1979: Wie sich ein Lottogewinner einen Klub kaufte

Sonnenkönig in Kreisliga III

Als Günther Storbeck im Dezember 1979 einen sechsstelligen Betrag im Lotto gewinnt, denkt er keine Minute an Luxusschlitten und Kreuzfahrten. Er investiert die gesamte Summe und noch mehr in einen eigenen Fußballklub. 1979: Wie sich ein Lottogewinner einen Klub kaufteimago
Heft #90 05/2009
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Die Sonne schien durch die Straßen, und geschäftige Männer mit silbernen Armbanduhren und Aktentaschen unter dem Arm eilten zu den Bushaltestellen, elegante Damen mit Sonnenbrillen groß wie Schallplatten und Haaren so voluminös wie Opernarien flanierten über den Marktplatz in Hamburg-Eppendorf, dort, wo die Fassaden der Boutiquen glänzten, als putzte man sie täglich, wo die Welt Anfang der 80er Jahre sauber, aufgeräumt und vor allem eines war: in Ordnung.

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Günther Storbeck platzte in die Scheinidylle der Normalität wie ein Revolutionär in sein erkämpftes Territorium. Halbnackt saß er auf dem Rücken eines Esels, flankiert von seinen Schergen, seinen Mitkämpfern: den applaudierenden Barfliegen. Ein Gruß in die Menge, da hinten sah er die verdutzten Gesichter der Geschäftsmänner, vorne wendeten sich die Gattinnen ab und zogen ihre wohl behüteten Kinder weg von dem nackten kleinen Mann auf dem zerzausten Tier. Günther Storbeck, den seine Freunde nur »Gummi« nannten, weil sein Körper so biegsam und flexibel schien wie ein Deuserband, löste an diesem 21. August 1981 ein Versprechen ein. Eine Woche vor dem Finale im Hamburger Pokal gegen den Lokalrivalen SC Victoria-Hamburg hatte er am Tresen großspurig verkündet: »Wenn wir das Spiel gewinnen, reite ich nackt auf dem Esel durch Eppendorf.«

Und als er an diesem Tag die Straße entlang ritt, vorbei an den hupenden Autos und prunkvollen Jugendstilvillen, glaubte Storbeck wieder einmal die Zukunft zu sehen. Da blitzten Bilder auf, von der Bundesliga, vom Europapokal, Horst-Hrubesch-Kopfbällen, und Manni-Kaltz-Flanken, die Spieler seines Lieblingsklubs, gegen den die Eppendorfer SG, Storbecks Verein, bald schon spielen würde.

Vom einstigen Malermeister zum Lotto-König

Alles beginnt an einem Samstagabend im Dezember 1979 mit sechs Zahlen und einem Telefonanruf. Günther Storbeck feiert Weihnachten im »Suppenkeller«, einer verrauchten düsteren Eck-Pinte in Hamburg-Eppendorf, wo die gut Betuchten aus der »bel étage« des Viertels noch nicht verkehren, wo die Geschichten selten ein Happy End finden und sich verlorene Seelen inmitten der Hamburger Innenstadt am ausfransenden Rand festklammern, als würden sie hier gebettet wie auf Moos. Storbeck feiert Weihnachten mit Freunden, als auf einmal der Wirt durch den Raum schreit: »Gummi, deine Alte will dich sprechen!« Durch die Muschel hört Storbeck seine Ehefrau, die mittlerweile siebte, schwer atmen: »Gummi, geht’s dir gut?«, fragt sie. »Ja, was ist denn?« – »Halt dich mal fest: Du hast sechs Richtige!« Storbeck blickt auf seinen Lottoschein, lässt sich die Zahlen noch mal vorlesen: 3, 14, 26, 31, 43, 45 – das sind die Zahlen. Seine Zahlen. 446.000 Mark sein Gewinn.

Storbeck, der bis dahin als Malermeister gearbeitet hatte, feiert bis in den Morgengrauen. Waren die Zechkumpane vorher gute Freunde, sind sie nun seine besten. Allesamt. Und Storbeck will nicht geizig sein, er spendiert und spendiert. Doch bleibt es zunächst bei Getränken. Lediglich seiner Frau kauft er für 240.000 Mark eine Eigentumswohnung. Was machst du mit dem Rest?, fragen seine Jungs. »Ich gründe 'nen Fußballverein«, sagt Storbeck. 

Und tatsächlich: Storbeck macht Ernst. Er grast die Spieler-Shopping-Meile ab und schon wenige Wochen nach der Gründung hat das wild zusammgestellte Team auf den Grandackern in den umliegenden Stadtteilen, in den Tiefen der Amateurligen, den Namen »Eppendorfer Millionarios« weg. Storbeck stört das wenig. Im Gegenteil. Er sonnt sich.

Und er spielt mit. Auch weil er mehr sein will als nur ein Gönner im Hintergrund, ein Mäzen, der eines Tages den Fußball als Spielzeug für sich entdeckte. Weil sich kein besserer Torwart findet, stellt sich Storbeck, der in jungen Jahren – so erzählt man sich am Tresen – in der niederländischen Ehrendivisie bei Twente Enchede spielte, zwischen die Pfosten. Mit 54 Jahren. Den Platz würde ihm der neu verpflichtete Trainer nicht streitig machen, schließlich hat er als Präsident und Manager in Personalunion sämtliche Stricke in der Hand.

