30.10.2012

1992: Als Werder Bremen den Europapokal gewann

Das Märchen vom Wasserknie

Seite 3/4: Rehhagel greift in die Trickkiste
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Jürgen Stroscher

5. Mai 1992
Noch einen Tag bis zum Finale in Lissabon. Im korsischen Bastia findet an diesem Tag das französische Pokal-Halbfinale zwischen dem SSC Bastia und Olympique Marseille statt. Während des Spiels stürzt eine der Tribünen im Stade Armand Cesari ein. 18 Menschen sterben, 2357 werden verletzt. Werders Profis sind bereits in ihrem Hotel im Lissaboner Stadtteil Estoril, nahe der Formel-1-Rennstrecke, als die Nachricht die Runde macht. Werders Zeugwart organisiert für das Spiel am nächsten Tag schwarze Armbinden.
Otto Rehhagel bittet seine Mannschaft zu einer späten Sondersitzung. Und gibt bekannt, dass statt Stefan Kohn Routinier Klaus Allofs gegen den AS Monaco in der Startformation stehen wird. Wynton Rufer ist schockiert. »Ich hatte für das Spiel extra meinen Vater aus Neuseeland einfliegen lassen. Er war schon immer mein größer Kritiker. Um seine Erwartungen etwas zu dämpfen, hatte ich ihm bereits Tage vor dem Spiel gesagt: ›Monaco ist Favorit, wir werden dieses Spiel nicht gewinnen. Aber wir stehen im Finale und das ist doch auch was!‹ Nach der Sitzung rief ich ihn an: ›Dad, Rehhagel stellt Allofs auf! Jetzt verlieren wir auf jeden Fall…‹«
Rufers Angst ist nicht unbegründet, wegen verschiedener Wehwehchen hat der inzwischen 35-jährige Allofs zuletzt nur wenige Spiele von Beginn an bestreiten können und in der Erinnerung von Wynton Rufer »quasi kein Kniegelenk mehr, nach jedem Training waren seine Knie voll mit Wasser!« Der Kommentar von Klaus Allofs 20 Jahre danach: »Fußballer sind gute Märchenerzähler. Mit jedem Jahr ist mehr Wasser in meinen Knien, bin ich schwerer verletzt. Aber das war Quatsch. Wenn ich wirklich so gehandicapt gewesen wäre, hätte mich Otto niemals aufgestellt. Ich war am 6. Mai 1992 durchaus ein vollwertiger Fußballspieler.«
Trotzdem ist Rehhagels Entscheidung eine Überraschung, mit der wohl niemand gerechnet hatte. Thomas Wolter meint dazu: »Große Trainer treffen eben große Entscheidungen. Das war so eine Entscheidung.« Selbst Wynton Rufer sagt heute: »Es war ein Kniff! Klaus hatte in drei Jahren für Olympique Marseille und Girondins Bordeaux 34 Tore in 90 Spielen erzielt. Die Franzosen hatten Respekt vor ihm.«

6. Mai 1992 – Morgens
Die mitgereisten Pressevertreter haben noch einige Fragen an Otto Rehhagel. Als das Thema Klaus Allofs abgehakt ist, geht es um Torwart Jürgen Rollmann. Ist der Ersatzmann von Oliver Reck dem Druck gewachsen, und vor allem: Genügt er den Ansprüchen eines Europapokalendspiels? Rehhagels Antwort: »Wenn ich alle Torhüter der Welt zusammen hole und ihnen sage: Wer sich für den Besten hält, bitte zwei Meter vortreten, steht Rollmann schon da!« Am Selbstvertrauen von Jürgen Rollmann muss bei Werder Bremen wirklich niemand zweifeln.

6. Mai 1992 – noch eine Stunde bis zum Anpfiff
Als Thomas Wolter das Stadion des Lichts von Lissabon betritt, um sich aufzuwärmen, ist er entsetzt: Nur 13.000 Zuschauer verteilen sich in der 130.000-Zuschauer-Schüssel. Ein trauriger Anblick. »Ich fand das schlimm. Wir spielten in einem Finale, da wollte ich auch Final-Atmosphäre! Immerhin haben die paar Tausend Werder-Fans ordentlich Rabatz gemacht. Trotzdem war das eher eine Stimmung wie bei einem Freundschaftsspiel.«

