36 Punkte Abzug: Der FC Sion fordert die Fifa heraus
03.01.2012

36 Punkte Abzug: Der FC Sion fordert die Fifa heraus

Die letzte große Schlacht

Im Kampf um sein Recht bekam der FC Sion nun die harte Hand der Fifa zu spüren. In der Liga sollen dem Klub des renitenten Präsidenten Christian Constantin satte 36 Punkte abgezogen werden – trotzdem will er weiter kämpfen. Es droht ein Erdbeben.

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Imago

»Wir sind eine Familie. Und eine Familie löst ihre Probleme stets in der Familie«, so spricht das Fußballfamilienoberhaupt Sepp Blatter nur allzu gern über seinen Herrschaftsbereich. Korruption, dubiose Turniervergaben, noch dubiosere Wahlen – all das konnte die Familie und vor allem ihr Papa bisher schadlos überstehen. Dem Prinzip der internen Lösung sei Dank. Doch nun droht der glücklichen Familie Ungemach vom Ausmaß eines Erdbebens der Stärke 10.



Denn der Schweizer Fußballverband (SFV) ist der deutlichen Forderung der Fifa nachgekommen und hat sein schwarzes Schaaf, den FC Sion, mit einer wahnwitzigen Strafe von 36 Punkten Abzug belegt. Die Fifa hatte zuvor die ganz schweren Geschütze aufgefahren, um den störrischen Widersacher einzuschüchtern. Der Weltverband drohte dem SFV mit dem Ausschluss aller Schweizer Mannschaften aus allen laufenden Wettbewerben, wenn der Verband nicht bis zum 13. Januar den FC Sion zur Räson rufen würde. Unter anderem wäre auch Bayerns Champions-League-Gegner FC Basel Opfer dieser Sippenhaft geworden.

Die Familie gerät ins Wanken

Doch der Schweizer Verband wendete das Unheil für alle ab und verpasste lieber dem FC Sion eine krachende Ohrfeige. 36 Punkte Abzug! Und das, obwohl die Statuten des schweizerischen Fußballverbandes eigentlich eine Maximalstrafe von 12 Punkten festgelegt hat. Man setzt also auf Wunsch der Fifa die eigenen Regeln außer Gefecht. Einige glaubten, dem FC Sion mit dieser historischen Strafe den letzten Gnadenstoß verpasst zu haben. Doch wie es aussieht, haben sie die Rechnung ohne Christian Constantin, seines Zeichens durch Renitenz bekannt gewordener Präsident des FC Sion, gemacht. Dieser hatte Strafanzeige gegen die Fifa gestellt, ein weiterer Schritt im ausufernden Kampf des kleinen Klubs gegen die Übermacht der grauen Herren. Es rollen die Geschütze für das letzte große Gefecht, in das beide Seiten mit einem Ton-Steine-Scherben-Klassiker auf den Lippen ziehen werden: Die letzte Schlacht gewinnen wir!

Auf dem Spiel steht nicht weniger als die juristische Struktur des Fußballgeschäfts. Soll heißen, gewinnt der FC Sion am Ende vor Gericht gegen die Fifa, könnte die Familie in Zukunft seine Probleme nicht mehr intern regeln, sondern wäre gezwungen, auf die Entscheidungen ordentlicher Gerichte zu hören. Das wiederum käme einem Erdrutsch gleich, nicht wenige sprechen von Ausmaßen, welche die Folgen des Bosman-Urteil bei weitem übersteigen würden. Kurzum: Die CAS als obere Instanz der Sportgerichtsbarkeit wäre zukünftig ausgehebelt.

Wie konnte es soweit kommen?

Doch wie konnte das Duell David gegen Goliath dermaßen ausufern, dass mittlerweile Teile des Gesamtsystems Fußball ins Wanken geraten? Seinen Ursprung findet der Streit bereits Anfang des Jahres 2008, als der ägyptische Torwart Essam Al Hadary ohne die Einwilligung seines Klubs Al-Ahly nach Sion wechselte. Seinerzeit berief sich Sion auf einen Beschluss der Fifa, der Al Hadary eine provisorische Spielbewilligung erteilt hatte. Nur knappe 18 Monate später rieb man sich im Wallis allerdings verwundert die Augen, denn plötzlich verhängte die Fifa nachträglich eine Strafe für eben jenen Al-Hadary-Transfer: Sion musste 900.000 Euro Ablöse nachzahlen, wohl gemerkt für einen Spieler, der zu diesem Zeitpunkt längst wieder in Ägypten spielte, zudem wurde der Verein mit einem Transferverbot belegt, über dessen wahre Länge bis heute Uneinigkeit herrscht.
Es folgte ein Kampf auf juristischer Ebene: Constantin ging gegen die Fifa-Entscheidung vor, verpflichtete neue Spieler, bekam Strafen aufgebrummt und zog erneut vor den Kadi. Mit Erfolg, denn die während der Sperre verpflichteten Spieler Pascal Feindouno, Gabri, José Gonçalves, Stefan Glarner, Billy Ketkeophomphone und Mario Mutsch wurden zu Saisonbeginn von der Swiss Football League lizensiert. Allerdings »irrtümlich«, wie die Funktionäre wenig später behaupteten. Die Lizensierung sei aufgrund eines Büro-Fehlers nicht rechtens und wurde schnell widerrufen. Die sechs Spieler blieben vorerst gesperrt.

