25 Dinge über Borussia Dortmund

Legenden vom Borsigplatz

Eine turbulente Gründungsversammlung, ein Stürmer als Hilfsheizer auf der Lokomotive, ein Ungar auf Taubenjagd, ein Kurzsichtiger und ein Schalker als Trainer – wir haben die härtesten Fakten über den BVB 09 zusammengestellt. 25 Dinge über Borussia Dortmund
Heft #75 02 / 2008
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75

1
Als der Klub am 19. Dezember 1909 gegründet wurde, stand bei der Namensfindung die gleichnamige Brauerei im Dortmunder Hoesch-Viertel Pate. Die Gründungsversammlung fand allerdings nicht als feuchtfröhliche Brauereibesichtigung statt, sondern durchaus gesittet in einem Nebenraum des Wirtshauses »Zum Wildschütz« in der Oesterholzstraße 60, wo sich 50 Mitglieder der katholischen Jünglingssodalität »Dreifaltigkeit« versammelt hatten.

2
Wäre es nach Hubert Dewald gegangen, hätte die Gründung gar nicht stattgefunden. Dem Kaplan der Dreifaltigkeitsgemeinde und Vorsitzenden der Jünglingssodalität, war der Fußball als rohes, wildes Spiel höchst suspekt. Als Dewald von der Versammlung erfuhr, eilte er in den »Wildschütz«, wurde aber nicht eingelassen. Am Ende gründeten 18 verbliebene katholische Jungmänner die Borussia.

3
Existenzielle Finanzkrisen sind keine Errungenschaft der Dortmunder Neuzeit. Schon 1928 schrammte der Klub haarscharf am Konkurs vorbei. Um sportlich durchzustarten hatte der Vorstand Versicherungspolicen in Höhe von 12.000 Reichsmark beliehen und damit der lokalen Konkurrenz die besten Spieler weggekauft. Fatal allerdings: Die Truppe kickte miserabel, die 12.000 Mark hatten sich alsbald verflüchtigt. Dass Präsident Dr. Heinz Schwaben die fehlende Summe aus der eigenen Tasche zahlte, rettete den Klub in letzter Minute.

4

August Lenz trug am 28. April 1935 gegen Belgien als erster Borusse das Nationaltrikot. Der Mittelstürmer hatte bei den Dortmundern zunächst im Tor gestanden. Erst als sich beim Spiel gegen den TBV Mengede Angreifer Hannes Jakubowitz verletzte, wechselte Lenz in den Sturm und schoss prompt Tore am Fließband. Lenz führte den BVB zu zwei Oberliga-Meisterschaften und sollte 1938 gar zum damaligen Branchenprimus Schalke 04 wechseln. Ernst Kuzorra hatte Vereinspräsident Fritz »Papa« Unkel bedrängt, den Wechsel in die Wege zu leiten. Unkel entgegnete Kuzorra: »Eher gehst du zur Borussia, als dass der Lenz den Borsigplatz verlässt.«

5
Ernst Kuzorra, der eingefleischte Schalker, fand tatsächlich noch den Weg nach Dortmund. Kuzorra hatte seinen Schwager Fritz Thelen als neuen BVB-Coach vorgeschlagen. Weil der nicht sofort verfügbar war, leitete Kuzorra selbst acht Wochen lang das Dortmunder Training. Was für einen mittelschweren Andrang Dortmunder Kibitze am Borussia-Platz sorgte.

6
Beinahe hätte der BVB schon vor der Jahrhundertwende sein rundes Jubiläum feiern können. In den Nachkriegswirren schaffte es Fritz Kauermann, damals beim Arbeitersport und später Sportdezernent, den Klub kurzzeitig in »Sportgemeinschaft Borussia von 1898« umzubenennen. Nach ein paar Wochen besann man sich aber des wahren Gründungsdatums.

7
Manch ein Spieler nahm größere Entbehrungen auf sich, um im schwarzgelben Dress anzutreten. Kurz nach dem Krieg verpasste Max Michallek den Zug zum Spiel in Berlin, heuerte aber im Folgezug als Heizer an. Weil die BVB-Funktionäre an der Interzonengrenze Bescheid gesagt hatten, passierte Michallek ungehindert den russischen Kontrollpunkt. Die sowjetischen Offiziere verkündeten: »Du Fußballer Michailow. Du weiterfahren.« Glücklich aber rußgeschwärzt sprang Michallek schließlich in Berlin von der Lokomotive, der Einsatz hatte sich gelohnt. Dortmund gewann gegen den BSV 92 mit 5:0.