6. Mai 1992 - noch 15 Minuten bis zum Anpfiff
Otto Rehhagel kritzelt ein letztes Mal die Aufstellung an die Tafel: Rollmann, Bratseth, Wolter, Borowka, Bockenfeld, Votava, Eilts, Neubarth, Bode, Rufer, Allofs. Werder ist gegen Monaco, das mit George Weah, Emmanuel Petit, Youri Djorkaeff und Rui Barros über herausragende Fußballer verfügt, nur Außenseiter.
Es wird still in der Bremer Kabine. Uli Borowka erinnert sich: »Ich schloss die Augen und versuchte, mich zu konzentrieren, mich einzig und allein auf dieses Spiel zu fokussieren. Zwei Minuten lang war es mucksmäuschenstill in unserer Kabine. Wie Mitglieder einer Sekte fühlten wir uns alle irgendwie auf übersinnliche Art und Weise miteinander verbunden. Solch einen Moment der höchsten Konzentration habe ich nur dieses eine Mal in meinem Leben erlebt, an diesem 6. Mai 1992 in den Katakomben des Lissaboner Stadion des Lichts.«

6. Mai 1992 – Anpfiff
Nur wenige Sekunden sind gespielt, da schießt Uli Borowka seinen Gegenspieler an, der Gegenangriff führt zur ersten Ecke für Monaco. Die Aufregung jst deutlich zu spüren. Jürgen Rollmann faustet den Eckball genau in die Mitte, kann den Nachschuss aber unter seinen Armen begraben.
41 Minuten sind vorbei. Uli Borowka schlägt einen Freistoß in der eigenen Hälfte weit nach vorne und findet an der rechten Strafraumkante den Kopf von Wynton Rufer. Der Neuseeländer befördert den Ball instinktiv in Richtung des Elfmeterpunktes. Von der linken Seite sprintet Klaus Allofs heran. Der Ball titscht einmal, zweimal auf, Allofs ist schneller als sein Gegenspieler und schießt den Ball mit rechts ins Tor. 1:0, Werder führt! »Mit seinem rechten Führhaken hat er den gemacht! Den hatte er doch sonst nur, damit er nicht umfiel«, erinnert sich Allofs Zimmernachbar Manni Bockenfeld. »Märchenerzähler!«, sagt Linksfuß Allofs, »ich habe die Hälfte meiner Tore in diesen Jahren mit rechts erzielt.«
Nach der Halbzeit setzt Monaco Werder mit wütenden Angriffen unter Druck. Doch Jürgen Rollmann hält seinen Kasten sauber.
59. Minute. Einem Franzosen springt der Ball bei der Annahme zu weit weg, Mirko Votava geht rechtzeitig dazwischen und spitzelt den Ball zu Klaus Allofs. Allofs nimmt den Ball an, dreht sich und spielt einen herrlichen Pass in den Lauf von Wynton Rufer. Gut 40 Meter sind es jetzt noch bis zum Tor von Jean-Luc Ettori, Rufer läuft vollkommen umbedrängt auf ihn zu. Behält er jetzt die Nerven?
»Hau doch drauf«, denkt Uli Borowka. »Geh einfach am Keeper vorbei und schieb ein«, denkt Klaus Allofs. Und Rufer? »Mein großes Vorbild ist Pelé. Ich dachte an sein schönstes Beinahe-Tor gegen Uruguay während der WM 1970, als er einen Pass einfach am Torwart vorbeirollen ließ und dann das Tor nur knapp verfehlte. Ich wollte es wie Pelé machen – nur besser!« Doch der Ball von Klaus Allofs ist dafür nicht schnell genug, im letzten Moment spitzelt Rufer das Spielgerät rechts an Ettori vorbei, umkurvt ihn links und hat nun nur noch das leere Tor vor sich. Das sichere 2:0! Aber warum wird der pfeilschnelle Neuseeländer plötzlich immer langsamer? Von hinten rasen zwei Monegassen heran, doch im allerletzten Moment schießt Rufer ein und springt gerade noch so über die Grätsche. »Instinkt«, erklärt er 20 Jahre später. Werder führt mit 2:0. 30 Minuten später ist das Spiel vorbei. Werder hat den Europapokal der Pokalsieger 1992 gewonnen.

>>>>> Die schönsten Bilder von Werders Europapokal-Triumph 1992!

 
 
 
 
 
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