1978: WM in Argentinien

Das perverse Turnier

Kaum ein Team wurde bei einer Weltmeisterschaft so gefeiert wie die argentinischen Gastgeber 1978. Doch nebenan wurde gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet. Außerdem sprechen Indizien für einen gekauften Triumph. 1978: WM in Argentinien

Je mehr man über die WM 1978 in Argentinien erfährt, desto klarer wird: Dieses Turnier hätte niemals stattfinden dürfen. Einer der Gründe ist ein freundlich aussehender Gebäudekomplex am nördlichen Ende der belebten Avenida del Libertador in Buenos Aires. Die Anlage liegt in unmittelbarer Nähe des River-Plate-Stadions, wo viele Spiele der Weltmeisterschaft ausgetragen wurden, unter anderem auch das Finale. In diesem Stadion haben Stars wie Mario Kempes, Osvaldo Ardiles und Leopoldo Luque das Publikum verzaubert. Die geradezu hysterischen, in Himmelblau gekleideten Heimfans schrien ihre Freude heraus, als die argentinische Mannschaft Tor um Tor schoss. Als Argentinien schließlich im Finale gegen Holland triumphierte, strömten Millionen Fans auf die Straßen, um den Sieg ihrer Elf mit einer nationalistischen Inbrunst zu feiern, wie man sie nie zuvor in der Geschichte des Spiels gesehen hatte.

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Im besagten Gebäudekomplex an der Avenida sah die Lage derweil ganz anders aus. Die Anstalt ist vor kurzem nachträglich in eine Gedenkstätte umgewandelt worden, doch der ursprüngliche Name prangt noch immer an der Gebäudefront: Escuela de Mecánica de la Armada, kurz ESMA – die Marineakademie. Ein schmiedeeiserner Zaun, der wie eine Kinderzimmertapete mit Booten verziert ist, schmückt die von mächtigen Bäumen und neoklassizistischen Säulen gesäumte großzügige Zufahrt. Folgt man einer kleinen Seitenstraße, gelangt man zu einem L-förmigen Gebäudeblock. Was sich hier in den späten 70ern abspielte, bietet Stoff für jede Menge Alpträume.

»Der Ball ist immer rein«

Diego Maradona war 1978 noch zu jung, um im WM-Aufgebot zu stehen. Doch Jahre später hat er einen einprägsamen Satz gebraucht, um die Integrität des Sports zu betonen. Er gab zu, viele Fehler gemacht zu haben, bestand aber darauf, dass der Fußball an sich unschuldig sei. Wie er es poetisch formulierte: »Der Ball ist immer rein.« Die Weltmeisterschaft 1978 bewies jedoch das Gegenteil: Der Ball kann genauso gut blutverkrustet sein.

Im März 1976 ergriff das argentinische Militär nach einem weithin begrüßten Staatsstreich die Macht. Nach zwei Jahren andauernder Anarchie unter Präsidentin Isabel Perón glaubten die meisten Argentinier naiverweise, dass es von nun an nur noch bergauf gehen konnte. Eine Welle von Entführungen und Anschlägen der revolutionären Linken hatte einen bösartigen Gegenterror von rechts hervorgerufen. Verbrannte, von Kugeln durchsiebte Leichen säumten fast täglich die Straßen von Buenos Aires. 1975 hatte es 1500 politische Morde gegeben, doch nun sollte es noch viel schlimmer kommen. Argentinien hatte bereits reichlich Erfahrung mit Militärdiktaturen gesammelt. In der Vergangenheit hatte man Umstürzler lediglich eingesperrt, irgendwann waren sie wieder frei und kämpften weiter. Das neue Regime, unterstützt von der katholischen Kirche und ausgestattet mit einem ähnlichen Wertesystem wie die Nazis, hatte einen anderen Plan: die physische Vernichtung aller, die ihnen in die Quere kamen. Staatspräsident Jorge Rafael Videla eröffnete im Juni 1978 feierlich das Turnier und überreichte nach dem Finale den WM-Pokal. Drei Jahre zuvor hatte er die Philosophie der Regierung so beschrieben: »Es müssen in Argentinien so viele Menschen wie nötig sterben, damit das Land wieder sicher ist.«

