Abdelaziz Ahanfouf über den Ramadan

»Die ersten Tage tun weh«

Heute beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Seit nunmehr 14 Jahren unterwirft sich Abdelaziz Ahanfouf, derzeit vereinslos, den strengen Regeln. Wir haben ihn vor der Fastenzeit des letzten Jahres gesprochen. Abdelaziz Ahanfouf über den RamadanImago Abdelaziz Ahanfouf, nun beginnt wieder der muslimische Fastenmonat Ramadan. Werden Sie auch dieses Jahr den Regeln des Koran folgen und von Sonnenauf- bis -untergang keinerlei Nahrung, weder Essen noch Flüssigkeit, zu sich nehmen?

Auf jeden Fall. Das ist mein wahrer Glaube, ich freue mich sogar darauf, auch wenn die ersten zwei, drei Tage, immer schwierig sind.

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Können Sie vielleicht kurz erklären, worum es beim Ramadan geht?

Glaube, Gebet, das Einhalten der Fastenzeit und die Bereitschaft, Armen etwas zu spenden sind eine Reihe von Geboten, die es im Islam zu befolgen gilt, wenn man später ins Paradies will. Es geht auch darum, einmal die andere Seite kennen zu lernen, zu sehen, wie es ist, wenn man nicht so viel zu essen hat. Aber es geht ja im Ramadan nicht nur ums Essen und trinken.

Sondern?

Es geht in diesen vier Wochen um absolute Reinheit, darum, nicht böse zu sein und nichts Böses zu denken, nicht zu fluchen und auf gar keinen Fall zu lügen. Wenn du das machst, dann kannst du auch gleich essen. In diesen vier Wochen muss man alles andere beiseite schieben, darf keinen Gedanken ans Nachtleben oder Frauen verschwenden.

Machen Sie beim Fasten Ausnahmen, etwa wenn zwei Trainingseinheiten pro Tag stattfinden oder ein Spiel ansteht?

Nein, da können auch drei Trainingseinheiten oder zwei Spiele anstehen, das ist egal.

Warum nicht? Die meisten anderen muslimischen Fußballer machen das so, Ribéry etwa. Der Koran erlaubt, verpasste Tage später nachzuholen.

Das stimmt. Viele machen das und wenn man richtig harte Arbeit betreibt, kann bzw. muss man die Tage nachholen. Aber ich finde es sehr schwierig, Fastentage nachzuholen, wenn der Ramadan vorbei ist. Deshalb habe ich das immer komplett durchgezogen, es sei denn ich war krank. Dann darf man gar nicht fasten. Aber wie heißt es so schön: »Glaube versetzt Berge«. Das trifft bei mir zu und man gewöhnt sich auch daran. Nach 13 Profijahren habe ich mich daran gewöhnt.

Schaut man dann, was andere muslimische Spieler machen, wie die es halten? Oder konzentriert man sich nur auf sich?


Nein, ich ziehe das genauso durch wie immer, weil ich es unbedingt machen will. Der Ramadan ist für meine Religion, meinen Glauben sehr, sehr wichtig. Da kann ich nicht auf andere schauen.

In diesem Jahr (2008, d. Red.) fällt der Ramadan in den September. Da kann es noch sehr heiß sein. Wie kann man da noch Leistung bringen, wenn man überhaupt nichts trinken darf?

Es stimmt schon, dass es im November, Dezember, wie es in den letzten Jahren war, deutlich leichter ist. Die Tage sind kürzer und es ist kälter. Aber das sind dann eben die Herausforderungen des Alltags. Wenn es so heiß ist, ist es schwieriger, definitiv.

Wir Freizeitkicker laufen ja ab 20°C alle fünf Minuten zur Wasserflasche und gehen ansonsten keinen Weg, der sich vermeiden lässt. Hat man als Profisportler eine ganz andere Substanz?

Natürlich haben wir die als Leistungssportler. Aber wie gesagt, die ersten Tage sind hart, egal ob im Sommer oder im Winter. Manchmal zwickt es dann mal hier oder tut da weh. Aber wenn man einen Rhythmus gefunden hat, geht es. Zumindest bei mir, und ich kann ja nur von mir sprechen.

Gab es schon einmal Probleme? Wurden Sie wegen des Ramadan schon einmal auf die Bank gesetzt, weil der Trainer meinte, Sie seien nicht fit?

