1986, als das Leiden begann

»Toni, halt den Ball!«

Niemand beschrieb das Leiden im Fußball so gut wie Kommentator Rolf Kramer beim Finale der WM 1986. Dabei genügte ihm ein einziges Wort: »Nein!« Ein Rückblick auf den Anfang vom Fansein – ganz unten, geschlagen, allein.

1986, als das Leiden begann

Als ich Fußballfan wurde, war ich neun Jahre alt. Zuvor war ich nichts als ein Schwärmer. Einer, der kein Leiden kannte, der nicht wusste, was es heißt, wieder aufzustehen, weil er niemals unten war.

1984 fand ich Olaf Thon super, weil er die selben Jeans trug wie ich (Paddock's), doch schon eine Woche später war Matthias Herget mein Held, denn seine Rückennummer (5) war auch mir in der örtlichen F-Jugend durch Losverfahren zugefallen. Matthias Herget umwehte zudem etwas Geheimnisvolles, er lief stockartig, zugleich aber geschmeidig und souverän. Ein Schlangenmensch gefangen in harten Baumrinden.

Wenn fortan Freunde meines Vaters zum Skat in unserem Wohnzimmer saßen und mich fragten, für welchen Fußballverein mein Herz schlage, antwortete ich also siegesgewiss: »Bayer Uerdingen.« Bayer Uerdingen, dort, wo sich Anfang der Achtziger drei Rentnergruppen und acht Hunde hinverirrten. Mein Vater versuchte seinen grummelnden Hamburger Skatjungs plausibel zu erklären, dass mein in Hamburg sehr exklusives Fandasein mit der Herkunft meiner Mutter (Krefeld) zusammenhänge, natürlich aber wolle er mich bald mal zu einem richtigen Verein (HSV, FC St. Pauli, Altona 93) mitnehmen. Besser machte es die Sache nicht. An einem Wochenende im Frühjahr 1984 stellte ich den Rekord im Halswenden ein: Freitagabend noch Altona-Fan, Samstag schon glühender HSV-Verehrer und am Sonntag, bei einem Nieselregenkick zwischen 2000 Lederjackentypen, plötzlich St. Pauli-Anhänger. Immerhin konnte ich mich nicht für den Gegner begeistern. Vielleicht weil ich erkannte, dass dieser (Fortuna Köln) noch weniger Fans hatte als Bayer Uerdingen.

Dann kam die WM 1986 – mein erstes bewusst erlebtes Turnier. Zwar hatte ich schon zwei Jahre zuvor, während die EM in Frankreich stattfand, vornhemlich in einem Frankreich-Trikot mit Michel-Platini-Aufdruck geschlafen, doch wer dieser Platini war und warum er die 10 trug, verstand ich nicht. Ich mochte den Stoff. Synthetik auf meiner Haut.

Die WM – noch schöner als Synthetik auf der Haut

1986 wurde alles anders. Bis dahin hatte Opa mir bei seinen wöchentlichen Besuchen vornehmlich Kinder-Bibeln oder Gesangsbücher aus der Kirche (für Kinder) mitgebracht. Nun stand er in der Tür, hatte ein Panini-Album unter dem Arm, dazu etwa 200 bis 300 Tüten und ein Lächeln im Gesicht. Er erklärte: »In zwei Wochen fängt die Weltmeisterschaft an!« Das klang großartig – und fühlte sich noch besser an als Synthetik auf der Haut.

Ich fing an zu kleben. Und zunächst ging alles weiter wie bisher, die verehrten Stars gaben sich im Fünf-Minuten-Takt vor meinem imaginären Schrein die Klinke in die Hand. Da dachte ich, in der einen Tüte meinen wirklichen Helden gefunden zu haben (Tigana), fand ich in der nächsten Tüte einen anderen (Scifo), der zwei Risse später noch übertrumpft wurde (Socrates).

Mein Opa (Rentner) saß mir zumeist gegenüber im Sessel, rauchte Pfeife, las ein Buch oder die Bibel, nickte zu diesem Namen, grummelte etwas zu jenem. Paff. Während er sprach, roch es nach Lebkuchen und Tannenzweige, im Juni, und der Geruch der Zigarren war wohltuend. Gelegentlich referierte Opa in dieser sommerlichen Weihnachtsatmosphäre kurz über die Spieler. Als ich etwa das Maradona-Bild aus der Tüte zog, legte er geschwind Bücher und Pfeife zur Seite und hielt einen Monolog über die Kunst des Stürmens, über die Villas in Buenos Aires, über den kleinen Jungen, der vor einiger Zeit bei Boca Juniors, dann bei Barcelona und nun in Neapel spielte. Buenos Aires, Barcelona, Neapel. Ich kannte die Ostsee, die Wingst, auch die Algarve in Portugal, doch klang diese nach drei Jahren Urlaub in Folge mittlerweile auch wie ein Kurort bei Scharbeutz. Maradona – schon der Name hatte das Antlitz von Welt und Ferne, von Unterwegs und Zauberei.

Als das Turnier begann, fieberte ich mit der UdSSR, mit Belgien und Uruguay, und nach Dänemarks 2:0-Sieg über Deutschland nahm ich an, die Dänen seien unschlagbar, die beste Mannschaft der Welt. Deutschlands Fußball war hingegen bieder, die Mannschaft ächzte sich über die Runden. Während jedes Spiels: Ächz. Schon die Gesichter der Spieler sahen im Zweikampf und während sie grätschten und selbst an spielfreien Tagen auf der Terrasse unter den 1000 Sonnen von Mexiko so aus: Ächz!

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