25 Dinge über den Intertoto Cup

Ailton keine Lust auf UI-Cup

Gestartet als Beschäftigungstherapie für Wettbüros, war der Intertoto Cup immer der hässliche Bruder des Uefa-Cups. Und schrieb doch kleine Geschichten von fliegenden Steinen und übergelaufenen Waschbecken. 25 Dinge über den Intertoto CupImago
Heft #80 07 / 2008
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Selten trug ein Pokal seine Bestimmung so ostentativ im Namen. Um den Wettbüros in Mitteleuropa auch im spielfreien Sommer das Geschäft zu sichern, ersannen der Schweizer Ernst Thommen und der Österreicher Karl Rappan den Intertoto Cup. Erstmals ausgetragen wurde er 1961.

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Insbesondere Thommen würde man heute bescheinigen, durchaus auch im eigenen Interesse gehandelt zu haben. Der spätere Vize-Präsident der FIFA war nämlich an einem Schweizer Wettbüro beteiligt. Dem europäischen Verband UEFA war der allzu merkantil geprägte Cup zunächst nicht ganz geheuer, der Intertoto Cup startete außerhalb der Verbandsverantwortlichkeit.

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In den ersten Jahren gab es stets noch einen Gewinner. 1962 etwa wurde Ajax Amsterdam durch einen Sieg gegen den holländischen Rivalen Feyenoord erster Sieger des Intertoto Cups. Nach fünf Jahren jedoch wurde der alleinige Sieger abgeschafft, der simple Grund: Es wurde zu kompliziert, in der kurzen Sommerpause Finalspiele zu organisieren.

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Dass dem Intertoto Cup nie allzu großer Stellenwert beigemessen wurde, ist unschwer daran zu erkennen, dass bis heute zahlreiche Endergebnisse diverser Cup-Partien unklar sind. Wie ging etwa 1985 das Spiel zwischen Aarau und Chernomorets aus? 3:3, wie unter anderem das Sportmagazin »Kicker« behauptet, oder 0:6, wie das Jahrbuch »Futbal 85/86« aus Bratislava die Partie listet.

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Manch einem Klub bedeutete die Teilnahme allerdings viel: Dem SK VÖEST Linz war es vorbehalten, 1971/72 im Intertoto-Sommerbewerb den ersten Gesamtsieg einer teilnehmenden österreichischen Mannschaft sicherzustellen. Auch wenn die Linzer nur eine von vielen Gewinnern waren.

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Und sage keiner, der Intertoto Cup habe keine großen Emotionen hervorgerufen. Im Vorlauf der Saison 1977/78 gastierte Eintracht Frankfurt bei Wacker Innsbruck und geriet in einen Hexenkessel. Insbesondere Keeper Jupp Koitka wurde immer wieder mit Steinen beworfen. Was den Stadionsprecher allerdings lediglich zu der höflich vorgetragenen Bitte veranlasste, doch »das Steineschießen auf den Frankfurter Keeper einzustellen«. Koitka brauchte sichtlich Zeit, um den nicht ganz ungefährlichen Steinhagel zu verarbeiten: »Ich dachte, mich trifft der Schlag.«

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Ein anderes Eintrachtspiel geriet weitaus weniger hitzig. Andreas Hornung war einer der Eintracht-Anhänger, die 1995 zum Intertoto Cup in die bulgarische Stadt Plowdiw reisten. »Wir flogen nach Sofia. Von da aus ging es mit dem Mietwagen inklusive Dolmetscher nach Plowdiw, schließlich brauchten wir jemanden, der uns alles übersetzen konnte. Wir waren genau sechs Eintracht-Fans im Block.«

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Für die Spieler des FC Karl-Marx-Stadt wäre der Ausflug zum Intertoto-Cup-Spiel in Budapest beinahe sehr teuer geworden. Die Spieler hatten Bierflaschen im Waschbecken bei laufendem Wasser gekühlt und waren dann zum Einkaufsbummel in die Stadt gegangen. Dummerweise lösten sich daraufhin die Etiketten und verstopften den Abfluss. Als die Spieler zurückkehrten, stand das Hotelzimmer schon unter Wasser.

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Der Intertoto Cup 1965/66 geriet zu einem Stelldichein der DDR-Mannschaften. Gleich vier Mannschaften, Empor Rostock, Chemie Leipzig, Motor Jena und der SC Leipzig. Letzterer gewann dann auch das Turnier, allerdings dann schon unter neuem, sehr fortschrittlichem Namen: Lokomotive Leipzig.