Niemand weiß genau, wie viele Menschen das Regime abschlachten ließ, bevor es 1983 nach dem verlorenen Falklandkrieg gestürzt wurde. Allgemein wird von 30.000 Toten gesprochen. Die ESMA wurde zum betriebsamsten der insgesamt 340 Konzentrationslager. Einer der sadistischsten Folterer nannte sich selbst »Menguele«, in Verehrung des berüchtigten Nazi-Arztes Dr. Mengele. Die Opfer wurden von Zivilpolizisten gebracht, nachdem sie brutal aus ihren Häusern geschleift worden waren. Unter Folter verrieten sie die Namen ihrer Gefährten, die dann ebenfalls entführt wurden. Bald waren beinahe alle 2000 Mitglieder der beiden stärksten linken Gruppierungen tot. Doch der Terror nahm kein Ende und richtete sich gegen eine immer länger werdende Liste von Gruppen: Gewerkschaftler, Studenten, Anwälte, Künstler, Schriftsteller, linksgerichtete Priester, Juden, Psychoanalytiker und Schulkinder. Teilweise wurden ganze Familien ausgelöscht.

Von den 4700 Männern, Frauen und Jugendlichen, welche die ESMA betraten, überlebten nur wenige. Der Begriff »Menschenrechtsverletzung« reicht nicht aus, um dem Geschehen gerecht zu werden. Männliche Gefangene wurden oft gleich bei der Ankunft kastriert, Folter war allgegenwärtig – ob mit elektrischen Schlagstöcken, mit Hunden, durch Waterboarding oder Vergewaltigung. Es gibt keine Worte, die die Gräueltaten beschreiben können, die an weiblichen Gefangenen, insbesondere den schwangeren Frauen, begangen wurden. Die meisten Gefangenen wurden anschließend umgebracht, ihre Leichen zerteilt und vergraben oder auf dem Sportplatz verbrannt. Zur Zeit der Weltmeisterschaft hatte man sich eine neue Entsorgungsmethode ausgedacht: »Todesflüge«. Mit Drogen betäubte Gefangene wurden aus der Stadt ausgeflogen und bei lebendigem Leib in den Atlantik geworfen. Wenn Angehörige versuchten, Erkundigungen über den Verbleib ihrer Liebsten einzuholen, leugneten die Militärs jedes Wissen. Es hieß dann lediglich, die Leute seien desaparecidos, »Verschwundene«.

Während der WM vermischten sich die Freudenschreie der Zuschauer mit den gewohnten Schreien hinter den Mauern der ESMA. Bizarrerweise wurden Gefangene zum Teil sogar eingeladen, sich mit ihren Peinigern Spiele anzuschauen. Am Abend des Finales betrat der Chef-Folterer Jorge »el tigre« Acosta den Raum. Die Überlebende Graciela Daleo erinnert sich: »Er umarmte jeden Einzelnen von uns und rief: ›Wir haben gewonnen, wir haben gewonnen!‹ Ich dachte, wenn er gewonnen hat, haben wir doch verloren. Wenn dies ein Sieg für ihn ist, ist es eine Niederlage für uns.« Die Wachen befahlen dann einigen Gefangenen, in einen grünen Peugeot 504 einzusteigen, und Acosta fuhr mit ihnen durch die Massen, die frenetisch den Sieg Argentiniens feierten. Daleo fragte ihre Bewacher, ob sie aufstehen dürfe, und reckte ihren Kopf aus dem Autodach. »Ich stand auf und sah hinaus. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Ströme von Menschen, die sangen, tanzten und schrien. Ich begann zu weinen, weil ich wusste, dass es niemanden interessieren würde, wenn ich rief, dass ich eine Verschwundene sei. Das war der beste Beweis, dass ich aufgehört hatte zu existieren.«

An dieser Stelle könnte man vielleicht das Plädoyer gegen die Austragung der WM 1978 abschließen. Doch da war noch mehr. Der britische Journalist Brian Glanville, der sich ausführlich mit der Aufarbeitung des Turniers beschäftigt hat, schreibt: »Es gab schmutzige Geschäfte am Scheideweg, viele schmutzige Geschäfte.« Der argentinische Journalist Ezequiel Fernández Moores behauptet: »Die WM 1978 war die offensichtlichste politische Manipulation im Sport seit den Olympischen Spielen 1936.« Einfach ausgedrückt: Jene Männer, die Massenmorde planten und anordneten, planten auch das Turnier. Sie stellten sicher, dass es ihren Interessen diente, und manipulierten die WM, um das Ergebnis zu erzielen, was ihnen am besten in den Kram passte: Argentinien als Weltmeister. Immerhin hielt sich die Euphorie nach diesem Triumph länger als das diktatorische Regime. Es herrscht noch immer Uneinigkeit darüber, wie viel der Durchschnittsargentinier von den Vorgängen wusste und wie viel Mitschuld ihn trifft.