Von einem Zivilgericht wurde diese Sperre für nichtig erklärt, von einem anderen wiederum als rechtskräftig. Sion wurde am Ende trotz erfolgreicher Qualifiaktion aus dem Europapokal ausgeschlossen, weil der Klub die sechs nicht spielberechtigten Profis in den Europa-League-Playoffs gegen Celtic Glasgow eingesetzt hatte. Eine unabhängige Disziplinarkommission des Schweizer Verbands sprach Sion zwar frei, laut Uefa und Fifa bleibt der Klub jedoch vom Wettbewerb ausgeschlossen. Der Verein hatte diese Entscheidung angefochten und den Fall bis vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS gebracht. Dort war Constantin aber mit seiner Klage Mitte Dezember gescheitert und kündigte an, sein Recht vor einem ordentlichen Gericht einzuklagen.

Constantin: »Blatter handelt wie Gaddafi«

In all diesem Wirrwarr aus Zugeständnissen, Gerichtsentscheiden und verwirrenden Urteilen haute die Fifa dann Anfang Dezember mächtig auf den Schlamm. Würde es dem SFV nicht gelingen, den FC Sion einzunorden, drohe dem kompletten Verband eine Sanktion in Form eines Ausschlusses aller Schweizer Teams. Daraufhin schwang auch der Sion-Präses die große Keule und ließ keifte öffentlich, Blatter handele »ähnlich wie Gaddafi im Dezember 1988, als er die USA bestrafen wollte und einen Anschlag auf ein Flugzeug einer amerikanischen Fluglinie verübte. Gelitten haben aber Unbeteiligte.« Blatter sei »ein Diktator, der jeglichen Sinn für Realität verloren hat und seinen Stolz über konstruktive Lösungen stellt. Er muss verrückt sein, dass er mit einem Ausschluss des SFV droht, statt die Sache nur auf Sion zu projizieren.« Sicher kein glücklicher Vergleich, aber ein Beispiel dafür, mit welcher Schärfe mittlerweile miteinander umgegangen wird.

Aus einer Posse zwischen den beiden Sturrköpfen Blatter und Constantin entwickelte sich eine Zerreißprobe des Fifa-Systems. Sions Präsident sieht sich dabei in der Rolle des Märtyrers im Kampf gegen die großen Verbände. »Wenn es niemand wagt, sich gegen die Diktatur der beiden bedeutenden Fussballverbände aufzulehnen, dann mache ich es halt«, kündigte er an. Es wird Zeit, dass die verantwortlichen Herren um Blatter und Platini zur Rechenschaft gezogen werden und endlich verschwinden.«

Constantin kämpfte schon einmal bis zum Letzten

Klar ist, sollte Constantin mit seinem FC Sion in die finale Schlacht vor ein zivilies Gericht wie dem Schweizer Bundesgerichtshof oder gar dem Europäischen Gerichtshof ziehen und am Ende gewinnen, wäre das wohl das Ende der autonomen Gerichtsbarkeit in den Sportverbänden. Bisher galt die Regel: Im Sport – manchmal sogar aus gutem Grund – gibt es die Abmachung, dass nur Sportgerichte angerufen werden dürfen, deren höchste Instanz der Internationale Sportgerichtshof CAS ist. Seit 2002 erkennt die Fifa jenen CAS offiziell als höchste sportjuristische Instanz an. Sion in Person von Christian Constantin pfeift auf diese Regelung und offenbart damit die größte Angst der großen Sportverbände: den Verlust der totalen Kontrolle über die Familie. Zukünftig könnten Vereine wie Sportler sich ermutigt fühlen, Entscheidungen von Sportgerichten etwa wegen Dopingverstößen oder sonstigen Strafen vor einem zivilen Gericht neu zu verhandeln.

Mitte Januer kommt es nun zum Showdown, denn dann entscheidet die Fifa endgültig, ob die 36 Punkte Abzug für den FC Sion als Strafe anerkannt werden. Constantin bereitet sich seinerseits auf den nächsten Schritt vor. Die historische Strafe kommentierte er bissig: »Diese Entscheidung ist eine untragbare Schädigung für jegliches juristisches Empfinden.«

Dass Constantin durchaus bereit ist, bis zur letzten Kugel zu kämpfen, bewies er bereits im Jahr 2003. Damals klagte er gegen den Zwangsabstieg seines Klubs wegen Überschuldung – und siegte. Die zweite Schweizer Liga wurde daraufhin auf 17 Mannschaften aufgestockt, und das, obwohl der Ligabetrieb schon seit drei Monaten lief. Spätestens seit diesem Kampf weiß Constantin: Es ist nie zu spät für einen High Noon.

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