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Die drakonischste Strafe gegen einen UI-Cup-Teilnehmer sprach die UEFA gegen den polnischen Klub Legia Warschau aus. Dessen Anhänger hatten 2007 während des Spiels beim litauischen Vertreter Vėtra Vilnius randaliert, Sitze, Fluchttore und transportable Toiletten wurden demoliert und Polizisten mit Eisenstangen bedroht. Nach 45 Minuten wurde die Partie abgebrochen, Warschau wurde für zwei Jahre für alle europäischen Wettbewerbe gesperrt.

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Nicht immer herrscht großer Jubel, wenn die Qualifikation für den UI-Cup näher rückt. Manch ein Spieler sieht durch den Sommerpausen-Pokal langfristig geplante Aufenthalte in Ferien-Resorts gefährdet. So wie Simon Rolfes, der in der letzten Saison angesichts einer nicht enden wollenden Schwächeperiode seiner Leverkusener unkte: »Wir sind uns bewusst, dass wir dabei sind, unseren Urlaub zu verspielen. Ganz klar: So droht der UI-Cup.« So gesehen haben die Leverkusener noch mal Glück gehabt.

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Noch deutlicher wurde eigentlich nur noch Ailton. Der hatte sich nach dem Wechsel zum FC Schalke das Diktum des Schalker Managers Rudi Assauer zu eigen gemacht, der den UI-Cup gerne als »Döner-Cup« verunglimpfte. »Entweder kommt Schalke direkt in den Uefa-Cup oder gar nicht. Auf den UI-Cup habe ich keine Lust«, zitierte ihn die »Sportbild«. »Der UI-Cup gehört abgeschafft. Kein Fußballer mag diesen Wettbewerb.« Später, als er dann tatsächlich im UI-Cup ran musste, relativierte er: »UI-Cup ist nicht schön. Doch auf Schalke ist das nicht so schlimm. Weil da die Hütte voll und wahnsinnige Stimmung ist!« So wirklich überzeugt klang das noch nicht.

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Beim Hamburger SV hingegen galt zwischendurch sogar der Gedanke an den UI-Cup als überheblich. Als in der prekären Saison der HSV wochenlang auf einem Abstiegsplatz herumlungerte, Klubmanager Bernd Wehmeyer aber dennoch für den UI-Cup meldete, bekam Wehmeyer dafür gleich einen Einlauf aus der Spielerecke: »Wenn ich diesen Käse höre von UI-Cup«, knurrte Abwehrmann Bastian Reinhardt. »Alles andere als Abstiegskampf ist für uns doch überhaupt kein Thema.«

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Einer wurde in Deutschland durch den UI-Cup berühmt: Eduard »Edi« Glieder, Stürmer beim österreichischen Provinzklub SV Pasching. Glieder schoss nämlich im Halbfinale des UI-Cups 2003 gegen Werder Bremen bei einem schier unglaublichen 4:0-Heimsieg für Pasching zwei Tore. Offenbar nur aufgrund dieser Leistung verpflichtete der FC Schalke Glieder für die folgende Saison, in der es der gebürtige Grazer immerhin auf 16 Spiele und zwei Tore brachte.

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In Großbritannien gilt der UI-Cup ganz prinzipiell nicht als satisfaktionsfähig. Und so musste man in der Vergangenheit stets weit in der Tabelle hinunterblicken, um den diesjährigen UI-Cup-Qualifikanten herauszufinden. So landete in der Saison 2001/2002 doch der Aufsteiger FC Fulham im Teilnehmerfeld, die Londoner waren in der Liga gerade mal 13. geworden.

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Wo wir nun schon seit Punkt 11 so unvermittelt vom UI-Cup reden. 1995 rang sich die UEFA nach Jahrzehnten endlich durch, den Pokalwettbewerb unter ihre Fittiche zu nehmen. Prompt ging es nicht mehr nur noch um die Ehre und Antrittsgelder, sondern um zwei Startplätze im UEFA-Cup. Und wie von der PR-Abteilung der UEFA bestellt, marschierte gleich einer der ersten beiden Sieger, nämlich Girondins Bordeaux bis ins UEFA-Cup-Finale durch.