Auch die Mannschaft wird ihn nicht hinterfragen, da ist sich Storbeck sicher. Denn als die Eppendorfer SG in der Hamburger Kreisliga III an den Start geht, bietet er seinen Spielern jeden Luxus, den er sich früher, als er davon träumte im Tor des Hamburger SV zu stehen, ausgemalt hatte. Die Spieler bekommen edle Trikots – in dreifacher Ausführung –, neue Stollenschuhe, sie dürfen in der Boutique von Rudi Kargus Seidenhemden einkaufen und fahren zu Auswärtsspielen ins 500 Meter entfernte Lokstedt mit dem neuen Mannschaftsbus der US-Firma Dodge. Das wichtigste aber ist die eigene Vereinskneipe, in der nach Siegen – und auch nach Niederlagen – das Bier in Strömen fließt. Die Kneipe, die zunächst »Der Bierbrunnen« heißt und später »Sport-Eck«, wird nicht nur zur Stätte ungezählter Lokal- und Hausrunden, sondern auch zum Ort für Sitzungen und den steten Dialog. Für Illusionen und Träume. Für Barfliegen und Schulterklopfer.

Trikots, Seidenhemden und eine mobile Flutlichtanlage

Hier, im Kreis seiner alten Wegbegleiter, trägt Storbeck seine Ideen vor, doch nicht, um sie zur Diskussion zu stellen, sondern um das Glitzern in den Augen seiner Gäste zu sehen. Die Anerkennung ist ihm gewiss, bald singen sie im Kanon an der Theke von Erstligafußball und Europa. Und sie nicken voller Vorfreude, als Storbeck erzählt, dass er in einen eigenen Platz investieren will, und sie applaudieren, als er eine mobile Flutlichtanlage für 18.000 Mark auf dem neuen Heimspielplatz errichten lässt.

Doch noch bevor die Eppendorfer SG das nächste Heimspiel austrägt, ist die Anlage wieder verschwunden. Storbeck und sein Anhang vermuten die Konkurrenz aus den anderen Stadtteilen, die neidisch und vor allem erzürnt auf das blickt, was der Sonnenkönig vorhat. Denn Storbeck schleicht weiterhin Woche für Woche über die Grandplätze von Hamburg – stets auf der Suche nach neuen Spielern für sein Projekt. Eine Handvoll Landesligaspieler verpflichtet er mit der Aussicht auf Siegprämien, Handgeld. Als die Spieler zum ersten Training auflaufen, steht auch die neue Flutlichtanlage. Dieses Mal ist sie fest im Boden verankert.

Storbecks Eppendorfer SG startet phänomenal, das Team steigt gleich in der ersten Saison in die Bezirksliga auf, nahezu jeder Gegner wird vom Platz geschossen. Auch das Interesse der Zuschauer wird größer, und als die Eppendorfer SG dann im Hamburger Pokal gegen die zwei Ligen höher spielenden Victorianer mit 3:2 gewinnt, gibt es kein Halten mehr. Nachdem Storbeck mit dem Esel seine Runde in Eppendorf gedreht hat, wird im »Bierbrunnen« wieder einmal die Nacht zum Tage gemacht. Längst scheint dieses Fantasiegebilde Profifußball in den Nebelschwaden greifbar.

Doch der Pokalsieg soll der letzte kleine Triumph sein. Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Mannschaft stößt in der Bezirksliga an ihre Grenzen, Spieler fordern Geld, das nie versprochen wurde. Immer wieder verweisen sie auf den Lotto-Gewinn. Doch »Gummi« spielt das Spiel nicht mit. Zumal das Geld längst aufgebraucht ist. Ein Jahr später steigt die Mannschaft aus der Bezirksliga ab, und sie löst sich vollends auf, als man in der darauf folgenden Saison 1983/84 wieder in der Kreisliga III spielt und am Ende den letzten Platz belegt. Mit einem einzigen Punkt.

Zu dem Zeitpunkt fragt niemand mehr, wie der Klub zu retten sei, wohin das ganze schöne Geld wanderte – jeder weiß, dass man es gemeinsam am Tresen verprasst hat. Einige seiner Kumpels beteuern später, Storbeck sei der geborene Macher gewesen, der Günter Netzer von Eppendorf, andere sind realistischer, sehen seine Kenntnisse in Betriebswirtschaft auf dem Niveau eines Einsteiger-BWL-Kurses an der örtlichen Volkshochschule.

Auch ein weiterer Lottogewinn in Höhe von 30.000 Mark kann Storbeck nicht retten. Er ist längst bankrott, hat weit mehr verpulvert als nur die 446.000 Mark vom ersten Gewinn. Und auf einmal steht er vor einem riesigen Schuldenberg, einer geschlossenen Tür seiner Vereinskneipe, und nicht die Spieler an seiner Seite halten die Hand auf, sondern der Gerichtsvollzieher. Storbeck stürzt in die Arbeitslosigkeit. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, hilft in den nächsten Jahren ab und zu beim HSV aus, ist so etwas wie ein »Mädchen für alles«, erledigt Kurierfahrten für den Klub, Malerarbeiten bei den Spielern, verlegt Teppiche oder baut Schränke zusammen.

2004, im Alter von 77 Jahren verstirbt Günther Storbeck nach schwerer Krankheit. Noch bis zuletzt bereut er nichts, das Leben erscheint leicht wie ein Spiel: »Das war doch ein großer Spaß mit dem Klub«, sagt er. »Wir Torhüter lieben halt das Risiko.«

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