30.10.2012

1992: Als Werder Bremen den Europapokal gewann

Das Märchen vom Wasserknie

In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE gedenken wir dem Jahr 1992, einer Zeit der großen Veränderungen im deutschen Fußball. 1992, das war aber auch das Jahr des größten Triumphes in der Geschichte von Werder Bremen. Die wahre Krönung von König Otto Rehhagel geschah im Europapokal der Pokalsieger. Chronik einer märchenhaften Saison.

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Jürgen Stroscher

18. September 1991
Werders Reise durch Europa beginnt am 18. September 1991 in Bacau im Nordosten Rumäniens. Nach einer 1:2-Niederlage gegen die Stuttgarter Kickers reisen die Bremer als 13. der Bundesliga nach Osteuropa. Werders Profis erleben eine Stadt am Rande des Zusammenbruchs. Weil kein Hotel in Bacau in der Lage ist, die Fußballer aufzunehmen, werden sie in einer Bettenburg vom »Deutschen Roten Kreuz« untergebracht. Als Abwehrspieler Manni Bockenfeld einen kurzen Spaziergang durch die Straßen Bacaus wagt, fängt es an zu regnen. Bockenfeld: »Der Regen schmeckte nach Benzin!« Die vollkommen heruntergewirtschafteten Chemie-Fabriken der Stadt haben die Wolken über Bacau mit saurem Regen vergiftet. Werder gewinnt mit 6:0, das Rückspiel knapp zwei Wochen später endet mit 5:0 für die Bremer. Übrigens mit dem wohl schönsten Tor in der Karriere von Stefan Kohn.

23. Oktober/6. November 1991
Werder gewinnt das Achtelfinal-Hinspiel gegen Ferencvaros Budapest mit 3:2. In Budapest reicht ein Tor von Marco Bode kurz nach der Pause zum Weiterkommen. In der Bundesliga steht der Deutsche Meister von 1988 erneut auf Rang 13. Das 0:2 am 16. Spieltag gegen den 1. FC Kaiserslautern sehen gerade einmal 17.000 Zuschauer.

Februar 1992
Im griechischen Restaurant »Santorini« in Delmenhorst nahe Bremen sitzen Uli Borowka, Jonny Otten, Oliver Reck, Günter Herrmann, Manni Bockenfeld und Klaus Allofs samt Anhang beim Ouzo danach. In der Bundesliga hat sich Werder im Niemandsland der Tabelle verloren, im Europapokal der Pokalsieger empfangen die Bremer in wenigen Tagen Galatasaray Istanbul zum Viertelfinal-Hinspiel. Manni Bockenfeld denkt laut nach: »Was machen wir eigentlich, wenn wir den Cup gewinnen?« Stille. Uli Borowka hat schließlich die Idee: »Dann lassen wir uns alle eine Glatze schneiden!« Die Frauen sind entsetzt, die Kollegen in der Klemme. Schließlich einigt man sich: Sollte der Europapokal tatsächlich gewonnen werden, kommen die Haare ab. Raspelkurz zwar nur, aber immerhin. Einzig Uli Borowka besteht auf Nassrasur. Klaus Allofs enthält sich.

4. März 1992
Schiedsrichter Mistkiewicz aus Polen pfeift das Spiel zwischen Werder Bremen und Galatasaray Istanbul an. Das Weserstadion ist mit 30.000 Zuschauer bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehr als die Hälfte der Fans trägt die Farben des türkischen Gastes. Stadt und Verein haben vor dem Spiel ein deutsch-türkisches Völkerfest veranstaltet. Die Stimmung ist trotzdem aufgeladen. Als Roman Kosecki Galatasaray nach 33 Minuten in Führung schießt, ist der Lärm ohrenbetäubend. Otto Rehhagel bringt Stefan Kohn und Marinus Bester, beide schießen jeweils ein Tor. Werder gewinnt mit 2:1.

13. März 1992
Werder verliert vor 10.210 Zuschauern im Weserstadion mit 1:3 gegen die Stuttgarter Kickers. Kurz vor dem Schlusspfiff brüllen die letzten im Stadion verbliebenen Zuschauer »Rehhagel raus!« und: »Reinders! Reinders!«. Uwe Reinders, der ehemalige Bremer, ist eine Woche zuvor bei Hansa Rostock entlassen worden. Mittelfeldmann Thomas Wolter ist geschockt: »Ich spielte seit 1984 für Werder, aber das war das erste Mal, dass wir solche Rufe hörten.« Nach dem Spiel sitzt Wolter in der Kabine und schielt zu seinem Trainer. Haben ihn die Rufe seiner Fans getroffen? »Er war ganz entspannt. Heute bin ich mir sicher, dass ihn dieser Gegenwind nur noch stärker gemacht hat.«

17. März 1992
Einen Tag vor dem Rückspiel im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger hebt in Bremen eine Maschine mit Fußballern, Funktionären und Fußballergattinnen Richtung Istanbul ab. Mit viel Geschick landet der Pilot drei Stunden später auf dem Rollfeld des Istanbuler Flughafens. Die Stadt am Bosporus versinkt im Schneechaos. Ein historischer Wetterumschwung, mitten im März. Am Nachmittag bittet Otto Rehhagel zum Abschlusstraining im Ali-Sami-Yen-Stadion. Seine Spieler sinken auf dem vom Schneematsch ramponierten Rasen bis zu den Knöcheln ein, ein ein vernünftiges Training ist nicht zu denken.
Es ist 23 Uhr, als im Hotelflur auf der Etage, auf der die Gäste aus Deutschland untergebracht sind, eine Glastür zerschlagen wird. Der Krach lockt die Fußballer aus ihren Zimmern, ratlos stehen Werders Profis im Pyjama in ihren Türen und suchen nach der Ursache für die nächtliche Störung. Otto Rehhagel schickt seine Schützlinge wieder in die Betten. Eine halbe Stunde später schrillt der Feueralarm, die Hotelbesucher eilen in den Innenhof. Fehlalarm. An Schlaf ist weiterhin nicht zu denken: Eine Horde türkischer Fans kurvt hupend über den Hotelparkplatz und kann erst nach einer Stunde verscheucht werden.

>>>>> Die schönsten Bilder von Werders Europapokal-Triumph 1992!

 
 
 
 
 
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