1996: Als ich wegen Cardoso abstieg

Falsche Versprechungen

Dörner, de Mos, Sidka: An die zweite Hälfte der 90er Jahre erinnert sich kein Werder-Fan gern. Dirk Gieselmann traf es besonders hart: Er stieg sogar ab. Wegen Rodolfo Esteban Cardoso. Die Geschichte vom Spielmacher, der nie kam. 1996: Als ich wegen Cardoso abstieg

Ich kann nicht von mir behaupten, jemals ein besonders guter Fußballer gewesen zu sein. Und doch wurde ich einmal abgeworben: Ein Dorfverein eiste mich beim anderen Dorfverein los. Ich hatte sein Interesse geweckt in einer Saison, in der ich zum älteren Jahrgang der B-Jugend gehörte, und die fünf Zentimeter und sieben Kilo, die ich den Jüngeren voraus hatte, den Anschein erweckten, ich sei ihnen irgendwie überlegen.

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Also ging ich von der Kreisklasse in die Kreisliga und hielt das für einen gewaltigen Schritt. Aber ich erhoffte mir nicht nur Titel, schönere Trikots und mehr Mädchen, die beim Punktspiel zuschauten. Der Fußball-Obmann meines neuen Vereins hatte mich und noch drei, vier andere Jungs mit einem besonderen Anreiz gelockt. Er werde, prahlte er bei den Transferverhandlungen, eine Trainingseinheit mit Rodolfo Cardoso organisieren. Cardoso! Der Spielmacher des SV Werder! Da lässt man alles stehen und liegen. Selbst die Bayern-Fans unter uns glühten vor Vorfreude.

Sie währte lange, die Vorfreude, sehr lange. Ein erster Termin mit dem Mittelfeldgenie noch während der Vorbereitung platzte, ein nächster im Oktober. Da war die Aufbruchstimmung schon verflogen, wir standen im unteren Tabellendrittel. Auch meine körperliche Überlegenheit hatte sich relativiert, ich war nun, in der A-Jugend, einer der Kleinsten. Nicht gut für einen Vorstopper. In der Winterpause, in die wir als Vorletzter gingen, schürte der Obmann die Hoffnung von Neuem: Im Februar, prophezeite er unverdrossen, werde Cardoso ganz bestimmt kommen. Es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, wir waren inzwischen Letzter, der Klassenerhalt nur noch theoretisch möglich.

Da raste eines Tages ein Riesensportwagen auf den Parkplatz vor unserem Vereinsheim, die Reifen quietschten so filmreif, dass allen synchron ein Gedanke durch den Kopf schoss: Cardoso! Er war da! Endlich! Wir liefen zu einer Traube zusammen. Auch der Obmann kam aus seinem Häuschen gedackelt, schien es selbst nicht zu glauben. Cardoso? War er da? Endlich?

Die Tür des Sportwagens ging auf, und aus stieg – Hansi Gundelach. Der Ersatzkeeper des SV Werder. Trug die rote Röhrenjeans von der Meisterfeier 1993. Cowboystiefel. War nicht besonders gut drauf. Schoss drei Mal lustlos aufs Tor. Mit Pieke. Fuhr dann zurück nach Bremen.

Wir stiegen ab in dieser Saison. Ohne Cardoso war die Klasse einfach nicht zu halten. 

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