1992: Jahrhundertmannschaft Dänemark

Die Legende vom Barbecue

Eigentlich war Dänemark nicht für die EM 1992 qualifiziert. Da Jugoslawien wegen des Bürgerkrieges ausgeschlossen wurde, rückten die Skandinavier nach und gewannen den Titel. Bis heute hält sich die Mär vom Hamburger verschlingenden Erfolgsteam. Jahrhundertmannschaft Dänemark
Heft #57 08 / 2006
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Roskilde schweigt

Die Szenerie auf dem Roskilde-Musikfestival mutete fast ein wenig gespenstisch an. Rund 70.000 Menschen hatten geduldig ertragen, dass mehr als zwei Stunden lang keine Musiker auf einer der zahlreichen Bühnen erschienen waren. Und dies an einem lauschigen Sonntagabend zur Primetime. Keine Band mochte gegen die dänischen Fußballer antreten, das blieb den Deutschen überlassen.

Dann aber erklomm ein Mann mit Wikingerhelm die Hauptbühne und spielte, eingehüllt in eine dänische Flagge, eine Viertelstunde lang Querflöte. Zunächst erklang eine undefinierbare Melodie, danach ein Stück wie von Jethro Tull, gefolgt von der Nationalhymne und dem unwiderstehlichen Loblied der vorangegangenen zwei Wochen: »We are red, we are white, we are danish dynamite.« Soeben waren die Dänen im benachbarten Schweden zum Europameister gekrönt worden, und daheim wurden darüber alle verrückt.

Niemand hatte Dänemark auf der Rechnung. Wie auch? Deren Fußballer hatten bis dahin zwar einen vierten (1964) und einen dritten Platz (1984) bei einer EM vorweisen können, doch die desolate Vorstellung 1988 in Deutschland mit drei Vorrundenniederlagen eignete sich kaum als Visitenkarte. Die goldenen Zeiten der Achtziger waren längst passé. Zudem hatten sich die Dänen für das Turnier in Schweden sportlich nicht qualifizieren können und hinter Jugoslawien in ihrer Qualifikationsgruppe nur den zweiten Platz belegt.

Raus aus den Badelatschen, rein in die Fußballschuhe

Die Teilnahme der Südosteuropäer scheiterte wegen der Bürgerkriegswirren auf dem Balkan. Zehn Tage vor dem Eröffnungsspiel in Stockholm sahen sich die Fifa und die Uefa schließlich gezwungen, einer Uno-Resolution bezüglich eines Embargos zu folgen, Jugoslawien vom Wettbewerb auszuschließen und dessen Verbandsmitgliedschaft aufzukündigen. Völlig überraschend kam diese Entwicklung nicht. Bereits im Vorfeld hatte die Uefa beschlossen, sofern nötig, den Zweiten der Qualifikationsgruppe nachrücken zu lassen. Dennoch rechnete zu jenem Zeitpunkt niemand mehr mit einem solchen Schritt. Dänemarks Coach Richard Möller-Nielsen hörte der Legende nach im Radio von der Entscheidung, als er im Begriff war, seine Küche zu renovieren. Dazu passt das auch heute noch gerne verbreitete Bild, die Mannschaft sei quasi in Badelatschen vom Urlaubsstrand weg nach Schweden geholt worden.

Image als Ferienfußballer

Doch so ganz stimmt das nicht, immerhin hatten sich die meisten Spieler ohnehin versammelt, um der ehemaligen Sowjetunion, die als »Gemeinschaft unabhängiger Staaten« (GUS) antrat, vor dem Turnier als Sparringspartner zur Verfügung zu stehen. Die verbliebenen acht Tage Vorbereitungszeit nutzte Möller-Nielsen dazu, seinen Kader einzuschwören. Dabei verzichtete der Coach auf zwei Spieler, die der Auswahl gut zu Gesicht gestanden hätten. Michael Laudrup, der wohl stärkste und talentierteste dänische Akteur, weigerte sich nach einem Disput über taktische Fragen, jemals wieder unter Möller-Nielsen zu spielen. Den Liverpooler Profi Jan Mölby ließ der gescholtene Trainer ebenfalls unberücksichtigt.

Feierwut und Übermut

Das Auftaktspiel bestritt Dänemark gegen die hoch eingeschätzten Engländer und gab mit dem Verweis auf konditionelle Defizite die Devise aus, nur nicht verlieren zu wollen. Nach dem Abpfiff war jedoch das englische Team froh, ein 0:0 gehalten zu haben. Trotzdem schien die Party zu Ende zu gehen, bevor sie richtig begonnen hatte. Einem verdienten 0:1 gegen Gastgeber Schweden folgte im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich der frühe Führungstreffer durch Henrik Larsen, doch Jean-Pierre Papin glich nach einer Stunde aus. Nun zeigte sich, wie tief das Image der feierwütigen Skandinavier schon in den Köpfen der Kontrahenten saß, denn Frankreich versuchte, das Unentschieden zu verwalten und hatte einer mitreißenden dänischen Schlussoffensive nichts mehr entgegenzusetzen. Lars Elstrups Jokertor zwölf Minuten vor dem Abpfiff bescherte Dänemark den sensationellen Einzug ins Halbfinale.  

Abgebrüht pflegten die Dänen ihr Image als Ferienfußballer, die ihre Barbecue-Saison in Schweden starten wollten, und die Medien griffen diese Geschichten dankbar auf. So bekannte Flemming Povlsen freimütig, das Team ernähre sich überwiegend von Cola und Big Macs, und Trainer Möller-Nielsen initiierte zur Vorbereitung auf die Partie gegen Frankreich einen Minigolf-Wettbewerb. Das Konzept ging auf, die Mischung aus Vergnügen einerseits und sehr harter Arbeit andererseits ließ die dänische Mannschaft zu einer Einheit zusammenwachsen, die unbekümmert und frei von Erwartungsdruck aufspielte.

Das Halbfinale gegen Titelverteidiger Niederlande entwickelte sich zu einem Kracher. Im dänischen Mittelfeld agierte Brian Laudrup vom FC Bayern nach Belieben und setzte den zweifachen Torschützen Henrik Larsen gekonnt in Szene. Zwar konnten sich die favorisierten Niederländer ins Elfmeterschießen retten, dort aber versagten Marco van Basten die Nerven.

1994 wird der Urlaub nachgeholt

Im Endspiel demonstrierten die Dänen schließlich auch dem letzten Ungläubigen eindrucksvoll, dass ihre Leistungen keineswegs auf Zufall beruhten. Von der ersten Minute an dominierten sie Weltmeister Deutschland. Im Angriff waren sie druckvoll, hinten bestand ein überragender Torhüter Peter Schmeichel die Prüfungen, die ihm gestellt wurden - 2:0 hieß es in Göteborg am Ende für Dänemark.

Doch so plötzlich, wie die Sensation geboren war, verschwand »Danish Dynamite« nach der EM auch wieder. Schmeichel und Laudrup brachten es international zu einigem Ruhm, Torschützenkönig Larsen hingegen konnte sich nirgendwo richtig durchsetzen. Und während der WM 1994 in den USA durften die Dänen dann wirklich Urlaub machen.

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