26.12.2013

34 Stunden im Bus zum Auswärtsspiel

»Ich glaube, wir haben uns verfahren«

Seite 2/3: Costas Hitmix
Text:
Heiko / Schottische Furche
Bild:
imago

Als dann auf Höhe Linz die Rede von Marco van Hoogdalem ist und Leo meint, dass das noch »Typen« waren, bin ich das zweite Mal der Meinung, dass Alkohol eine Lösung ist. Danach schlafe ich ein. Zum Glück. Denn putzmunter wieder wach, bekomme ich frohlockend mitgeteilt etwas verpasst zu haben. »Vor einer halben Stunde hat sich der Typ hier von oben bis unten vollgekotzt!«. Mein Kumpel kann sich vor Lachen kaum halten, während der »Typ« seine und die Klamotten seines Nebenmannes gleich mit im Müllsack verschwinden lässt. Die Krönung ist nur noch die Androhung eines weiblichen Wesens vor uns, ihm bei nächster Gelegenheit »aufs Maul zu hauen«.

Zum x-ten Male läuft im Repeat-Modus der jetzt schon zum Kult beschworene »Hitmix«, ein endloser Rhythmus mit allen Klassikern der Schlagermusik. Draußen schneit es. Die Kälte klettert durch die Rahmen der Fenster und die Straßenbeleuchtung nimmt langsam aber sicher ab. Sicher sind wir gleich da.


Zwölf Personen in einem Sprinter

Übrigens heißt es ja immer »Wir lassen niemanden zurück«. Dem konnten wir leider keine Folge leisten. Einen hatte es bereits erwischt. Einen, dem kurz vor Österreich einfiel, keinen Personalausweis dabei zu haben. Nur gut, dass Jens Keller seinen Trainerschein dabei hat. Sonst würde ihm das Führen einer Profimannschaft nämlich keiner abnehmen. Es wurde wieder dunkel.

Noch kurz erblickte man Umrisse von Land, sehr viel Land. Danach hofft man auf das Navi und den lieben Gott. An der Grenze Rumäniens war dann erst einmal Feierabend mit rollenden Reifen. Kaum eine andere Grenze ist so gesättigt von Prostitution und Menschenhandel, von Drogenschmuggel und falschen Fuffzigern. Dies hat eine lange Geschichte, in der Nicolae Ceaușescu bis zum 25. Dezember 1989, dem Tage seiner Hinrichtung, alles Erdenkliche dafür tat, die Grenze nach Westen mit Leichen zu pflastern.


Auch ohne geschichtliches Wissen war jedenfalls jedem der Businsassen klar, dass es nun in den wirklich ernsten Teil der Reise ging. Männer mit Sowjetmützen und Kalaschnikows im Anschlag brachten die Stimmung mitsamt Alkoholpegel schlagartig auf 0,0, gut sagen wir 0,3. Während man dem grimmig dreinschauenden Grenzposten den Personalausweis hinhielt und man endlich wusste, warum man diese toternsten biometrischen Passfotos schießen ließ, fährt neben uns ein rostiger Mercedes Sprinter ohne Fenster vor.

Zwei Männer steigen aus, öffnen die Türe des Gepäckraumes und bitten ihre insgesamt zwölfköpfige Familie heraus. In diesem Moment wird einem ziemlich schnell klar, dass man selbst eine 5-Sterne-Reise mit maßloser, westlicher Dekadenz gebucht hat. Ab jetzt wird nicht eine Sekunde über vier Tage ohne Dusche nachgedacht. Ab jetzt ist man für alles dankbar. Vor allem für das eigene Leben.


»Die geteerte Straße endet hier«

Kurz darauf endet auch schon die Autobahn. Ein Verkehr wie morgens auf der A1 schlängelt sich Meter für Meter über kaputte Landwege und verlassene Dörfer. Nach ein paar Stunden Fahrt durch pure Dunkelheit, stoppt der Bus plötzlich. Ich hatte kurz ein Nickerchen gemacht und war noch nicht ganz bei der Sache, als mein Kumpel mich darauf hinweist: »Ich glaub, wir haben uns verfahren. Die geteerte Straße endet hier. Lass uns besser betrinken.« Das taten wir. Zum vierten Mal.

Jetzt im Hier darüber nachzudenken wie weit es noch ist oder was Jens Keller gerade macht, würde für uns auf direktem Wege in der Klapsmühle enden. So denken irgendwie alle im Bus, der Schlager-Hitmix bekommt wieder seine Bühne. Vielleicht ist es auch und gerade das, was die Pöttler so einzigartig macht. Egal was auch ist. Es ist eben so und damit hat man klar zu kommen.

Nackte Rohbauten

Und wenn in diesem Bus nicht alle gleich sind – wo dann bitte?! Also das alte Spiel. Nicht meckern und schon gar nicht mit Mariacron kleckern.

Nur 200 km vor dem Schwarzen Meer, wach und natürlich so fit wie Roadrunner, tauchen draußen erste, massive Graubacken auf. Bukarest. Und Bukarest ist vor allem eines: groß. Mit 2,2 Millionen Einwohnern ist sie die sechstgrößte Stadt Europas. Als wir auf den Gehwegen zum Schalker Treffpunkt unterwegs sind, unterhalten wir uns kaum. Zu tief sitzen die Eindrücke jetzt schon, zu viel Dreck und Kot liegt unter einem, dass man nicht auf seine Schritte achten sollte.

Da wir einen direkten Weg abseits der Hauptstraße wählten, formten sich die ersten Eindrücke zu einem wahrlich elendigen Gesamtbild. Hatte man vor ein paar Minuten noch H&M gesehen, hörten wir jetzt Kinderstimmen aus nackten Rohbauten, die nicht einmal Fenster besaßen. In einem Hauseingang lagen zwei Kinder und beobachteten uns mit übergroßen T-Shirts und Sandalen. Es schneite leicht bei Minusgraden.


 
 
 
 
 
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