30.10.2012

1992: Als Werder Bremen den Europapokal gewann

Das Märchen vom Wasserknie

Seite 2/4: Schnee in Istanbul, Hass in Brügge
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Jürgen Stroscher

18. März 1992
Istanbul ist immer noch Winterwunderland. Die Bremer Delegation ist sich sicher: Ein Fußballspiel kann heute nicht stattfinden. Stunden später, kurz vor dem Spiel, werden die Deutschen eines besseren belehrt. Der Schiedsrichter lässt die Partie stattfinden. Jetzt hat Werder ein Problem: Weil auch der Zeugwart die Wetterlage in Istanbul falsch eingeschätzt hat, fehlt es den Bremern an passendem Schuhwerk, der Koffer mit den langen Alustollen ist in Bremen geblieben! Die Rettung kommt aus der Luft: Ein Vereinsmitarbeiter bekommt noch einen Platz in einem Flieger voller Werder-Fans, mit dabei: Ein Satz Alustollen und Handschuhe gegen die Kälte.
Das Spiel beginnt. »Mit Fußball hatte das nichts mehr zu tun«, erinnert sich Uli Borowka. Kommt der Ball in die Nähe eines Bremers, lupft der das Spielgerät leicht an und schlägt es so weit wie möglich in die gegnerische Hälfte. Immer wieder fliegen Steine und Feuerzeuge auf den Platz und verfehlen die Spieler nur knapp. Immerhin können sich die Deutschen über einen taktischen Vorteil freuen: Während Istanbuls Spieler lange Unterhosen gegen die Kälte tragen, hat sich die Rehhagel-Elf für nackte Oberschenkel entschieden. Borowka: »Wir froren zwar wie die Schneider, aber sobald einer der türkischen Spieler auf den Rasen klatschte, sogen sich die Baumwollhosen mit Wasser voll.«
Die reguläre Spielzeit ist vorbei. Es steht 0:0, bleibt es dabei, ist Werder im Halbfinale. Doch Schiedsrichter Gitte Nielsen lässt lange nachspielen. Sehr lange. In der 95. Minute fliegt Dieter Eilts mit Rot vom Platz. Eine Minute später segelt eine letzte Flanke in den Bremer Strafraum. Ein Istanbuler erwischt den Pass mit dem Kopf, ein Aufsetzer. Schon mehrmals ist der Ball in diesem Spiel bei solchen Aktionen unkontrolliert weggesprungen. Roman Kosecki steht an der Grenze des Fünf-Meter-Raums und spekuliert genau darauf. Doch der Ball klatscht in den Matsch und bleibt liegen, Oliver Reck stürzt sich auf das Spielgerät. Das Spiel ist beendet. Die Fans aus Istanbul verabschieden den Bremer Mannschaftsbus mit einer Salve aus Steinen. Werder steht im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger.

27. März 1992
Nach einem 1:0-Erfolg gegen Wattenscheid 09 am 21. Februar gelingt Werder gegen Fortuna Düsseldorf endlich wieder ein Sieg in der Bundesliga.

