25 Dinge über Finanzkrisen

»Where’s your hotel gone?«

Zack, ist die Weltwirtschaftskrise da. Höchste Zeit also für Geschichten über verschleppte Insolvenzen, windige Retter aus dem Morgenland, und einen Army-Einkleider, der Manchester United vor der Pleite rettet. 25 Dinge über FinanzkrisenImago
Heft #87 02/2009
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87
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Über prominente Unterstützung freut sich jeder Pleiteklub, auch wenn sie so überraschend kommt wie die Sympathiebekundungen des bisweilen desorientierten Rocksängers Pete Doherty. Der hatte als Sohn eines britischen Soldaten seine Jugend am Niederrhein verbracht und gab nun zur Uerdinger Finanzkrise zu Protokoll: »Das ist ein netter kleiner Betrieb.« Ein Soli-Konzert konnte aber gerade noch verhindert werden.

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2
Es sage keiner, Spendenaktionen des Fußvolks brächten nur Kleckerbeträge ein. Der FSV Oppach in der Nähe von Zittau wurde durch die Spenden von nur vier Mitgliedern gerettet. Im Einzelnen: Max Fischer gab eine Million, Willi Vietze, Emil Salwesky und Ignaz Liebscher jeweils 500000 Mark. Die Höhe der Zuwendungen relativiert sich durch das Jahr der Spende. 1923 war das, es handelte sich um Reichsmark und Deutschland ächzte unter der Inflation.

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Hierzulande sind auch Deutsche Meister nicht vor dem Aus durch Bankschulden gefeit. Der erste Deutsche Meister VfB Leipzig schlitterte gleich zweimal in die Insolvenz. 2004 war dann tatsächlich komplett Schluss, mit filmreifen Dialogen vorm Amtsgericht. Ex-Präsident Bauernschmidt etwa wollte 855000 Euro vom Pleite-Klub, der Insolvenzverwalter bot 50000 Euro an: »Einverstanden?« – »Nein!« – »Dann gibt’s gar nix!« Gab es tatsächlich nicht, der VfB wurde aufgelöst, der Nachfolgeverein Lokomotive Leipzig musste in der Kreisklasse neu anfangen.

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Schlauer stellte sich da der FC Gütersloh im Jahre 1999 an. Mit stolzen sieben Millionen Mark Schulden ging der Regionalligist spektakulär pleite, entschied sich allerdings gegen den langen Marsch durch die Kreisligen. Stattdessen fanden pfiffige Vereinsjuristen eine Lücke in der Satzung des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen. Der neu gegründete Klub, sehr zukunftsorientiert FC Gütersloh 2000 genannt, durfte in der Oberliga weiterkicken, war aber sämtliche Schulden los. Peter Zwegat hätte seine Freude an den Ostwestfalen gehabt.

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Was früher nach einem monumentalen Schuldenberg aussah, kommt heute beinahe niedlich daher. Blau-Weiß 90 Berlin kickte in der Saison 1986/87 in der Ersten Liga, stieg allerdings sofort wieder ab und wurde durchgereicht. Mittlerweile heißt der Klub SV Blau-Weiß und kickt in der Berliner Bezirksliga. 2004 kommentierte der damalige Geschäftsstellenleiter Daniel Untermann: »Auf einmal war das ganze Geld weg. Wobei wir mit den Schulden von damals heute ganz oben mitspielen könnten. Das waren nur drei Millionen Mark.«

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Mit deutlich mehr Grandezza ging Westfalia Herne unter. Finanziert von Mäzen und Tankstellenbesitzer Eberhard Goldbach kaufte der Zweitligist Ende der Siebziger Spieler en gros ein und zahlte horrende Jahresgehälter bis zu 200000 Mark pro Spieler. Dann aber folgte die Ölkrise: Denn 1979 wurde offenbar, dass der umtriebige Goldbach seit Jahren großzügig davon abgesehen hatte, die fällige Mineralölsteuer zu bezahlen. Von heute auf morgen war der Klub pleite.

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Um nicht dem Konkursrichter vorgeführt zu werden, schmeißen sich Fußballklubs überhaupt sehr gerne halbseidenen Investoren an den Hals. So versprach der Unternehmer Werner Koppel 2007 dem finanziell kränkelnden Klub Rapid Wien 20 Millionen Euro und ließ sich im Gegenzug einen »Ehrenplatz« bei den Wiener Derbys und kostenlose Verpflegung im VIP-Bereich zusichern. Dumm nur: Koppel wurde schon kurz danach wegen Betrugs an einer Handelskette zu einer Haftstrafe verurteilt, inklusive melodramatischem Auftritt vor Gericht: »Ich bereue zutiefst, was hier passiert ist. Das ist unter fatalen Umständen passiert«, seufzte Koppel mit Rosenkranz in der Hand.

