1994/95: Als Dirk Schuster Andi Möller nicht foulte

Was ist eigentlich eine Schutzschwalbe?

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Dirk Schuster erinnert sich an eine ganz besondere Schwalbe.

Noch heute werde ich gefragt: »Was ist eigentlich eine Schutzschwalbe, Dirk?« Ich sage dann immer: »Ein Vogel, aber kein schützenswerter!« Im Spiel zwischen meinem Karlsruher SC und Borussia Dortmund flog er einmal besonders hoch. Dass Andreas Möller sich im Strafraum fallen ließ, hatte fatale Folgen: Im Endeffekt kostete seine Aktion uns die UEFA-Cup-Teilnahme und brachte dem BVB die Meisterschaft. Vor dem Spiel waren wir noch ganz dicht dran an den internationalen Plätzen, saßen den Bayern direkt im Nacken. »Icke« Häßler, Sergej Kirjakow, »Euro-Eddy« Schmitt – diese Jungs konnten ein ordentliches Feuerwerk abbrennen. Und auch im Westfalenstadion sah es für uns zunächst recht gut aus. Wir waren durch Gunther Metz in Führung gegangen und im weiteren Spielverlauf die klar bessere Mannschaft. Die Dortmunder Fans hatten schon die Finger im Mund, bereit zum Pfeifkonzert. Doch in der 76. Minute drang Möller von Rechtsaußen in unseren Strafraum ein, ich eilte hinzu. Zwischen ihm und mir hätte ein Kleinwagen parken können – da fiel er plötzlich hin! Fast aus dem Stand!

Es ist ja bekannt, dass Fußballern viele Mittel recht sind, um den Vorteil für ihre Mannschaft zu erzwingen. Insofern war ich nicht sonderlich überrascht, als er abhob. Schier fassungslos war ich aber, als Schiedsrichter Günther Habermann tatsächlich Elfmeter pfiff! »Das kann doch nicht wahr sein«, dachte ich. »Das muss der doch gesehen haben!« Und bis heute bin ich davon überzeugt, dass mindestens der Linienrichter realisiert hatte, dass es zwischen Möller und mir zu keinerlei Kontakt gekommen war. Aber das Gespann hatte wohl die Hosen voll angesichts der furchteinflößenden Kulisse im Westfalenstadion und ist eingeknickt.

Genau das würde ich heute, mit dem Abstand von 15 Jahren, allen Beteiligten zu Gute halten: In einem solchen Hexenkessel badet man im Adrenalin und ist nicht immer Herr seiner Sinne. Michael Zorc, der alte Routinier, blieb indes ganz cool und verwandelte den Elfmeter zum Ausgleich. Dadurch stand das Publikum wieder voll hinter seiner Mannschaft. Wir gerieten in einen Strudel und verloren das Spiel durch einen 20-Meter-Schuss von Matthias Sammer noch mit 1:2. Bei einer Ecke kurz vor Schluss stellte ich Möller und fragte ihn, was er sich denn bei seinem Hechtsprung gedacht habe. Er gab alles zu, sagte aber, dass der Zweck die Mittel heilige. Im Interview nach dem Schlusspfiff klang das ein klein bisschen anders: »Das war eine Schutzschwalbe. Ich dachte, dass Dirk Schuster mich voll umhauen würde.« Bloß, wie hätte ich das überhaupt machen sollen? So weit, wie wir auseinander waren, kann man ja kaum grätschen! Und selbst wenn: Dann hätte es ja Elfmeter gegeben! Den gab es ironischerweise trotzdem.

Mittlerweile bin ich nicht mehr sauer auf Möller. Er ist damals vom DFB sogar nachträglich gesperrt worden, Berti Vogts nahm ihn kurzfristig aus der Nationalmannschaft, und durch den massiven Imageschaden, den die Schutzschwalbe nach sich zog, hat er zur Genüge gebüßt. Auch aus der Privatfehde mit unserem Trainer Winfried Schäfer ging er als Verlierer hervor. »Bei jedem anderen wäre ich zum Schiedsrichter gegangen und hätte gesagt, dass es kein Elfmeter war, bei ihm jedoch nicht«, meinte er. Das nahm Schäfer dankbar auf und machte eine moralische Diskusson draus: »Eben haben kleine Kinder meiner Mannschaft den Mittelfinger gezeigt. Das ist das Produkt von Möller.« Heute ist über die Sache längst Gras gewachsen. Andreas hat sich entschuldigt. Und ein Gutes hat es: Ich weiß seitdem, was eine Schutzschwalbe ist.

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