Jahrhundertmannschaft Dänemark
06.06.2012

1992: Jahrhundertmannschaft Dänemark

Die Legende vom Barbecue

Eigentlich war Dänemark nicht für die EM 1992 qualifiziert. Da Jugoslawien wegen des Bürgerkrieges ausgeschlossen wurde, rückten die Skandinavier nach und gewannen den Titel. Bis heute hält sich die Mär vom Hamburger verschlingenden Erfolgsteam.

Text:
Volker Backes
Bild:
Imago

Roskilde schweigt

Die Szenerie auf dem Roskilde-Musikfestival mutete fast ein wenig gespenstisch an. Rund 70.000 Menschen hatten geduldig ertragen, dass mehr als zwei Stunden lang keine Musiker auf einer der zahlreichen Bühnen erschienen waren. Und dies an einem lauschigen Sonntagabend zur Primetime. Keine Band mochte gegen die dänischen Fußballer antreten, das blieb den Deutschen überlassen.

Dann aber erklomm ein Mann mit Wikingerhelm die Hauptbühne und spielte, eingehüllt in eine dänische Flagge, eine Viertelstunde lang Querflöte. Zunächst erklang eine undefinierbare Melodie, danach ein Stück wie von Jethro Tull, gefolgt von der Nationalhymne und dem unwiderstehlichen Loblied der vorangegangenen zwei Wochen: »We are red, we are white, we are danish dynamite.« Soeben waren die Dänen im benachbarten Schweden zum Europameister gekrönt worden, und daheim wurden darüber alle verrückt.

Niemand hatte Dänemark auf der Rechnung. Wie auch? Deren Fußballer hatten bis dahin zwar einen vierten (1964) und einen dritten Platz (1984) bei einer EM vorweisen können, doch die desolate Vorstellung 1988 in Deutschland mit drei Vorrundenniederlagen eignete sich kaum als Visitenkarte. Die goldenen Zeiten der Achtziger waren längst passé. Zudem hatten sich die Dänen für das Turnier in Schweden sportlich nicht qualifizieren können und hinter Jugoslawien in ihrer Qualifikationsgruppe nur den zweiten Platz belegt.

Raus aus den Badelatschen, rein in die Fußballschuhe

Die Teilnahme der Südosteuropäer scheiterte wegen der Bürgerkriegswirren auf dem Balkan. Zehn Tage vor dem Eröffnungsspiel in Stockholm sahen sich die Fifa und die Uefa schließlich gezwungen, einer Uno-Resolution bezüglich eines Embargos zu folgen, Jugoslawien vom Wettbewerb auszuschließen und dessen Verbandsmitgliedschaft aufzukündigen. Völlig überraschend kam diese Entwicklung nicht. Bereits im Vorfeld hatte die Uefa beschlossen, sofern nötig, den Zweiten der Qualifikationsgruppe nachrücken zu lassen. Dennoch rechnete zu jenem Zeitpunkt niemand mehr mit einem solchen Schritt. Dänemarks Coach Richard Möller-Nielsen hörte der Legende nach im Radio von der Entscheidung, als er im Begriff war, seine Küche zu renovieren. Dazu passt das auch heute noch gerne verbreitete Bild, die Mannschaft sei quasi in Badelatschen vom Urlaubsstrand weg nach Schweden geholt worden.

Image als Ferienfußballer

 
 
 
 
 
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