25 Dinge über Trikots

Szenig, männlich, diabolisch

Die Nationalelf setzt auf schwarze Trauerbalken, die kroatische Auswahl hat zuviel weiße Fläche auf dem Hemd, und Marcell Fensch muss noch mal in die Kabine – wir haben die kuriosesten Geschichten über Leibchen gesammelt. 25 Dinge über Trikots

1
Ein Blick in die aktuelle DFB-Spielordnung: Die Heimmannschaft muss in der vor Saisonbeginn gemeldeten Spielkleidung antreten oder im anderen Fall den Spielgegner rechtzeitig davon unterrichten. Wenn zwei Mannschaften die gleiche oder nach Ansicht des Schiedsrichters nicht genügend unterschiedliche Spielkleidung haben, so muss der Gastverein die Kleidung wechseln. Schwarze Spielertrikots sind zulässig, jedoch nur, wenn das amtierende Schiedsrichter-Team freiwillig eine andersfarbige Kleidung verwendet.

2
Marcell Fensch, unglückseliger Kicker der Geißböcke, hätte sich in der Kabine lieber noch einmal umschauen sollen. Als Fensch 1997 im Spiel gegen Schalke 04 beim Stand von 0:0 für den verletzten Dirk Schuster eingewechselt werden sollte, bemerkte er, dass er vergessen hatte, sein Trikot anzuziehen. Fensch spurtete in die Katakomben und meldete sich vier Minuten später einsatzbereit. Ein klein wenig zu spät, gegen zehn Kölner hatte Schalke unterdessen den Führungstreffer erzielt.

3
Selbst Zeugwarte sind nicht unfehlbar. Beim Gastspiel in Köln anno 2001 durften die Bayern ihre Aufwärmleibchen gleich anbehalten. Der Schiedsrichter hatte die Trikots beider Mannschaften als zu ähnlich befunden, die vorgeschriebenen Ausweichtrikots hatte der Zeugwart Charly Ehmann allerdings nicht dabei – die lagen an der Säbener Straße in München. Nach dem 2:0-Auswärtssieg gab Komiker-Barde Michael Mittermaier den scharfen Analysten: »Die Bayern hätten auch ihren Torwart vergessen können, den 1. FC Köln hätten sie trotzdem geschlagen.«

4
Den Unmut des damals stramm konservativen Deutschen Fußballbundes erregte 1987 die Vereinsführung des FC Homburg, die als Trikotsponsor die Kondomfirma »London« akquiriert hatte. Die Werbung wurde verboten, höchste Zeit für einen jungen zornigen Mann aus Bielefeld, zur Feder zu greifen und einen auch stilistisch hochwertigen Leserbrief an den »Kicker« zu schreiben.

5
Ein einfacher Dreisatz aus der FIFA-Modeboutique. »Kein Ärmel, kein Hemd, kein Spiel!«, bellte FIFA-Sprecher Keith Cooper den Verantwortlichen des Afrika-Meisters Kamerun die geballte altmodische Intoleranz entgegen, als sie 2002 in Japan ohne Ärmel antreten wollten. Später einigte man sich mit den grauen Eminenzen des Weltverbandes auf einen Kompromiss: sogenannte Ärmelklappen wurden hinzugefügt.

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Mindestens ebenso streng verfuhr die FIFA mit den Kroaten. Bei einer Besichtigung des rot-weiß gefleckten Trikots zur WM 2006 diagnostizierte der Verband zu viele weiße Flecken und verdonnerte den Verband zur Anbringung von zwei weiteren roten Quadraten auf dem Rücken.

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Als die versammelte Truppe von Eintracht Frankfurt im Sommer 2007 zum aktuellen Mannschaftsfoto antreten musste, war bei einigen Kickern wohl der Urlaubsspeck noch nicht abtrainiert. Damit die Trikots keine unschönen Wellen und Falten schlugen, fixierten kurzerhand Wäscheklammern die Leibchen der gesalbten Häupter, um den Großgeldgeber auf der Trikotbrust optimal zu präsentieren.