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Andere britische Klubs trafen Maßnahmen, um gar nicht erst in Versuchung geführt zu werden. Der schottische Premier-League-Klub Inverness Caledonian Thistle FC hätte eigentlich am 15. Juli 2007 in die 2. Runde des UI-Cups einsteigen sollen. Weil aber im Klub niemand auch nur die geringste Lust auf den Loser-Cup verpürte, wurde das Stadion für diesen Tag einfach an die Veranstalter eines Elton-John-Konzerts vermietet. Und Graeme Bennett, der Präsident, gab zu Protokoll: »Schon letzte Saison war es eine Zitterpartie, ob es uns überhaupt reicht für den Intertoto Cup. Diesen Stress wollen wir nicht nochmals durchmachen.«

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Der reformierte »UEFA Intertoto Cup«, wie der Wettbewerb nun offiziell hieß, wurde in den Folgejahren zu einer Domäne der Franzosen. Unter den Gewinnern der Folgejahre tummelten sich der RC Strasbourg und EA Guingamp, 1997 erreichten sogar alle vier französischen Teilnehmer die Endspiele, am Ende ergatterten der AJ Auxerre, der SC Bastia sowie Olympique Lyonnais die mittlerweile drei Startplätze für den UEFA-Cup.

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Zum Wesen des Cups gehörte, dass in fast jedem Jahr ein oder zwei osteuropäische Teams mit schier unaussprechbaren Namen teilnahmen, gegen die selbst der Dauerbrenner Universitatea Craiova leicht zu artikulieren war. Von FK Napredak Kruševac (1980) über Tatabánya Bányász (1991) bis hin zu Pirin Blagoevgrad (1978).

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Weithin unbekannt: Es war der Intertoto Cup, der Carmen Thomas um ein große Karriere im ZDF-Sportstudio brachte. Hätte der FC Schalke nicht  gerade in dieser Woche im Intertoto Cup gegen Standard Lüttich verloren, hätte er nicht erwähnt werden müssen, und schon gar nicht in der Variante »Schalke 05«.

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Bei innerdeutschen Duellen bekleckerten sich die Bundesligamannschaften nicht immer mit Ruhm. Am 6. Juli 1985 verlor Fortuna Düsseldorf das Intertoto-Spiel bei Rot-Weiß Erfurt mit 1:6. 26 000 Zuschauer im ausverkauften Stadion höhnten: »Profis, Profis, hahaha!«

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Und noch eine deutsch-deutsche Begegnung. Die Partie von Hansa Rostock am 8. Juli 1989 im Intertoto Cup bei B 1903 Kopenhagen nutzte Axel Kruse zur Flucht. Er fuhr erst nach Hamburg, Freunde brachten ihn dann nach Westberlin. Kruse wurde zunächst gesperrt, dann aber für eine Ablöse von 250 000 Mark an den DDR-Fußballverband begnadigt.

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Für Anhänger von Arminia Bielefeld war der Intertoto Cup 1983 die einzigartige Möglichkeit, internationale Spiele der Arminia zu sehen. Also reisten Bernd Foest und einige andere Anhänger ins bulgarische Wraza (»Im Stadion in Wraza haben Torsten und ich die große Arminen-Fahne ausgebreitet, auf die einige Botew-Fans ausgerechnet ihre Pistazienkerne spucken müssen.«) und nach Bryne nahe Stavanger (»Wir steigen zu Peter Pape und Hermann Begemann in den Manta. Im Gepäck nur ein Aktenkoffer mit Ersatzhose, Ersatztrikot und Badehose.«).

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Time to say goodbye: Der UEFA-Cup wird ab der Saison 2009/10 grundlegend reformiert, statt der derzeitigen acht Fünfergruppen mit nur je einem Spiel soll es ab 2009 nach einigen Qualifikationsrunden zwölf Gruppen à vier Mannschaften geben. Für den UI-Cup ist dann kein Platz mehr. 

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Insofern eine große Ehre für den VfB Stuttgart, Spalier zu stehen, wenn der UI-Cup zu Grabe getragen wird. Schön auch, dass die Stuttgarter zum letzten Mal eine ganz typische Intertoto-Erfahrung machen werden. Denn der VfB trifft in der 3. Runde des Pokals auf den Sieger der Spiele zwischen Saturn Ramenskoje und dem Sieger der Spiele zwischen Etzella Ettelbrück und Olimpi Rustawi.

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