34 Stunden im Bus zum Auswärtsspiel

»Ich glaube, wir haben uns verfahren«

Heiko Rothenpieler begleitete seinen FC Schalke zum Europapokalspiel nach Bukarest. 34 Stunden einfache Fahrt. Ein Bericht über Straßenhunde,  Costa Cordalis & Friends, unzähmbare Eisenlungen und die Erkenntnis, dass Hartz IV mit dem Begriff »Armut« so rein gar nichts zu tun hat.

imago

Googelt man »Rumänien«, erstreckt sich die Auswahl von »Hunde« über »Straßenhunde« bis »Tierquälerei«. Was mache ich hier eigentlich? Von Sonntagabend bis Donnerstagmittag habe ich ausreichend Zeit dies zu beantworten. Zunächst freut man sich wahnsinnig über die Bestätigung von Vereinsseite, dass man in Gelsenkirchen »Bus Nummer 1« aufzusuchen hat. Man sagt sich: »Geil. Ich bin nicht allein. Es gibt jede Menge andere, denen auch ein paar Synapsen fehlen.«

Das Gewissen ist beruhigt. 218 € sind gut investiert. Und auf eine Woche Universität lässt sich gut verzichten. Die Freundin findet es sogar super, dass ihr Geliebter eine Leidenschaft hat, die mit Angeln und Golfen nichts zu tun hat. Vor Ort angekommen, sucht man fast vergeblich »Bus Nummer 1«. Fast. Es gibt nämlich nur einen. Ich nehme alles zurück. Ein Psychiater ist aufzusuchen und das auf schnellstem Wege.


Leo raucht seine 104. Zigarette

Es war wie in Ben Hur. Am Ende bleibt eben nur eine Karre übrig. Nur, dass Jens Keller nicht Charlton Heston ist. 4:14 Uhr. Laut Wetterbericht droht Blitzeisgefahr. Keine Sorge. Der Busfahrer sagt: »Straße is trocken. So wie ihr Lutscher, haha!« Ich denke an meine Freundin, an ein warmes Wohnzimmer, an die Tatortwiederholung auf Einsfestival, an die Russ-Meyer-Reihe auf Tele 5. An einfach alles, was gut ist.

Vor mir raucht Leo (49) seine 104. Zigarette. Camel. Ganz klassisch. Ein Linienbus überholt uns mit einem Fahrgast auf der Autobahn. Es fühlt sich plötzlich wie Pott an, nur ist es Bayern. Horst Seehofer mit 90% wiedergewählt. Nein, ich bin ganz sicher nicht in Herne. Langsam geht die Sonne auf. Vielleicht die schönste meines Lebens. Falls ich sie durch den Zigarettenqualm erkennen kann, melde ich mich.

»Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand«

Österreich Now, Redux. Endlich in einem Land ohne Koalitionsstreit. Mehr muss man nicht wissen. Eigentlich hätte ich in zwei Stunden »Medientheorie« in einem muffigen und überfüllten Unisaal, würde mich mit Marshall McLuhan und Walter Benjamin prügeln. Doch nein. Ich sitze lieber mit Leo und meinem Kumpel im 50Mann-Bus und trinke Mariacron zum Wachwerden. Geil. Männlich. Genderfrei. Yeah. Wir machen hier eine Pause. Es ist nämlich alles egal. Scheiß egal. Oder wie Leo weiß: »Hömma, ob Unnerstall oder Hildebrand – dat is doch alles Latte wie Peng!«. Ich komm auf keinen grünen…Baum mehr! Dann schon lächelt uns der Hinweis »Martrica« an. Wir sind im Ex-Lande des Loddar.

Die Stimmung im Bus ist nicht zu toppen. Sind ja auch gleich da. Wie aus hustenden Kriegshörnern schallt es: »Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand!« War früher wirklich alles besser? Die Charaktere vielleicht? Nein. Das kann nicht sein. Noch nicht. Noch hat der Trainer »alle vorgegebenen Ziele« erreicht. Na, herzlichen Glückwunsch.

»Es steigt keiner aus«

In Budapest wird der Flughafen angefahren. Zwei Frauen mit Koffer und Strohhut steigen aus dem Taxi vor uns. Malediven, Karibik, wegen mir auch Malle. Ich atme durch. Bestimmt steigen gleich alle aus und kurze Zeit später sitz ich an einer Strandbar vor blauem Meer. »Es steigt keiner aus! Wir füllen nur kurz Bier nach!« haut es mich aus den wahrlich waghalsigen Träumen. Endstation Sehnsucht.

Wenn man in Budapest den Flughafen anfährt, damit von dort aus zugeflogene Busfahrer auf halber Strecke zusteigen, weißt du, was Phase und ganz sicher nicht Malediven ist. Kurze Zeit später lachen einen Bockwurst und leckerer, selbstgemachter Nudelsalat an. Mehr Polterabend geht nicht. Ich fühl mich wohl. Und die Welt ist in Ordnung. Prost, ihr Schimanskis! Ich bin übrigens Nicolas Cage in »Leaving Bukarest«. Totsaufen will ich mich. Totsaufen! Und das auf höchstem Niveau. Alles für den Club!

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