8
Zu einer Kleiderpräsentation wider Willen kam Andreas Köpke. Den nötigte der Präsident des VfB Stuttgart nach der EM 1996, vor den Kameras ein VfB-Trikot hochzuhalten und verkündete nassforsch, es gebe bereits einen fertig ausgehandelten Vertrag. Was die Emissäre des FC Barcelona, mit denen Köpke zeitgleich auch verhandelte, dazu brachte, ihrerseits alle Verhandlungen einzustellen. Am Ende landete Köpke – in Marseille.

9
Das Trikot von River Plate ist eines der formschönsten überhaupt, sein roter Diagonalstreifen unverwechselbar. Die Legende seiner Entstehung ist schlicht: In einer Karnevalsnacht sei ein alter Fuhrwagen zum Parken abgestellt worden, an dessen Rückseite ein rotes Band hing. Spieler von River Plate sollen die Schärpe gemopst und damit ihre noch blanken Trikots verziert haben.

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Den Kniff mit dem roten Diagonalstreifen hatten auch andere schon früh heraus: 1909 gründeten katholische Jugendliche, um ihren Kaplan zu ärgern, den »Ballspielverein Borussia« zu Dortmund. Zu erkennen waren sie alsbald an den roten Streifen auf blau-weißen Jerseys, bis heute bekanntlich die Lieblingsfarben der Dortmunder.

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Das Markenzeichen der brasilianischen Seleção, die Kombination aus gelb-grünem Hemd, blauen Shorts und weißen Socken, diente der Traumabewältigung. Nach der historischen Schlappe bei der WM 1950 im eigenen Land gegen Uruguay, erlitten in weißen Jerseys, wurde ein Designwettbewerb ausgeschrieben, den der 19-Jährige Aldyr Garcia Schlee gewann, mit eben jenem gelb-grün-blauen Geistesblitz. Die lilienfarbigen Unglückstrikots landeten in der Wäscherei des ewigen Unterbewusstseins.

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In den 90er Jahren lief der FC Bayern gerne mal in einer geschichtsvergessenen blau-roten Variante auf. Und es bedurfte des traditionsbewussten Sammy Kuffours, der anlässlich der Meisterfeier 2003 rebellierend den Rathausbalkon erklomm und ins Mikrofon blökte: »Rot-weiße Trikots, wir wollen rot-weiße ...« So eine populistische Scheiße, wird sich Uli Hoeneß gedacht haben, hatte dann aber ein Einsehen. Der FC Bayern kehrte zu seiner angestammten Kombination zurück.

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Einen überraschenden Sieger hatte die Expertise studierter Modedesigner. Die kürten nämlich Bayer Leverkusen zum diesjährigen Trikotmeister. »Szenig mit männlich-diabolischer Wirkung« sei das Bayer-Trikot, referierten die Experten. Rekordmeister Bayern dagegen steigt mit seinen »Zigarettenschachteln aus den 80er Jahren« ins Unterhaus ab. Dahinter platziert sich lediglich noch Hertha BSC, die »brave Marinegruppe in Ausgehuniform«.

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Als Rächer seiner im Zweiten Weltkrieg gedemütigten Landsleute war Ronald Koeman angeblich nach dem gewonnenen Halbfinalspiel der EM 1988 gegen Deutschland unterwegs. »Das ist die Rache für mein von den Deutschen gestohlenes Fahrrad im Krieg«, zitierten investigative holländische Journalisten eine offenbar schon etwas verwirrte alte Frau, nachdem Koeman mit dem von Olaf Thon ertauschten Trikot eine Stelle feucht durchgewischt hatte, an die sich sonst kein Sonnenlicht wagt.

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Eine ähnliche Aktion wird auch dem Berliner Andreas »Zecke« Neuendorf nachgesagt. Er habe, so die Kolportage, ein Stuttgart-Trikot auf dem Platz zur symbolischen Intimhygiene benutzt und es anschließend »zerfetzt«. Vor lauter Begeisterung jappste der Berliner Mob nach Luft. Ein Gerücht ohne Substanz, O. J. Neuendorf dazu: »Pfff, das ist doch absoluter Schwachsinn!«

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Als Likörfabrikant Günter Mast 1973 auf die bis dato blanke Brust der Kicker von Eintracht Braunschweig das Hirschgeweih seines Kräuterschnapses Jägermeister platzierte, sahen Kulturpessimisten den Untergang des fußballerischen Abendlandes gekommen. Die Trikotwerbung setzte sich jedoch in der merkantil gesinnten Bundesliga schnell als willkommene zusätzliche Einnahmequelle durch.