Es gab eigentlich sogar immer Diskussionen in den letzten Jahren. Aber meine Trefferquote in dieser Zeit kann sich sehen lassen. Egal, wo ich war: ich habe getroffen. Ich erinnere mich besonders noch an ein Spiel, Duisburg gegen Trier in der Ramadan-Zeit, da habe ich drei Tore gemacht und vorher dachte sie: »Der kann sich doch überhaupt nicht bewegen.« Das ist absoluter Quatsch. Deswegen saß ich zumindest in den letzten Jahren nicht auf der Bank.

Aber kann man das vier Wochen durchhalten?

Das sind ja nur neunzig Minuten, es ist ja nicht so, dass man das vier Wochen lang den ganzen Tag machen würde. Aber anderthalb Stunden am Tag muss man sich zusammenreißen können. Dann geht man morgens eben mal nicht zum gemeinsamen Mannschaftsfrühstück, sondern haut sich alleine um sechs Uhr früh richtig was rein und trinkt viel. Danach schläft man einen Tick länger. Wenn die Jungs Frühstücken gehen, liegt man im Bett und ruht sich aus. Dann steht man auf und macht seinen Sport.   

Wie sind denn Mitspieler und Trainer bislang damit umgegangen?

Ganz gut eigentlich. Dass man immer mal wieder ein paar Sprüche oder flapsige Bemerkungen zu hören bekommt ist ja vollkommen normal. Vielleicht sind einige auch skeptisch. Aber spätestens, wenn sie mich auf dem Platz sehen und merken »Der kann sich ja doch noch bewegen, dem merkt man ja gar nichts an«, dann ändert sich das alles.

Entscheidend ist auf dem Platz...

Es ist einfach so. Man muss seine Leistung abrufen. Natürlich laufe ich im Training vielleicht auch mal einen Schritt weniger, aber wenn es im Spiel darauf ankommt, gebe ich Vollgas, solange es geht. Und wenn es mal nur für sechzig oder siebzig Minuten reicht, dann ist das eben so.

Jeden Tag nach Sonnenuntergang wird das Fasten gebrochen. Viele Muslime essen dann sogar besonders viel. Auch Fast Food soll beliebt sein. Muss man als Fußballprofi da aufpassen?

Fast Food gibt es bei mir niemals. Weil ich jetzt wieder zuhause bin, freue ich mich besonders darauf. Wir haben jeden Abend ein Festmahl. Wir fangen immer mit einer wunderbaren Suppe an, damit der Magen aufgeht und überhaupt etwas aufnehmen kann. Dann gibt es so viele gesunde Sachen: Reis, Nudeln, Hähnchen und und und. Man isst lauter kleine Häppchen und macht dann wieder eine Pause, erst später haut man dann noch mal rein. Das allerwichtigste ist aber, dass ich an solchen Abenden genug trinke.

Um den Speicher aufzufüllen?

Genau. Ich trinke dann bestimmt 6 bis 7 Liter und zwar nicht alles auf einmal, sondern in Einheiten von ungefähr 0,4 Litern alle 45 Minuten. Damit es auch drin bleibt.

Haben Sie schon einmal während des Ramadan für die marokkanische Nationalelf gespielt?

Ja, und das ist dann auch etwas ganz anderes. Da wurde das Training so gelegt, dass direkt danach alle gemeinsam essen konnten. Dort fasten ja alle. Hier sind wir im Verein nur drei. Da müssen wir uns nach dem Trainer und den anderen Spielern richten, das ist ja klar. In Marokko kann man alles nach dem Ramadan ausrichten.

Wie kommt es, dass ausgerechnet ein in Deutschland aufgewachsener Moslem in Sachen Ramadan besonders strikt ist?

Einerseits liegt das natürlich am Umfeld. Aus welcher Familie kommt man? Wie ist man aufgewachsen? Später ist es dann aber eine individuelle Entscheidung. Wie stark glaube ich? Wie wichtig ist mir der Glaube an Gott? Für mich steht er an erster Stelle. Klar gab es auch mal Phasen, wo ich das nicht so eng gesehen habe, aber je älter ich wurde, desto wichtiger wurde der Glaube.

Was den Ramadan betrifft: War das Ihre Entscheidung allein, wie Sie damit umgehen oder beraten Sie sich mit anderen?