8
Auf den Weihnachtsfeiern des BVB gab es wie anderswo auch alkoholbedingte Ausfälle zu vermelden. So bekam auf der Jahresendfeier 1966 ein verdutzter Pressefotograf von Siggi Held und Lothar Emmerich auf die Mütze, nachdem er die beiden fotografiert hatte. Der Vorsitzende Steegmann kündigte wutschnaubend Disziplinarmaßnahmen an, später aber entschuldigten sich die beiden Spieler.

9?
Störrischer als die beiden einsichtigen Raufbolde erwies sich Hermann Straschitz, den Hermann Eppenhoff 1964/65 von Fortuna Düsseldorf zu den Dortmundern geholt hatte. Straschitz verweigerte vor dem Spiel gegen Mönchengladbach die Teilnahme am Abschlusstraining, zuvor wolle er wissen, ob er denn spiele. Tat er nicht, die Dortmundern gewannen auch ohne ihn mit 5:4.

10
Für andere Kicker setzten sich schon mal die Mannschaftskameraden ein. Als Erich Schanko unmittelbar vor dem Meisterschaftsendspiel 1956 gegen den Karlsruher SC mitgeteilt bekam, sein Vertrag werde nicht verlängert, wurde umgehend eine Spielerdelegation unter Führung von Addi Preißler beim Vorstand vorstellig und präsentierte eine Verhandlungsbasis, die wenig Raum für Kompromisse ließ: »Wenn Erichs Vertrag nicht verlängert wird, dann spielen wir heute nicht.« Ein Angebot, das der Vorstand nicht ablehnen konnte.

11
In der Saison 1974/75 bekannte sich die Borussia erstmals auch auf dem Trikot zur Heimatstadt. Auf dem Rücken stand fortan und bis heute »Dortmund«, die Brust der Kicker zierte das von der WM übrig gebliebene Dortmunder WM-Wappen mit den Ingredienzien Blumen, Fernsehturm und Fußball.

12
Als Stan Libuda Borussia Dortmund 1965 im Endspiel des Europapokals der Pokalsieger gegen den FC Liverpool mit 2:1 in Führung schoss, beschäftigte den Flügelmann nicht der herannahende größte sportliche Erfolg einer deutschen Mannschaft seit dem Triumph der Herberger-Elf 1954, sondern eine sehr weltliche Frage. Zu Lothar Emmerich sagte er: »Mensch Emma, jetzt müssen wir die 10.000 Mark nicht bezahlen.« Tags zuvor hatte Trainer Willi Multhaupt die beiden Kicker beim Zocken erwischt und gedroht: »Wenn ihr morgen verliert, zahlt jeder 10.000 Mark Strafe.«

13
Das Westfalenstadion wurde zur WM im eigenen Land errichtet, obwohl die Borussia damals nur in der Regionalliga kickte und obendrein chronisch klamm war. Im Eröffnungsspiel unterlag der BVB dem FC Schalke klar mit 0:3. Immerhin konnten sich die Dortmunder trösten, dass kein Schalker das erste Tor im neuen Stadion geschossen hatte, sondern eine junge Frau mit dem urwestfälischen Namen Margarethe Schäferhoff, im Vorspiel zwischen TBV Mengede und VfB Waltrop.

14
Die erste sportliche Heimstatt des BVB war nicht die »Rote Erde«, sondern die »Weiße Wiese« an der Wambeler Straße unweit des Borsigplatzes. Ursprünglich nur ein normaler Sportplatz, auf dem nach jedem Spiel die Tore wieder abgebaut wurden, baute man den Platz 1924 zu einem Stadion um, bei seiner Einweihung passten rund 10?000 Zuschauer hinein. 1937 musste der BVB umziehen, die Hoesch AG, deren Expansion die Nazis forcierten, benötigte den Sportplatz.

15
Der BVB ist der mit weitem Abstand größte Dortmunder Fußballklub, der erste Fußballverein der Stadt jedoch hieß Dortmunder Fußball-Club 95, gegründet von Pennälern des Realgymnasiums in der Luisenstraße im Dortmunder Süden.

16
Frühe Tage des Marketings: Weil der neue Sponsor, der holländische Tabakkonzern Samson, einen Löwen im Firmenlogo führte, zierte dieser in der Saison 1976/77 auch das BVB-Wappen. Damit nicht genug, auch ein, allerdings noch sehr junger, Löwe namens Sambo wurde dem Klub als Maskottchen übergeben.

