9. April 1997: Als Dortmunds René Tretschok Europapokal-Geschichte schrieb

Der Ersatz-Held

In der Saison 1996/97 spielte René Tretschok für den BVB fast nie von Anfang. Erst am 9. April 1997, im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United, bekam er seine Chance – und nutzte sie grandios.

Als René Tretschok am 10. April 1997 aufsteht, muss er kurz grinsen. Er hat heute trainingsfrei. Und er hat er einen Plan. Er weckt seine Frau Stefanie, nimmt seine 20 Monate alte Tochter Anna in den Arm und setzt sich mit der Familie vor den Fernseher. Dann schiebt er eine Videokassette ein. Man hört die Champions-League-Hymne, das Bild erscheint auf dem Röhrenfernseher, dann das Grollen des ausverkauften Westfalenstadions. Champions-League-Halbfinale. Hinspiel. Borussia Dortmund gegen Manchester United. Die Mannschaften laufen ein. Mit dabei: die Nummer 23 des BVB.

»Schwarz-Gelber Zweckverbund«

Am Tag zuvor sitzt René Tretschok im Teamhotel »Wittekindshof«. 17:30 Uhr. Mannschaftsbesprechung. Immer das Gleiche. Die Spieler trudeln langsam ein. Andreas Möller humpelt ein wenig, Lars Ricken macht einen Scherz. Keiner lacht. Als letztes kommt Paulo Sousa, die 7-Millionen-Mark-Diva aus Portugal und senkt sich betont gelangweilt auf seinen Stuhl. Ottmar Hitzfeld verliest die Verletzten. Die Liste ist lang. Wie immer in diesem Jahr. »Riedle, Freund, Cesar, Tanko, Kohler, Chapuisat sind verletzt«, sagt er, »Sammer fällt gesperrt aus. Hier ist unsere Aufstellung für heute Abend.« Keiner sagt etwas, denn in dieser Mannschaft gibt es schon lange nichts mehr zu sagen. Zu groß sind die Zerwürfnisse zwischen Präsidium, Trainer und Teilen der Mannschaft.

René Tretschok blickt auf den Boden. Er wird nicht von Anfang an spielen, weil er in diesem Jahr noch nie von Anfang gespielt hat. Egal wie viele Spieler ausfielen. Deswegen hat er bereits seinen Abschied angekündigt. Köln ruft, vielleicht der 1. FC Kaiserslautern. Er wäre gerne in Dortmund geblieben, auch wenn die Stimmung in der Mannschaft selten schlechter war als in dieser Saison. Die Presse schreibt längst vom »Schwarz-Gelben Zweckverbund« und umschreibt so gnädig den Umstand, dass Alpha-Tiere wie Sammer, Sousa und Möller die Kommunikation untereinander fast vollständig eingestellt haben. Da hilft auch kein sportlicher Erfolg mehr. Tretschok blickt auf die Tafel – und sieht die Nummer 23. Seine Nummer. Er spielt. Als Notstürmer neben dem angeschlagenen Heiko Herrlich. Heute Abend. Am 9. April 1997. Im Champions-League-Halbfinale. Gegen Manchester United.

»Papa, Papa, Papa«,

Auf der Couch im Hause Tretschok herrscht familiäre Gemütlichkeit. Papa René ist gefesselt vom Spiel. Dabei ist es grausam anzusehen, was der BVB gestern Abend gespielt hat: Die Rumpfelf mauert gegen den übermächtigen Gegner von der Insel. Nur ab und an traut sich Schwarz-Gelb in die Offensive vor. Der BVB-Notstürmer mit der Nummer 23 kriegt nicht viel hin, hängt förmlich in der Luft. Als er in der ersten Hälfte endlich mal den Ball bekommt, zieht er sofort ab und übersieht den besser postierten Jörg Heinrich. Der Ball geht vorbei. Kann passieren. Heinrich winkt ab, Sousa schreit, Herrlich schüttelt den Kopf, Möller ist außer sich. Mittlerweile ist für jeden Zuschauer sichtbar, dass es die BVB-Mannschaft anno 1997 höchsten 90 Minuten miteinander aushält. Auch in der zweiten Halbzeit ist das Spiel zäh. In der 75 Minute haut Uniteds Gary Pallister einen Befreiungsschlag ins Mittelfeldzentrum, Paulo Sousa fängt den Ball ab, doch auf dem holprigen Rasen verspringt dem Supertechniker die Kugel. Er trudelt genau vor die Füße von René Tretschok, der dem Superstar das Spielgerät förmlich vom Fuß klaut. Majestätsbeleidigung. Völlig Egal. Tretschok dreht sich in Richtung Tor, Sousa motzt, dreht genervt ab. Tretschok legt sich den Ball mit links vor. Einmal. Zweimal. Dann zieht er einfach ab. Der Ball wird leicht abgefälscht. United-Keeper van der Gouw fliegt ins Leere. Tor. 1:0. Der Notstürmer reißt sich das Trikot vom Leib, schließt die Augen, schreit alles raus. Er ist der Held des Abends. Der Ersatz-Held.




»Papa, Papa, Papa«, ruft Töchterchen Anna auf dem heimischen Sofa, als sie Papa René in Großaufnahme sieht. Er hat beide Arme in der Luft. Vor ihm explodiert die Südtribüne. »Sogar die Kleine hat gespürt, dass da etwas Besonderes passiert ist«, erzählt er später der Presse.

Und als er an diesem Morgen des 10. April die Zeitungen durchgeguckt hat, liest er neben seinem Namen wahre Jubelstürme. Sie nennen sie ihn »Euro-Held« und »den besten Starersatz«. Er hat gestern Abend Manchester United gekillt. Es ist sein Eintrag in die Geschichtsbücher des BVB. Dann weckt er seine Stefanie, nimmt seine 20 Monate alte Tochter Anna in den Arm und setzt sich mit der Familie vor den Fernseher. Dann schiebt er eine Videokassette ein. Man hört die Champions-League-Hymne, das Bild erscheint auf dem Röhrenfernseher, dann das Grollen des ausverkauften Westfalenstadions. Champions-League-Halbfinale. Hinspiel. Borussia Dortmund gegen Manchester United. Die Mannschaften laufen ein. Mit dabei: die Nummer 23 des BVB.

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