Ich habe schon mit anderen gesprochen, vor allem mit meinem Vater, der meinte: »Mach es, wenn es geht, und wenn nicht, dann musst du es eben nachholen.« Aber das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass man das nach dem Ramadan noch schafft. Wenn er vorbei ist, dann will ich wieder frühstücken, so ehrlich muss ich sein.

Es kostet also Überwindung, in diesem Zeitraum des Ramadan zu fasten - danach ist es aber auch gut. Kann man das so sagen?


Genau. Ich lebe in diesen vier Wochen in absoluter Reinheit, und das ist enorm wichtig für mich.

Hat Ihr schwerer Unfall etwas an Ihrem Leben und Ihrem Glauben verändert?

Eigentlich nicht. Ich war schon davor sehr gläubig. Natürlich danke ich Gott für alles, dafür, dass ich noch hier bin und alles in Ordnung ist, ich mit meiner Familie zusammenleben kann.

Trinken Sie außerhalb des Ramadan eigentlich Alkohol? Es gab bei Ihren früheren Stationen immer mal wieder Gerüchte, Sie seien häufiger im Nachtleben gesichtet worden.

Natürlich bin ich auch mal mit den Jungs raus gegangen und war in Diskotheken, das ist doch völlig normal. Die Sache ist nur, dass ich dabei nie Alkohol getrunken habe, mein Getränk war Red Bull. Alkohol ist nichts für mich. Und während des Ramadan geht das schon gleich dreimal nicht. Da heißt es: Ab in die Moschee, und nicht in die Disko.

Hatten Sie mal Probleme mit Vereinsärzten oder anderen Medizinern, weil die den Ramadan aus sportmedizinischer Sicht bedenklich finden?

Solange ich meine Leistung bringen kann, und das konnte ich bis jetzt immer, ist mir das egal.

Aber so ziemlich jede wissenschaftliche Studie zur Ernährung steht in sehr deutlichem Kontrast zu den Gebräuchen des Ramadan. Demnach soll man eher kleinere Portionen über den Tag verteilt essen und trinken, bevor man Durst hat. Alles Dinge, die im Ramadan nicht gehen.

Das ist ja auch alles richtig und ich ernähre mich ansonsten ja auch so. Auch im Ramadan versuche ich, gesund zu essen, nur eben zu anderen Zeiten. Ich frühstücke sehr ausgiebig, manchmal esse ich morgens schon Nudeln, um genug Kohlenhydrate reinzukriegen. Aber in diesen vier Wochen ist der wissenschaftliche Aspekt nebensächlich, da zählt nur der Glaube und das Gebot, das Fasten durchzuziehen. Die ersten Tage tun richtig weh, aber dann wird es immer besser. Man gewöhnt sich an alles.

Ist es leichter, wenn andere Muslime aus der Mannschaft sich beteiligen?

Leichter ist es deswegen nicht, aber es gefällt mir sehr gut, ich finde es schön, das gemeinsam zu machen. Es ist dann auch einfacher, seine eigene Schiene zu fahren. Man klinkt sich ein wenig aus. Denn im Ramadan kann man nicht jeden Blödsinn der anderen Spieler mitmachen und muss bei manchen Sprüchen auch weghören. Das ist gemeinsam leichter.

Würden Sie sich wünschen, dass sich die Teamkollegen mehr damit auseinandersetzen?

Nein, das ist ja alles kein Problem. Wichtig ist nur, dass es in der Mannschaft weiterhin stimmt, man die Ziele  nicht aus den Augen verliert und Erfolg hat. Sicherlich heißt mein Ziel während dieser Zeit Ramadan, aber deswegen verliere ich das andere ja nicht aus den Augen. Und wenn ich weiter meine Leistung bringe, ist alles in Ordnung. Wegen mir muss sich keiner umstellen.

Sie sagten, man gewöhne sich an alles. War es am Anfang schwieriger?


Absolut. Ich bin jetzt in meinem 13. Profijahr und ich habe es immer durchgezogen. In den ersten Jahren gab es schon Tage, an denen ich dachte: »Leck mich am Toupet! Wie soll ich das schaffen, ich kann nicht mehr!« Ich habe geblutet, aber ich habe es geschafft. Weil ich musste! Die letzten Jahre waren kein Problem mehr.


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