1979: Als Bernd Schuster drei Verträge unterschrieb

»Nicht abgezockt, aber naiv«

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Heft #85 12/2008
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Um dem kalten Winter zu entfliehen, hielten wir unser Trainingslager im israelischen Tel Aviv ab. Dort nutzten Hannes Löhr und ich die Gelegenheit, uns ein internationales Jugendturnier anzuschauen. In der deutschen Auswahl fiel uns ein Spieler besonders auf: der Libero, ein blonder Junge namens Bernd Schuster. Er hatte eine tolle Übersicht, ein haargenaues Passspiel und strahlte schon eine unglaubliche Souveränität aus. Für Löhr und mich gab es bei solchen Scoutings stets nur eine Frage: Kann der Spieler in der ersten Mannschaft des FC bestehen? Bei Bernd war die Antwort klar: Er kann es mit Sicherheit! Ein echter Rohdiamant, wie man so schön sagt. Zurück in Köln, leitete ich sofort die notwendigen Maßnahmen ein.

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Bald darauf kam Bernd in unsere Geschäftsstelle. Er war sehr zurückhaltend, fast schüchtern, ein Freund der Familie begleitete ihn. Nach der Vertragsunterzeichnung gratulierten wir einander zu der guten Entscheidung. Natürlich hatten wir geahnt, dass wir nicht die einzigen Interessenten gewesen waren. Doch als wir kurze Zeit später vom DFB darüber informiert wurden, dass Bernd nicht nur bei uns, sondern auch bei seinem bisherigen Verein, dem FC Augsburg, und bei unserem Erzrivalen Borussia Mönchengladbach einen Vertrag unterschrieben hatte, waren wir dann doch ziemlich baff. Damals waren die Sitten noch nicht so verroht wie heute, eine Unterschrift war eine Unterschrift, ein Wort ein Wort. Mit so etwas konnten wir also nicht rechnen. Bernd war allerdings nicht gerissen oder gar abgezockt, vielmehr war er wohl ein wenig naiv. Die Angebote waren immer besser geworden, und so unterschrieb er den jeweils höher dotierten Vertrag, bis es schließlich drei waren.

Es kam dann zu einer Gerichtsverhandlung, die zu unseren Gunsten ausfiel, weil wir als Erste mit ihm einig geworden waren und Bernd sich letztendlich auch für den 1. FC Köln entschied. Mein Gladbacher Kollege Helmut Grashoff klagte zwar auf 600 000 DM Schadenersatz, hatte aber keinen Erfolg. Wir zahlten 125 000 DM plus Mehrwertsteuer an den FC Augsburg, und im Sommer wechselte Bernd zu uns. Er spielte sich – wie auch Pierre Littbarski, der andere Jungspund – allmählich in die Mannschaft. Nach etwa einem Jahr war er zu einer der bestimmenden Figuren im Mittelfeld geworden und wurde als Repräsentant unseres Vereins 1980 Europameister.

Doch als sein Trainer und Ziehvater Hennes Weisweiler zu Cosmos New York ging, wollte Bernd ihm unbedingt folgen. Ich wusste, dass ich ihn nicht halten konnte, und nahm mir vor, eine möglichst hohe Ablöse zu erzielen. Cosmos bot 3,2 Millionen Mark, eine für damalige Verhältnisse unvorstellbare Summe. Doch Bernd erhielt keine Arbeitserlaubnis für die USA. Da signalisierte der FC Barcelona Interesse, und ich reiste nach Spanien, um mit meinem Amtskollegen Juan Gaspard zu verhandeln. Wir wurden uns bei 3,2 Millionen plus Mehrwertsteuer einig.

In Barcelona wurde Bernd zum Weltstar. Seine Frau Gaby führte fortan die Verhandlungen und sorgte dafür, dass er jeweils nur einen Vertrag unterschrieb – und dass sein Gehalt stimmte. Der Kontakt zwischen uns riss leider irgendwann ab. Doch wenn ich ihn heute als großen Trainer von Real Madrid sehe, denke ich immer noch an den schüchternen Jungen, der damals vor mir saß, und freue mich über seine außerordentliche Karriere.  


aufgezeichnet von Dirk Gieselmann

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