17
Zu den bekanntesten Fehleinkäufen gehörte im Jahre 1998 der Karlsruher Thomas Häßler. Als Antreiber im Mittelfeld geholt, wusste Trainer Michael Skibbe mit dem etwas angejahrten Weltmeister nichts anzufangen. So saß Häßler also vorwiegend auf der Ersatzbank und blickte unnachahmlich deprimiert. Höhepunkt des tränenfeuchten Melodrams: Vor der Verlängerung gegen den FC Schalke schleppte der Veteran Wasserflaschen für die Kameraden herbei. Intellektuelle Tiefe kam später in die Diskussion, als Häßlers Gattin Angela keifte: »Was der Herr Skibbe denkt, interessiert uns einen Scheißdreck.«

18
Als die Dortmunder Spieler nach gewonnener Meisterschaft 1956 im Zug zurück in die Heimat fuhren, waren auch die Spielerfrauen dabei. Die Vorstellung, die Gattinnen könnten auch beim Empfang in Dortmund mit von der Partie sein, trieb dem wertkonservativen Vorstand den Schweiß auf die Stirn. Also ersann die Vereinsführung einen perfiden Trick. Im Sonderzug wurden die Spieler in den vorderen Abteilen platziert, die Damen hingegen im hinteren Zugteil. In Hamm sollte nun der letzte Waggon heimlich abgekoppelt werden. Als die Spieler vom geplanten Wildwest-Manöver erfuhren, marschierten sie kurzerhand geschlossen nach hinten, auf die Abkoppelung wurde verzichtet.

19
Eitelkeit machte auch vor Dortmunder Funktionsträgern nicht halt: Hermann Lindemann, 1969 als Trainer des BVB verpflichtet, weigerte sich trotz ärztlich attestierter Kurzsichtigkeit, dauerhaft eine Brille zu tragen. Was zu einem unvergesslichen Dialog zwischen Lindemann und einem BVB-Abwehrmann führte: »Sagen Sie einmal, warum ist Ihr direkter Gegenspieler in der 85. Minute völlig freistehend vor unserem Tor zum Schuss gekommen?« Die entwaffnende Antwort: »Das war ein Elfmeter, Trainer!«

20
Vielleicht hätte sich Sepp Maier, der einmal während eines Spiels vergeblich auf Taubenfang ging, beim BVB-Mittelfeldmann Zoltan Varga nach der richtigen Taktik erkundigen sollen. Varga schlich sich unauffällig an eine Taube an, die während eines Heimspiels im Dortmunder Strafraum herumgeflattert war. Dann eine geschickte Körpertäuschung, ein Panthersprung und schon hatte Vargas das Federvieh erwischt – unter dem tosenden Applaus der Anhänger.

21
Weniger integrativen Humor bewies Dortmunds Nationalkeeper Hans Tilkowski. Als ihm einmal während eines Spiels ein Eisverkäufer ein Hörnchen Eis anbot, lehnte Tilkowski dankend ab. Er wollte sich aufs Spiel konzentrieren. Obwohl er ja noch eine Hand frei gehabt hätte.

22

Sein Schalker Kollege Norbert Nigbur hingegen sagte nicht nein, als in der »Roten Erde« ein »Rolli-Eis-Verkäufer« den Rasen betrat, um dem Keeper ein Drei-Kugel-Eis zu offerieren. Nigbur, der sich zuvor in seinem Tor sichtlich gelangweilt hatte, nahm’s dankend an.

23
Ingo Anderbrügge, Jacek Jarecki und Jürgen Wegmann hießen die Hauptakteure der wohl dramatischsten Minuten, die das Westfalenstadion je erlebte. Zweites Relegationsspiel der Saison, Sekunden vor Schluss braucht der BVB gegen den Zweitligisten Fortuna Köln ein drittes Tor, um nicht abzusteigen. Mit dem Mute der Verzweiflung drischt Anderbrügge schließlich den Ball in den Strafraum, Fortuna Keeper Jarecki kann nur abklatschten, Wegmann schnellt heran. Den anschließenden Schrei, der durchs Westfalenstadion gellte, beschreiben viele Anhänger noch heute als den ergreifendsten Moment ihres Fußballlebens.

24
Die ersten versteckten Zahlungen des BVB an seine Spieler datieren bereits aus dem Jahr 1923. Damals ersetzte der Klub jedem Spieler Fahrtkosten zum Spiel nach Essen in Höhe von einer Mark. Dabei war die Mannschaft gemeinsam auf zwei Lastwagen zum Spiel gefahren.

25
Zehn Jahre nach seiner Gründung gab sich der BVB eine Spielordnung, die eigentlich selbstverständlich scheinende Sachverhalte noch einmal klären musste. Zitat: »Spieler, die den Anordnungen des Spielführers nicht nachkommen, kann derselbe vom Spiele ausschließen. Insbesondere ist den Spielern das Rauchen während der Spiele untersagt.«

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