2006 Reloaded: Inflation der Sommermärchen

Auf Teufel komm raus

Auch die EM 2012 soll, ach was, muss ein Sommermärchen werden. Mindestens. Denn darunter geht es seit Söncke Wortmann einfach nicht mehr. Polemik gegen eine vergiftete Erwartungshaltung.

Heinrich Heine sah sich zu einer Rechtfertigung gezwungen: »Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und verehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige und knechtische Spielerei sind.« So steht es im Vorwort zu »Deutschland. Ein Wintermärchen«. Die Jüngeren werden hierbei vielleicht ein Buch vermuten, dessen Titel ganz billig von Sönke Wortmanns Film der WM 2006 abgekupfert ist. Wortmann war es aber, der sich bei Heine bediente. Während dessen Werk »Ein Sommermärchen« zum Dokument einer Zeit des Partyotismus wurde, musste Heine sich mit eingangs zitierten Worten gegen Vorwürfe verteidigen, er sei ein »Vaterlandsverräter«.

»Sommermärchen« – das verbinden die meisten Deutschen heute noch mit Schweini und Poldi, mit »schwarz-rot-geil«, mit enthemmten, wild feiernden Menschen. Bilder, die man sonst nur aus Bacardi-Werbespots kennt. 2006 war der »Summer of 69« eines ganzen Landes. Klar, dass die positive Konnotation immer wieder genutzt wird. So freut sich derzeit jeder Fanmeilenbetreiber auf ein »neues Sommermärchen«, Vitali Klitschko auf ein »ukrainisches Sommermärchen« und die unverwüstlichen Schlager-Barden Judith und Mel singen ihren Hit »Sommermärchen« im Elster Park in Plauen (auch im Repertoire des Duos: »Wer hat denn da wohl wen verführt«).

Double auf Zwang

Nicht nur das: Die Pferdesport-EM 2015 soll ein Sommermärchen werden, die Messe »Klassikwelt Bodensee« war bereits ein Sommermärchen und Hannelore Krafts Wahlsieg war natürlich... genau. Und wo dann schon alle Welt die Fußball-Sprache übernimmt, wurde Norbert Röttgen wohl »NRW-Oppositionsführer und Umweltminister der Herzen«. Seit Schalke 2001 Meister der Herzen und eben Deutschland 2006 Weltmeister der Herzen geschmäht wurden, kann niemand mehr bei »Spitz, pass auf« verlieren, ohne als Gewinner der Herzen gebrandmarkt zu werden.

Wohl kaum ein Turnier war schon im Vorfeld derart schlecht beleumundet wie diese EM 2012 in Polen und der Ukraine. Hooligans, Tiertötungen und fehlende Straßen – das hat wenig von einem Sommermärchen, noch nicht einmal von einem Sommermärchen der Herzen. Umso schneller waren dann deutsche Politiker zur Stelle, die eine Verlegung des Turniers in deutsche Stadien forderten – wie übrigens schon 2008 und 2010. Dem wohnt der manische Zwang inne, den Sommer 2006 auf Teufel komm raus doubeln zu wollen. Wie ein Mann in der Midlife-Crisis, der sich die Klamotten seiner Jugend überzieht. Wenn Xavier Naidoo wieder vom Weg trällert, der kein leichter sein wird, spätestens dann ist das gewollte 2006-Remake »eine müßige und knechtische Spielerei«.

Vielleicht sollte man diesem Turnier ganz ohne Vorurteile und Nostalgie die Chance geben, einen eigenen Charme zu entwickeln. Das Label »Sommermärchen reloaded« hat schon bei der Frauen-WM 2011 nicht funktioniert. Judith und Mel werden es schon irgendwie verkraften.

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