, die für Millionen von Ligakonkurrenten verpflichtet wurden, ohne den Klub weiterzubringen.

Solange die aber lieber ihre fürstlichen Verträge aussitzen, anstatt zu wechseln, bleiben die Mittel für neue Investitionen knapp. »Ajax hat eine Champions-League-Jacke an«, sagte Finanzvorstand Jeroen Sloep neulich, »aber nur den Körper eines Europa-League-Teilnehmers.« Das umschreibt auf pointierte Art das Grundproblem: Hier hat ein Halbstarker zuletzt deutlich über seine Verhältnisse gelebt.

Ein Halbstarker, der über seine Verhältnisse gelebt hat

Was also bleibt Jol übrig, als weiter auf den Nachwuchs zu setzen – gerade jetzt, wo man ihm den Transfer von Khalid Boulahrouz verweigert hat, den er in Waalwijk einst groß machte? »Wir haben meist sechs, sieben, acht Spieler in der Aufstellung, die aus unserer Akademie kommen und auf nationaler Ebene sicher mal gute Profis werden«, sagt Jol. »Das ist großartig. Doch auf internationaler Ebene sieht es anders aus. Schauen Sie auf die Spitzenvereine, besonders in England: Die haben alles Geld der Welt. Hoffentlich können wir mit denen in Zukunft noch mithalten. Wir müssen das allerdings mit unseren eigenen Möglichkeiten realisieren.«

Der dreifache Nationalspieler aus Den Haag hat nicht die imposante Aktivenlaufbahn vieler Vorgänger im Amt aufzuweisen. Auch liegen ihm große Gesten und Ankündigungen nicht. In diesen prekären Zeiten ist der bodenständige Realist im kornblauen Trainingsanzug aber vielleicht der denkbar beste Sanierer. Von den Philosophen und Visionären, die lieber über Laufwege statt über Zahlen und Ziele schwadronieren, hat der Verein erst mal genug. Und letztlich, so heißt es, sei Jol ein gewiefterer Taktiker, als er durchscheinen lässt.

Der Dribbelkönig aus Salto

Luis Alberto Suarez Diaz hat er jedenfalls schon überzeugt. Der von vielen englischen und italienischen Vereinen begehrte Dribbelkönig aus Salto, der an 21 Spieltagen 22 mal ins Tor traf, hat seinen bis 2012 datierten Vertrag gerade um ein weiteres Jahr verlängert. Damit steigen die Chancen, dass erstmals seit vielen Jahren ein Spieler der Extraklasse mehr als zwei Spielzeiten in Amsterdam überlebt. Und dass vielleicht bald endlich ein neues Foto an der Rezeption des AFC Ajax aufgehängt werden kann.

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