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Beim völlig überschuldeten Drittligisten Arminia Bielefeld ging es Ende der Achtziger Jahre drunter und drüber. Nach Nerven zehrenden Verhandlungen stimmten Gläubiger einem Vergleich zu, zuvor hatte die Arminia mit einer Umlage, die alle Mitglieder entrichten mussten, guten Willen demonstriert. Anschließend blieb das Geld dennoch knapp. Mittelfeldmann Tim Gutberlet erinnerte sich später: »Da liefen sogar Mäuse durch die Kabine!«

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Über die derzeitige Finanzkrise wird vor allem in der englischen Premier League gejammert. Kürzlich gab es sogar eine Premiere: Erstmals in der 16-jährigen Geschichte der Hochglanz-Konstruktion »Premier League« trafen mit West brom und West Ham zwei Mannschaften ohne Trikotsponsor aufeinander. »XL Leisure«, der Trikotsponsor der Hammers, war erst am Tag zuvor zusammengebrochen, so dass das Logo auf den Trikots eilends überklebt werden musste. Erster Profiteur war Wettanbieter Paddy Power, der sofort Wetten annahm, welchem Klub wohl als nächstes der Sponsor abhanden kommt.

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Wer den Schaden hat: Als Telfords Chairman, der vermögende Hotelbesitzer Andy Shaw, spektakulär pleite ging, sangen die gegnerischen Anhänger zur Melodie des Gassenhauers von »Middle of the Road« den Chant: »Where’s your hotel gone, where’s your hotel gone...«

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Auch Spieler geraten bisweilen in arge finanzielle Nöte. Finanzberater Christian Daudert hat festgestellt, dass »26 Prozent der Lizenzspieler nach Karriereende mehr Schulden als Vermögenswerte aufweisen.« Klingt nicht gut, und kommt noch schlimmer: »Wir gehen davon aus, dass rund ein Drittel aller Profis nach Ende ihrer Laufbahn nichts mehr von ihren Einnahmen übrig haben.«

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Einen spektakulären finanziellen Crash legte der ehemalige Nationalkeeper Eike Immel hin. In einem Interview mit der »Süddeutschen« gab er Einblicke in seine Vergabepraxis: »Gut, ich habe für meine Porsches und Mercedes viel Geld ausgegeben, aber für hübsche Frauen ehrlich gesagt noch viel mehr.« Und vor allem: »Ich habe ein Helfersyndrom. Es musste nur jemand traurig schauen, schon habe ich ihm Geld geliehen.« Das kann nicht gut gehen.

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Schuldlos in Not geraten wähnte sich stets Ex-Profi Manfred Kastl, der ebenfalls Insolvenz anmelden musste. Richtig geschickt stellte sich allerdings auch Kastl nicht an. So klagte er: »Gott und die Welt denken, ich würde mein Geld beim Poker verzocken.« Um später im DSF beim Poker erfolgreich mitzumischen, wofür Kastl eine einfache Erklärung hatte: »Ich bin halt sehr gut im Bluffen.«

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Die folgenschwersten Unterschriften im Leben des Dieter Eckstein? Seine Unterschrift bei Schalke 04? Bei Eintracht Frankfurt? Nein, seine Signatur unter zwei Kaufverträge, zwei Häuser im Wert von 600000 Mark, unterschrieben im fahrenden Auto.

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Eine kleine finanzielle Krise erlebte Cesc Fabregas neulich in Soho. Der Arsenal-Star dinierte mit zwei Damen im »Studio Valbonne« und wollte hinterher die Rechnung von über 300 Pfund begleichen. Die erste Kreditkarte funktionierte nicht, die zweite ebenfalls nicht. Ein Bote musste Bargeld vom Automaten holen. Es war noch genug da, Fabregas Gehalt wird auf 80000 Pfund in der Woche taxiert.

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Eine Kuh rettete den spanischen Amateurklub Amoeiro aus einer Finanzkrise. Der Klub hatte sein Spielfeld in 6000 Quadrate aufgeteilt, Anhänger konnten Lose für jede Parzelle erwerben, als Preis war ein Auto ausgelobt worden. Kuh Rubia marschierte vor 2000 Zuschauern über den Platz und ließ einen Haufen. Leider auf einem Parzellenkreuz, der Gewinner musste via GPS-Navigation benannt werden. Einnahmen: 30000 Euro.

