25 Dinge über Regeln

Ordnung ist das halbe Leben

„Wir sind hier nicht in Vietnam, hier gibt es Regeln!“ Walter Sobchaks Erkenntnis auf der Bowlingbahn in „The Big Lebowski“ ist auch das inoffizielle Leitmotiv aller Schiedsrichter. Denn der Fußball wird erst durch Regeln richtig schön. Imago
Heft #68 07 / 2007
Heft: #
68
1
Die ersten Fußballregeln wurden von Studenten der Universität Cambridge im Jahre 1848 verfasst. Die Kommilitonen hielten damals wenig vom »11 Freunde«-Prinzip, vorgesehen waren 15 bis 20 Spieler pro Mannschaft.

2
Das erste Regelheft kam schmal daher. Und kaum einer der Verfasser hätte wohl geahnt, dass heute allein der Pflichtenkatalog der Champions League stolze 88 Seiten umfasst. Mit wunderbaren Regeln wie der hier: »Treffen zwei Vereine im Wettbewerb aufeinander, die denselben Sponsor haben, darf der Heimverein mit seinem regulären Sponsor antreten. Der Gastverein darf nur für ein Produkt dieses Sponsors werben.«

[ad]

3
In England wird bis heute konsequent der Offensivfußball gefördert: In den unteren Ligen zählt bis heute bei Punktgleichheit nicht lediglich die Tordifferenz, sondern die Anzahl der geschossenen Tore. Was ein 5:4 gegenüber einem schnöden 1:0 doch deutlich aufwertet.

4
Regeln und ihre psychologischen Komponenten: Bei Europapokalspielen müssen die Stadionuhren nach 90 Minuten angehalten werden, damit der Druck der Zuschauer auf den Schiedsrichter, das Spiel endlich abzupfeifen, nicht zu groß wird.

5
Als 1891 der Elfmeter eingeführt wurde, fühlte sich einer der bekanntesten Kicker jener Zeit, der Engländer C. B. Fry, in seiner Ehre verletzt. »Es ist eine Beleidigung des Ansehens von Sportsleuten, wenn sie unter einer Regel spielen müssen, die unterstellt, dass die Spieler ihrem Gegner absichtlich ein Bein stellen, treten oder schlagen und sich benehmen wie üble Kerle der gewissenlosesten Sorte.« Kein Vorfahre von Vinnie Jones, nehmen wir an.


6
Bis zum Jahr 1983 durften Verteidiger enteilte Stürmer in höchster Not umhauen, ohne dafür vom Platz zu müssen, seither gibt es zwangsläufig für Notbremsen die Rote Karte.

7
Nach britischem Vorbild führte die Bundesliga zur Saison 1995/96 die Drei-Punkte-Regel ein. Diese wurde Kaiserslautern in jener Saison auch gleich zum Verhängnis. Nach 18 Unentschieden stieg Lautern am Ende der Saison ab. Nach der alten Zwei-Punkte-Regel hätten sie die Klasse gehalten, und Bayer Leverkusen wäre abgestiegen.

8
Ihren eigentlichen Zweck hat die Drei-Punkte-Regel allerdings klar verfehlt, nämlich für mehr Tore zu sorgen. Unser Leser Markus Wolf hat ausgerechnet: »Weder gibt es in der 1. Bundesliga weniger 0:0-Unentschieden als zuvor noch werden mehr Treffer erzielt. Lag die durchschnittliche Trefferquote in der Saison 1994/95 bei exakt 3,0 so sank sie just im ersten Jahr der Drei-Punkte-Regel auf 2,72. Der Schnitt von 3,0 Treffern pro Spiel konnte seither nie mehr erreicht werden.«

9
Seit 1903 darf der Torwart den Ball nur noch im Strafraum mit der Hand spielen. Bis dahin war es ihm in der gesamten eigenen Hälfte gestattet, der Keeper musste das Leder jedoch nach maximal zwei Sekunden wieder loslassen.

10
Sage keiner, es werde keine Rücksicht auf regionale Bedingungen genommen: Laut FIFA-Reglement sind die Färöer der einzige Fußballverband weltweit, der beim Elfmeter die Anwesenheit eines dritten Spielers erlaubt. Der darf allerdings nicht herumhampeln und den Torwart irritieren, sondern soll bei den färöerüblichen ordentlichen Windstärken den Ball festhalten, damit das Spielgerät nicht vom Elfmeterpunkt weht.


11
Was viele nicht wissen, obwohl die Regel bereits aus dem Jahr 1920 stammt und bis heute überdauert hat: Beim Einwurf gibt es kein Abseits. Und beim Abstoß erst recht nicht.

12
Die Geburtsstunde des Jokers: AUSWECHSELUNGEN sind erst seit dem Jahre 1969 gestattet. Vorher wurde dezimiert weiter gekickt oder die verletzten Spieler bissen halt die Zähne aufeinander. Bis 1995 durften dann zwei Spieler pro Mannschaft ausgewechselt werden, seither sind es drei Spieler.

13
Der Torwart ist der einzige Spieler, der nach Ablauf der Verlängerung noch ausgetauscht werden darf. Allerdings nur, wenn das Wechselkontingent noch nicht erschöpft ist.

