1984: Frankreich gegen Spanien

Die Champagnerkicker

Mögen die Weltmeister um Zidane auch mehr Titel gesammelt haben, so lässt doch eine andere französische Fußballergeneration Ästheten fast noch mehr mit der Zunge schnalzen. Platini, Tigana, Giresse – 1984 schlug ihre Stunde. Der Europameister 1984: Frankreich

Es war der Moment, als die Last unermesslich zu werden drohte. Als wäre die Niederlage bereits besiegelt, saß Michel Platini in einer Ecke der Mannschaftskabine. Die Kapitänsbinde der französischen Nationalelf hatte er neben sich gelegt, als wollte er mit dem Ablegen der Binde den Druck von sich nehmen. Wie kleine Kinder waren die Franzosen in der ersten Hälfte des großen Finales vorgeführt worden. Das »Orchestre bleu«, wie die heimische Presse das Team bereits vor dem Endspiel bewundernd genannt hatte, war mit Pfiffen in die Halbzeit geschickt worden. »Es war ein schreckliches Gefühl«, erinnerte sich Platini später. »Wir dachten, wir schaffen es nicht.«

Wie keine Mannschaft zuvor hatten die Spanier dem großen EM-Favoriten im Prinzenpark zu Paris 45 Minuten lang die Grenzen aufgezeigt. José Antonio Camacho hatte den großen Platini neutralisiert und damit die brillante französische Mittelfeldachse weitgehend außer Gefecht gesetzt. Nicht anders war es nämlich Alain Giresse ergangen, der von Juan Antonio Señor in den spielerischen Würgegriff genommen wurde. Dagegen hatte sich Außenseiter Spanien beste Chancen erspielt. Frankreichs Verteidiger Patrick Battiston hatte nach einer halben Stunde in höchster Not den Ball von der Linie geköpft. Sekunden vor dem Halbzeitpfiff schien der Rückstand besiegelt, doch konnte Yvon Le Roux den bereits enteilten Francisco José Carrasco so eben stoppen.

»Die EM muss zu einem großen Erfolg werden«

Die Krawatte gelöst, das Hemd leicht aus dem Hosenbund hängend, war Trainer Michel Hidalgo mit seiner Mannschaft erschöpft in die Kabine gewandert. Für diesen großen Abend hatte er sich extra edelsten Zwirn aus Pariser Boutiquen kommen lassen. Nun jedoch sah er alles andere als elegant aus. Der große Erfolg schien plötzlich so weit entfernt wie Frankreich von Alaska. Würde er, der große Psychologe, es schaffen, sein Team wieder aufzubauen? Hidalgo wusste es nicht.

Eine Niederlage im großen Finale, das war den Spieler und ihrem Trainer in der Kabine klar, würde ihnen von den Fans und der Presse nicht verziehen werden. Zu viel stand auf dem Spiel. Immerhin hatte Frankreich gewaltige organisatorische Anstrengungen für den Titelgewinn im eigenen Land unternommen. Für heute umgerechnet 68 Millionen Euro waren die sieben Stadien in Paris, Lens, Lyon, Nantes, St. Etienne, Straßburg und Marseille modernisiert worden. Ein Aufwand, für den Fernand Sastre, der Präsident des französischen Fußballverbandes, einen hohen Preis einforderte. Unmissverständlich machte er bereits vor dem Turnier klar: »Die Europameisterschaft 1984 muss zu einem großen Erfolg werden. Nicht nur organisatorisch, auch sportlich.«

Ein Schmelztiegel der Fußballkulturen

Mit einem Triumph im eigenen Land wollte man sich endlich bei den großen Fußballnationen einreihen. Spärlich waren die Erfolge bei den vergangenen Weltturnieren gewesen: ein dritter Platz bei der WM 1958 in Schweden, ein vierter Rang 1982 in Spanien. Noch schlimmer die EM-Bilanz: Nur 1968 hatten die Franzosen die Gruppenspiele überstanden, sonst waren sie immer vorzeitig gescheitert. Jetzt aber standen sie endlich im Finale, und das alles andere als unverdient.

Hidalgo hatte die Worte des Präsidenten ernst genommen. Unmittelbar nach der französischen Meisterschaft hatte er seinen Kader zusammengezogen und die Abgeschiedenheit der Pyrenäen gesucht. In einem idyllischen kleinen Ort verrichtete man die körperliche Basisarbeit. Höhentraining für den Gipfelsturm, so lautete das Motto in Font Romeu. Und tatsächlich schien die Rechnung aufzugehen. Wahren Champagner-Fußball spielten die Franzosen in der Gruppenphase, technisch brillant, und gewannen ihre Spiele gegen Dänemark, Belgien und Jugoslawien nahezu mühelos. Alles schien der »Équipe Tricolore« zu gelingen: schnelle Rhythmuswechsel, raumgreifende Konter. Ein Mittelfeld wie aus einem Guss dominierte die Gegner scheinbar nach Belieben. Die Presse jubelte: »Offensivfußball vom Feinsten«, »Europas Brasilianer«, »Platinissimo«. Wie ein Schmelztiegel der Fußballkulturen spielten der dunkelhäutige Jean Tigana, der Hüne Bernard Genghini und der kleine Alain Giresse. Hinzu kam die Genialität des Kapitäns Michel Platini, des Stars von Juventus Turin.

Ernsthafte Probleme hatte das Starensemble nur im Halbfinale gegen Portugal, doch in der Verlängerung, nach 119 Minuten, gelang Platini das Tor zum 3:2. »Denkt an Font Romeu! Denkt an Frankreich!« Der Titel schien mit dem Halbfi nalsieg bereits gewonnen, Spanien gar ein unwürdiger Gegner für das Endspiel. Berauscht und siegesgewiss präsentierte sich die heimische Presse. »Paris Soir« schrieb: »Die Platini-Bande ist klarer Favorit.« »La Marseillaise« sah bereits ein neues Zeitalter anbrechen: »Eine neue Dimension des Fußballs ist erreicht. Frankreich dominiert Europa.« Und der »Figaro« prognostizierte am Finaltag: »Der größte Tag in der Geschichte des französischen Fußballs ist angebrochen.«

Die weißen Südamerikaner

Doch dann waren sie an ihrem großen Tag vorgeführt worden und die Spanier schienen ihnen den sicher geglaubten Titel noch zu entreißen. »Denkt an Font Romeu! Denkt an Frankreich! Denkt an den Sieg!« Es waren schlichte Worte, die Hidalgo in der Halbzeit wählte. Und es waren die richtigen. Nur eine Halbzeit benötigte die französische Auswahl, um zu einer Jahrhundertelf zu werden. Wie verwandelt kam sie aus der Kabine. Das Mittelfeld wirbelte, Angriff und Verteidigung gingen nahtlos ineinander über. Die Erlösung nach 57 Minuten: Freistoß Platini, ein Direktschuss, kunstvoll um die Mauer gezogen. Spaniens Torhüter patzt, der Ball landet im Tor. Die Entscheidung ist dies noch nicht, doch die Angriffsbemühungen der Spanier scheitern ein ums andere Mal.

Sekunden vor dem Abpfiff dann die Entscheidung: Platini bindet Camacho, Tigana passt auf Bruno Bellone. Ein Heber, 2:0. Die Franzosen, die weißen Südamerikaner, sind Europameister. Eine Viertelstunde später streckt Michel Platini den Pokal in den Pariser Himmel. Die Kapitänsbinde trägt er stolz an seinem linken Oberarm.

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