1996/97: Als Klinsi die Tonne büßen ließ

»Ich drehte mich nicht um«

10. Mai 1997, FC Bayern München gegen den SC Freiburg. In der 80. Minute muss Jürgen Klinsmann vom Feld, vor Wut zertritt er eine Werbetonne. Carsten Lakies, der für den Weltstar ins Spiel kam, erinnert sich. Als Klinsi die Tonne büßen ließ
Heft #83 10/2008
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Leider bin ich im Laufe meiner Bundesliga-Karriere nur auf vier Einsätze gekommen. Dieses Spiel gegen Freiburg sollte mein erster werden und verhalf mir zu einer etwas fragwürdigen Berühmtheit. Ich war ja kein großes Licht im Bayern-Kader, bloß ein Vertragsamateur. Auch am 31. Spieltag saß ich zunächst auf der Bank, inmitten von Hochkarätern.

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Irgendwie habe ich trotzdem damit gerechnet, reinzukommen – nicht jedoch damit, dass es eine historische Einwechslung werden würde. Nach der Halbzeit schickte uns Trainer Giovanni Trapattoni zum Warmmachen. Bloß wer sollte für mich das Feld verlassen? Carsten Jancker, Ruggiero Rizzitelli oder sogar Jürgen Klinsmann, der Welt- und Europameister? In der 80. Minute war es soweit: Trapattoni rief mich zu sich und forderte von mir, ich solle vorne Betrieb machen und ein Tor schießen. »Spiel so wie bei den Amateuren«, raunte er mir zu. Auch Lothar Matthäus, der an diesem Tag nicht im Kader war, kam vor der Einwechslung zu mir. Er trug seine typische Sonnenbrille im Haar, wünschte mir viel Glück und meinte, dass ich mir nicht so viele Gedanken machen und einfach mein Spiel runter spielen soll. Noch so ein Weltmeister! Ich war ganz schön nervös. Doch als ich dann an der Seitenlinie stand, war es mir plötzlich vollkommen egal, für wen ich eingewechselt würde. Dass es tatsächlich Jürgen Klinsmann traf, erkannte ich zwar, als der Blondschopf auf mich zu trabte.

Aber ich war total auf das Spiel fokussiert. Für mich zählte jetzt nur noch, dass ich reinkam – für wen auch immer. Klinsmann stank es natürlich, dass er mal wieder raus musste. Immerhin hatte er in dem Spiel den Pfosten getroffen und zweimal den Freiburger Keeper Jörg Schmadtke angeschossen. Die wiederholten Auswechslungen waren über die gesamte Saison ein Streitpunkt zwischen ihm und Trapattoni. Aber dass er so ausrasten und in die Werbetrommel treten würde, hätte ich nicht gedacht. Jürgen war ja eher der ruhigere Typ, kein Lautsprecher. Ich registrierte zunächst auch gar nicht, was hinter mir passiert war, nachdem wir uns abgeklatscht hatten. Zwar habe ich noch einen Schlag gehört, aber in einem Stadion, in dem 63�000 Zuschauer sind, hört man alles Mögliche. Ich drehte mich dann auch nicht mehr um. Ich war so heiß auf meinen Einsatz, voll mit Adrenalin, dass ich nicht mal die Pfiffe im Stadion hörte. Die ganze Aktion habe ich erst später im Fernsehen gesehen.

Im Spiel gab ich sofort Gas, wie der Trainer es von mir verlangt hatte, und kam nach drei Minuten zu meiner Chance: Im Mittelfeld spielte ich rechts raus zu Mehmet Scholl, und als er flankte, war ich schon wieder vorne im Strafraum. Ich stieg hoch, gab wirklich alles – aber leider köpfte ich den Ball über die Latte. Es blieb beim 0:0. Nach dem Spiel waren wir nicht unbedingt niedergeschlagen, aber wir wussten, dass wir mit einem Sieg einen riesigen Schritt Richtung Meisterschaft gemacht hätten. Von Konsequenzen, die es für Klinsmann gab, weiß ich nichts. Am gleichen Abend gaben er, Christian Ziege, Oliver Kreuzer und Marcel Witeczek ihren Ausstand. In der Mannschaft haben wir auf der Feier noch über die Aktion geflachst. Es war aber für uns nie so ein großes Thema, wie es später für die Öffentlichkeit war. Nicht mal zwischen »Trap« und »Klinsi«. Der Trainer wusste schließlich auch: Ein Spieler wird nicht gerne ausgewechselt.

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