14
Die Weltmeisterschaft 1970 brachte Neuerungen für den Weltfußball: Feldverweise gab es schon vorher, doch in Mexiko führte die FIFA Gelbe und Rote Karten ein. Die zweite gravierende Änderung erwies sich später als Segen für den deutschen Fußball: Bei Gleichstand nach Verlängerung bringt das Elfmeterschießen statt eines Münzwurfes die Entscheidung.

15
Der Ball ist rund, heißt es im Volksmund, die offizielle Regel spricht lieber von der Kugelform. Dass der Ball aus Leder sein muss, ist seit der WM 1986 in Mexiko Geschichte. Der »Azteca« war der erste vollsynthetische Spielball, der Vorgänger »Tango« hatte zuvor durch seine versiegelten Nähte bereits die Wasseraufnahme deutlich verringert.


16
Die »Jenaer Regeln« von 1896 legen fest, dass in Deutschland die Spielfelder frei von Bäumen und Sträuchern sein müssen. Von Bächen und Hügeln war allerdings nicht die Rede.

17
Woher kommen eigentlich all die krummen Abmessungen auf dem Spielfeld? Warum zum Beispiel müssen sich die verteidigenden Spieler beim Freistoß exakt 9,15 Meter vom Ball entfernen? Auch hier stößt man wieder auf die englischen Ursprünge des Spiels. Die deutsche Entfernung entspricht etwa zehn englischen Yards, die die FIFA im Jahre 1913 als so genannten »gebührenden Abstand« zwischen dem Schützen und den Abwehrspielern einführte. Das 7,32 Meter breite Tor wiederum entspricht ungefähr acht englischen Yards.

18
Das Spielfeld muss zwischen 90 und 120 Metern lang sein, sowie 45 bis 90 Meter breit. Was prinzipiell ein quadratisches Spielfeld ermöglichen würde. Um das zu vermeiden, gibt es folgende Sonderregel: Die Seitenauslinie muss länger sein als die Torauslinie. Bei Länderspielen gelten übrigens strengere Vorschriften: Die Spielfelder müssen zwischen 100 und 110 Meter lang und zwischen 64 und 75 Meter breit sein.

19
Vergisst der Schiedsrichter in der Hektik, durch Heben des Armes einen indirekten Freistoß anzuzeigen und wird der Freistoß daraufhin direkt verwandelt, so wird der Freistoß dennoch wiederholt. Der DFB nennt diese Winkschwäche einen »Schiedsrichter-Fehler«.

20
Dass Indien 1950 auf die Teilnahme an der WM-Endrunde verzichtete, weil ihr die FIFA verboten hatte, barfuß zu kicken, findet sich als kuriose Schnurre in jeder WM-Enzyklopädie. Wesentlich entspannter gibt sich die FIFA allerdings auch heute noch nicht, was die SCHUHFRAGE angeht: Ein Spieler bekommt die gelbe Karte, wenn er seinen Schuh verloren hat und trotzdem den Ball spielt.


21
Sepp Blatter, frisch wiedergewählter FIFA-Boss, hält seine Gemeinde immer mal wieder mit neuen Regelvorschlägen in Atem. Beispiele gefällig: Ende Februar überraschte er mit dem Ansinnen, vier statt zwei Linienrichter an den Spielfeldrand zu schicken. Die beiden zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten sollen in der Nähe der Tore postiert sein und ein besonderes Augenmerk auf den Strafraum und die Torlinie legen. Eine andere Idee hat sich Blatter vom australischen Hockey-Verband abgeschaut. Demnach beabsichtigte der Schweizer auf das Elfmeterschießen zu verzichten und stattdessen die Anzahl der Spieler während der Verlängerung nach und nach zu reduzieren. Früher oder später würde dann schon ein Tor fallen…

22
Ein Schiedsrichter kann so lange Karten verteilen, wie er sich auf dem unmittelbaren Spielgelände befindet, also auch schon unmittelbar vor Anpfiff oder nach Abpfiff auf dem Weg in die Kabine. Eine Regel, die erstmals für Aufsehen sorgte, als der englische Schiedsrichter Ling in der Pause des WM-Endspiels 1974 den
Holländer Cruyff verwarnte.

23
Aus dem Jahr 1864 datieren die ersten Vorschriften zur Spielkleidung. Züchtig ging es damals zu: Die Hosen mussten die Knie bedecken und die Mützen waren mit Quasten zu versehen.

24
Selbst in der »Drei ???«-Hörspielreihe (»Recherchen und Archiv: Bob Andrews«) spielten die Fußballregeln einmal eine Rolle. In der allerdings sonst ziemlich lausigen Folge »Die Fußballgangster« klugscheißt Kelly Madigan, eine Freundin von Peter Shaw, mächtig herum und kann diverse Regeln aus dem Gedächtnis hersagen. Ein Fall für den Karpatenhund, die Gute.

25
Und schließlich der Wortlaut der immer noch kompliziertesten Regel überhaupt: »Ein Spieler befindet sich in der Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Abwehrspieler. Ein Spieler wird nur dann für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, wenn der Ball einen seiner Mannschaftskollegen berührt oder von einem gespielt wird, aktiv am Spielgeschehen teilnimmt.« Ist doch gar nicht so schwer.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!