Adam Gemili: Vom FC Chelsea zum olympischen 100-Meter-Lauf

Einfach zu schnell

Sieben Jahre lang durchlief Adam Gemili die Jugendakademie des FC Chelsea. Zum Profi reichte es für den 18-Jährigen Briten nicht. Stattdessen begeistert er nun bei den Olympischen Spielen in London auf der 100-Meter-Strecke. Und hat ein große Zukunft vor sich

London, Sonntag, Crunch-Time. Bei den Olympischen Spielen in London steht mit den 100-Meter-Läufen die größte Show der Leichtathletik auf dem Plan. Usain Bolt, Tyson Gay, Justin Gatlin, Asafa Powell und Yohan Blake, die schnellsten Männer der Welt bitten zum Aufgalopp vor dem großen Finale. Doch erst einmal müssen die »Big Five« die Halbfinals hinter sich bringen. Es ist der dritte Lauf. Die Kameras fahren über die Gesichter der Kraftbolzen. Yohann Blake aus Jamaika macht den Löwen, US-Boy Tyson Gay den harten Mann. Mittendrin steht die größte Hoffnung des Gastgebers Großbritanien. Es ist ein Junge, der alle Jugendteams beim FC Chelsea durchlief und bis vor einem halben Jahr noch von der Profikarriere träumte. Sein Name: Adam Gemili.



»Ihn umzutreten, war der einzige Weg, ihn zu stoppen«



Sieben Jahre lang sprintete Gemili in den Juniorenmannschaften des FC Chelsea in atemberaubenden Tempo auf der rechten Außenbahn. »Ich dachte, der schnellste Weg, um von A nach B zu kommen, sei das Laufen«, erklärt der Einwanderer-Sohn in bester Forrest-Gump-Manier einst der Presse seine Vorliebe für die Höchstbeschleinigung. Er ist ein Waffe, wie sie Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 in Form von David Odonkor in den Weltfußball einführte. Technisch limitiert, aber pfeilschnell. Doch Chelsea erkennt den Wert von Gemili nicht, weil er fußballerisch irgendwann nicht mehr mit seinen hochveranlagten Mitspielern mithalten kann. Gemili entfernt sich nach und nach immer weiter von seinem großen Traum, der Premier League. Er geht für ein Jahr zum Zweitligisten FC Reading, anschließend folgen die Stationen Dagenham & Redbrige (4. Liga) und Thurrock (6. Liga). Tommy South, Vorsitzender seines Ex-Klubs Thurrock, erinnert sich nur zu gut an die Spezialität seines Schnellstarters: »Er legte den Ball am Gegenspieler vorbei und rannte hinterher. Ihn umzutreten, war der einzige Weg, ihn zu stoppen.« Doch Gemili ist unzufrieden mit seinem Dasein in den Tiefen der britischen Fußballligen. Unausgelastet und desillusioniert sucht er sich deswegen eine Ausgleichssportart. Er wechselt die Schraubstollen gegen Spikes und verbringt fortan die trainingsfreie Zeit beim lokalen Leichtathletik-Verein. Sein Sprinttalent fällt dort sofort ins Auge. Im Oktober 2011 legen ihm die Trainer nahe, sich auf ein professionelles Sprinttraining zu konzentrieren. Es ist die Initialzündung, denn nur ein Jahr später wird Gemili mit 18 Jahren Juniorenweltmeister über die 100 Meter, verbessert den jahrelang gültigen britischen Juniorenrekord auf sensationelle 10,05 Sekunden und qualifiziert sich tatsächlich für die Olympischen Spiele in London. Es ist ein Kaltstart unter die schnellsten Männer der Welt. Doch die große Liebe Fußball lässt ihn trotzdem nicht los. Noch vor einem Jahr stellt ihm jemand die Frage, was passieren würde, wenn er sich irgendwann für eine Sportart entscheiden müsse. Gemili antwortet: »Dann werde ich vermutlich Fußball wählen. Es ist meine wahre Leidenschaft.« Im Januar diesen Jahres fällt er dann tatsächlich die endgültige Entscheidung - und sagt dem Fußball auf Wiedersehen.



»Er wird einer der besten Sprinter aller Zeiten«

Nach dem gestrigen Abend ist klar, dass er alles richtig gemacht hat. Es war der Tag des 100-Meter-Ausscheidung, dem vorzeitigen Höhepunkt der Olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe. Der Endlauf wird zum Spektakel der Superlative: Sieben von acht Sprintern laufen in einer Zeit unter zehn Sekunden ins Ziel. Manche sagen, in diesem Feld hätte nicht einmal Road Runner den Hauch einer Chance gehabt. Am Ende gewinnt wieder einmal der Jamaikaner Usain Bolt. Und trotzdem war am Ende auch Adam Gemili in aller Munde. Auch wenn der 18-Jährige den Einzug in dieses epische Rennen denkbar knapp verpasst hatte. Ihm fehlten am Ende 0,04 Sekunden. Es war ein Versprechen für die Zukunft.



Dass ein Mann aus Großbritannien die 100-Meter-Phalanx der amerikanischen und karibischen Sprinter zum Wackeln bringen kann, ist an sich keine Sensation. Die Insel brachte schon einige schnelle Jungs wie Dwayne Chambers oder Linford Christie hervor, wobei diese nachgewiesenermaßen mit Mitteln aus der Medikamentenkiste nachgeholfen hatten. Doch Gemili ist wegen seiner Vorgeschichte und der Unbekümmertheit ein Sonderfall in der Weltspitze der Sprinterriege. Trotz sichtbarer Schwächen in allen Bereichen läuft er einfach drauf los. Im Halbfinale kostet ihn ein allenfalls mittelmäßiger Start einen Platz beim finalen Showdown gegen die »Big Five«. Konkurrent Tyson Gay aus den USA verpasste ihm dennoch bereits vor dem Start den Ritterschlag und sagte Mitte Juli: »Adam wird einer der besten Sprinter aller Zeiten werden!«



Selbst die Fußball-Szene kann mittlerweile den Stolz auf den verlorenen Sohn nicht mehr verhehlen: Manchester-United-Verteidiger Rio Ferdinand twitterte beste Glückwünsche und auch Gemilis Ex-Klub FC Chelsea gratulierte dem jetzigen Leichtathleten auf der Vereinshomepage zum tollen Ergebnis. Für seinen ehemaligen Mitspieler Mark Arber bei Dagenham war die Entwicklung von Gemili am Ende einfach nur logisch: »Adam hatte nur dieses eine mörderische Tempo, dass ihn seine technischen Qualitäten jedoch nicht ausspielen ließ. Für den Fußball war er einfach zu schnell.«

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