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Merke: wer vor Vertragsunterzeichnung bereits Trikots hochhält, zieht sie zumeist nicht an. Letztes Beispiel: das sommerliche exklusive Foto-Shooting mit Rafael van der Vaart in Valencia. Der blinzelte freudestrahlend in die Kamera (»Spanien war immer mein Traum«). Die HSV-Anhänger reagierten pragmatisch und entschieden sich für die höhere Qualität: »Geh, aber Sylvie bleibt hier!« Der Niederländer musste aber dann doch in Hamburg überwintern.

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Heute balgen sich die Ausrüster um die attraktivsten Teams und bezahlen Unsummen. Bis Ende der 70er Jahre hingegen lief die Geschichte umgekehrt, es bezahlten die Vereine brav die Ausstatter für Hemden, Hosen und Stutzen und Zeugwarte tobten erzürnt, wenn Spieler nach der Partie ihre Trikots in die Menge warfen.

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Einst Sportbekleidung, nun Modeartikel – als Wegbereiter des Merchandising gilt der Engländer Edward Freedman, in den 90er Jahren erster Merchandising-Manager bei Manchester United. Er begriff das Begehren der Fans, im purpurroten Vereinsdress leben, lieben und schlafen zu wollen. Trikots sind seither kontinuierlich der Renner in den Fanshops dieser Erde.

20
Und manche Trikots sind sogar eine echte Wertanlage. Das feuchtwarme Leibchen, mit dem Paul Gascoigne seine Tränen trocknete, als er sich im WM-Halbfinale 1990 die zweite Gelbe Karte im Turnier abholte und somit für ein eventuelles Finale gesperrt gewesen wäre, wurde 14 Jahre später in einer Auktion für stolze 42 000 Euro ersteigert, zuvor war das Trikot auf einen Wert von 30 500 Euro taxiert worden.

21 Noch wertvoller war einem Bieter im Auktionshaus Christie’s allerdings das Trikot der Fußballlegende Pelé, das der Brasilianer als 17-Jähriger beim Sieg über Schweden im WM-Finale 1958 trug. Der Unbekannte zahlte rund 86 500 Euro für das alte Shirt, das war allerdings weniger als der Schätzpreis. Fachleute hatten hier einen Höchstpreis von bis zu 152 000 Euro erwartet.

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Nicht zuletzt die Profis selbst gehören zur Spezies emsiger Souvenirjäger. David Beckham etwa betrieb nach Englands WM-Aus 2002 aktive Trauerarbeit und tauschte nicht nur mit Roberto Carlos das verschwitzte Hemd, sondern störte anschließend auch noch die brasilianische Siegesfeier in der Kabine, um Ronaldos bestes Stück zu ergattern.

23
»Maradona? Nie von dem gehört.« Hollands Internationaler Johnny Rep erlangte einmal nach einem Freundschaftsspiel gegen die Albiceleste das Dress des jungen, noch unvollendeten Diego Armando. Ohne Spürnase für Sammlerwerte vermachte er das wertvolle Souvenir seiner Freundin. Wo es sie samt Maradona-Erbe hin verschlagen hat, weiß Rep sicherlich selbst nicht mehr.

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Gegen das wohl berühmteste Geschenkangebot der Fußballhistorie entschied sich der italienische Rüpel Marco Materazzi, als er die Vorgeschichte zu Zinédine Zidanes Kopfstoß im WM-Finale 2006 referierte: »Ich habe an seinem Trikot gezogen. Da hat er gesagt: Wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle, könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe geantwortet, dass mir seine Schwester lieber wäre.«

25
Eines kann man dem Hamburger SV nicht vorwerfen: dass er sich nicht traue, neue Wege zu gehen. Der experimentierfreudige Präsident Dr. Peter Krohn ahnte jedenfalls schon 1976 voraus, dass sich der spröde Fußball durch allerlei Zirkus-Applikationen wirkungsvoll aufhübschen lässt. Also ließ er die einstigen Rothosen in metallic-schweinchenrosa auflaufen. Vom obligatorischen Elefantenreiten im Volksparkstadion ganz zu schweigen.

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