1. April 1992
Das Auswärtsspiel im Europapokal gegen den FC Brügge wird für Werder zum Spießrutenlauf. Als Wynton Rufer zum Aufwärmen auf den Rasen des Olympiastadions läuft, traut er seinen Augen und Ohren nicht. »Das ganze Stadion brüllte uns seinen Hass entgegen, es war der pure Hass. So etwas Schlimmes hatte ich zuvor noch nie erlebt.« Wütend recken die Massen hunderte Plakate in die Höhe. Darauf steht: »Nazis!« und »Nazis raus!«. Wynton Rufer, der Neuseeländern, wünscht sich in diesen Minuten zurück auf seine friedliche Insel: »Ich hätte mir am liebsten selbst ein Schild gemalt: ›Leute, ich bin aus Neuseeland, nicht aus Deutschland!‹« Als Oliver Reck das Tornetz überprüft, wird er mit einer ersten Ladung Wurfgeschosse begrüßt. Feuerzeuge, Steine, sogar ein Messer landet neben Reck auf dem Rasen. Dieses gruselige Schauspiel wird sich im Spiel mehrfach wiederholen. Brügges bulliger Stürmer Daniel Amokachi überrascht die verunsicherten Bremer und trifft bereits in der 5. Minute zum 1:0.
Nach 69 Minuten verletzt sich Oliver Reck an der Schulter. Otto Rehhagel, der sich ebenfalls gegen Beschimpfungen und Wurfgeschosse von der Tribüne wehren muss, schickt Ersatzmann Jürgen Rollmann auf den Platz. Es bleibt beim 0:1. Als der Werder-Bus das Stadiongelände verlässt, hocken Spieler, Trainer und Offizielle im Gang, noch immer sind die Brügger nicht zu beruhigen. Endlich verstummt das düstere Trommeln des Steinhagels.

8. April 1992
Werder fliegt im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Hannover 96 raus. Den letzten Versuch im Elfmeterschießen versenkt 96-Torwart Jörg Sievers gegen seinen Kollegen Jürgen Rollmann sicher.

11. April 1992
Noch vier Tage bis zum Halbfinal-Rückspiel gegen Brügge. Oliver Reck ist wieder gesund. Im Heimspiel gegen Dynamo Dresden steht trotzdem Jürgen Rollmann im Tor. Das Weserstadion ist mit 11.000 Zuschauern nur zu einem Drittel gefüllt. In der 56. Minute stößt Rollmann mit Dresdens Uwe Rösler zusammen, verletzt sich und muss ausgewechselt werden. Werder gewinnt durch Tore von Bode und Eilts mit 2:0.

15. April 1992
Jürgen Rollmann sitzt nur auf der Bank, Oliver Reck, der im Rückspiel gegen Galatasaray Istanbul eine gelbe Karte erhalten hatte und deshalb vorbelastet ist, steht in der Startelf. Das Spiel wird zu einer Geduldsprobe. Marco Bode gelingt nach einer halben Stunde das 1:0. Gegen die schnellen Booy, van der Elst und Amokachi müssen Rune Bratseth, Uli Borowka, Thomas Wolter und Manni Bockenfeld Schwerstarbeit verrichten.
Aus dem Auswärtsblock wird eine Leuchtkugel abgefeuert. Das flackernde Geschoss stürzt in die Bremer Kurve, trifft einen 38-Jährigen in die Brust und zerreißt dem Mann vor den Augen seiner Familie den Brustmuskel. Nur eine Not-OP rettet dem Mann das Leben.
59. Minute. Auf der rechten Außenbahn erkämpft sich Thomas Wolter den Ball, zieht zehn Meter vor dem Strafraum nach innen, macht einen großen Schritt und spielt den Ball dann mit links genau in den Lauf von Manni Bockenfeld. »Schönes Anspiel auf Bockenfeld!«, ruft Sat1-Kommentator Reinhold Beckmann. Bockenfeld lässt den Ball an seiner rechten Körperseite vorbei rollen, dreht sich und schießt. Der Ball schlägt knapp unter der Latte im Tor ein. 2:0. 20 Jahre später gibt Bockenfeld zu: »Ich wusste gar nicht mehr, wo das Tor steht. Ich habe einfach draufgehalten.« Reinhold Beckmann jubelt: »Der Bockenfeld schießt für den SV Werder das 2:0. Das hätte auch niemand prophezeit!« Werder rettet das Ergebnis über die Zeit – und steht erstmals in der Geschichte des Vereins in einem Europapokalfinale. Bitter: Oliver Reck hat seine zweite gelbe Karte im laufenden Wettbewerb erhalten. Für das Endspiel von Lissabon ist er gesperrt.

>>>>> Die schönsten Bilder von Werders Europapokal-Triumph 1992!

 
 
 
 
 
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