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Man sollte es sich zweimal überlegen, in bankrotte Klubs zu investieren. So steckte der britische Schauspieler Bruce Jones, einst der etwas trottelige Les Battersby in der Soap »Coronation Street« rund 30000 Pfund in den walisischen Amateurklub Conwy United FC. Das Geld war natürlich futsch, was nur deshalb nicht auffiel, weil Jones bei all seinen Investitionen insgesamt über eine Million Pfund durchgebracht hatte.  

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Ausbleibende Gehälter sind prinzipiell kein gutes Zeichen. So traten die Spieler von Union Deportiva Levante, nachdem sie monatelang auf ihr Gehalt gewartet hatten, in einen Bummelstreik und brachen das Training nach einer Platzrunde ab. Später drohten sie, bei Meister Real Madrid nur mit sieben Spielern aufzulaufen, während des Spiels hätte dann ein weiterer Spieler eine Verletzung vorgetäuscht, was dann zum Abbruch der Partie geführt hätte. Erst in letzter Minute wurden Abschlagszahlungen vereinbart.

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Selten wurde ein Verein so planmäßig abgewirtschaftet wie Dynamo Dresden in den Neunzigern durch Baulöwe Rolf-Jürgen Otto. Der schob Unsummen zwischen den Baufirmen und Dynamo hin und her. So ließ er fünf Millionen Mark Baugelder überweisen, überzeugte so den DFB von der Zahlungsfähigkeit des Klubs, um das Geld postwendend wieder zurück zu überweisen. Seine Wahl zum Präsident hatte sich Otto gesichert, in dem er Mitarbeiter der Baufirmen großzügig mit Mitgliedsausweisen ausstattete.

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Als der italienische Erstligaklub Lazio Rom 2004 turnusmäßig von der Pleite bedroht war, waren es weder solvente Geschäftsleute noch engagierte Anhänger, die den ersten Schritt zur Rettung unternahmen, sondern tatsächlich die Spieler. Die Profis boten an, sich an einer Kapitalaufstockung für 1,5 Millionen Euro zu beteiligen und sogar auf ausständige Monatsgehälter zu verzichten, im Tausch gegen Klubaktien.

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Wie man sich über Nacht komplett entschuldet, machte Real Madrid 2005 vor. Präsident Florentino Pérez verhökerte sein Trainingsgelände für die unglaubliche Summe von 450 Millionen Euro an die Stadtverwaltung. Eine völlig überhöhte Summe und deshalb ein Jahrhundert-Deal für Real, das das Gelände selbstverständlich weiter nutzen darf.

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In Kaiserslautern war man 2003 nicht weniger geschickt. Dort stand der FCK kurz vor der Pleite, also wurde unter Führung von Ministerpräsident Kurt Beck das Fritz-Walter-Stadion verkauft. Es wurde eine Stadiongesellschaft gegründet, die das Rund für 56 Millionen Euro erwarb. Einziger Gesellschafter: die Stadt Kaiserslautern. Später gestand der Innenminister: »Das war gegen das Haushaltsrecht.« War dann aber auch egal.

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Wie so etwas legal funktioniert, zeigte Gordon Brown, inzwischen britischer Prime Minister. 2005 stand sein Heimatverein, der unspektakuläre schottische Klub Raith Rovers, vor dem Bankrott, Gordon Brown schaffte mehrere Sponsoren heran. Was niemanden überraschen konnte, der im Jahre 2000 sein Bekenntnis im »Observer« gelesen hatte: »I’m a firm believer that supporting your local team is very important.«

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Wenn schon nicht für Hollywood, so immerhin für Bollywood taugt die Finanzkrise als Filmstoff. In »Dhan Dhana Dhan: Goal« ist der Fußballklub Southall United so gut wie bankrott. Und ein zusammengewürfeltes Team aus Immigranten aus Indien, Pakistan und Bangladesch muss zur Rettung die Meisterschaft gewinnen. »Die Bären sind los« für Arme und ein Komplettflop an den Kinokassen.

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Die doch nicht? Zahlreiche renommierte Klubs standen schon kurz vor dem Bankrott. Der FC Barcelona etwa wäre 1911 fast Pleite gegangen. Manchester United war auch nicht immer so gut situiert. 1931 kickte United in der Second Division, zum ersten Spiel gegen Southampton kamen gerade mal 3507 zahlende Zuschauer ins Old Trafford. United konnte daraufhin die Gehälter der Spieler nicht zahlen. Schließlich wurde der Klub von James Gibson, einem Hersteller von Armee-Uniformen, gerettet.

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