»Natürlich bin ich gegen diese WM. Sie ist eine nationale Katastrophe.«


Andrew Graham-Yooll, ein ehemaliger Nachrichtenredakteur des »Buenos Aires Herald«, bekam bitterböse Briefe von Familienangehörigen, in denen er angefeindet wurde, weil er »in diesem schrecklichen neuen linken Blatt« – gemeint war der »Guardian« – so »böse Dinge« über Argentinien schrieb. Ein Verwandter versicherte ihm, kein Mensch würde in Argentinien umgebracht, alle sollten »kommen und einen schönen asadito (ein Stück Grillfleisch, Anm. d. Red.) genießen«. Die Außenwelt erfuhr von dem Schrecken nur über Menschenrechtsgruppen, allen voran »Amnesty International«. Mit Ausnahme der Madres de la Plaza de Mayo (Mütter, die Auskünfte darüber einforderten, was mit ihren Kindern passiert ist) und einigen wenigen linken Kampagnen in Europa hat niemand gegen die Austragung der Weltmeisterschaft 1978 protestiert. Die Argentinier hatten sogar die amerikanische PR-Firma Boston Marsteller angeheuert, um ihr Image im Ausland aufzupolieren und die Leute zuhause davon zu überzeugen, dass alles in bester Ordnung war und jeder, der etwas anderes behauptete, ein Vaterlandsverräter. Als Menschenrechtsgruppen darauf drängten, die WM an einem anderen Ort auszutragen (die Niederlande wurden als Option gehandelt), wurde dies von den Generälen als europäischer Versuch diskreditiert, nicht in Südamerika spielen zu müssen, wo sie noch nie gewonnen hatten. Der große argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges stand allein auf weiter Flur, als er kundtat: »Natürlich bin ich gegen diese WM. Sie ist eine nationale Katastrophe.«

Als Brian Glanville nach den ersten Vorrundenspielen schrieb, dass es wirke, als würden die Schiedsrichter Argentinien bevorteilen, wurde er von Kollegen und ehemaligen Freunden aufs übelste beschimpft. Fernández Moores glaubt, dass sich die Ziele der Junta im Laufe des Turniers änderten. Zu Beginn war sie in erster Linie daran interessiert, der Welt zu zeigen, dass sie imstande war, eine Veranstaltung dieser Größenordnung zu organisieren. Als ihr Team jedoch immer weiter kam und die Jubelfeiern auf den Straßen größer wurden, entschieden die Generäle, dass Argentinien das Turnier auch gewinnen musste. So wurde die Bühne bereitet für die entscheidende Zwischenrundenpartie gegen Peru, das wahrscheinlich skandalöseste Spiel in der Geschichte der Weltmeisterschaften.

Das Organisationskomitee der WM stand unter dem Vorsitz des rücksichtslosen Carlos Lacoste, einem Protegé von Admiral Emilio Eduardo Massera, dem Oberbefehlshaber der Marine in der Militärjunta. Es war Massera, der das Folterzentrum in der ESMA ins Leben gerufen hatte und in den ersten Jahren auch bei der Durchführung half. Lacoste verdankte seine Position der Ermordung des vorigen Amtsinhabers General Omar Actis. Er wurde später des Mordes an Actis angeklagt, das Verfahren aber im Rahmen einer Generalamnestie für Juntamörder und Folterer eingestellt. Lacostes Komitee hatte beschlossen, dass Brasilien, Argentiniens Rivale für einen Platz im Finale, sein letztes Spiel in der Zwischenrundengruppe am Nachmittag spielen musste. So konnte Argentinien einige Stunden später mit dem Wissen antreten, mit mindestens vier Toren Differenz gegen Peru gewinnen zu müssen, um ins Endspiel zu kommen.

Die Argentinier gewannen schließlich mit 6:0. Ein durchaus überraschendes Resultat, hatte Peru doch Schottland und den Iran in Grund und Boden gespielt und Holland immerhin ein Remis abgetrotzt. Wenn man sich das Spiel heute noch einmal anschaut, muss man Glanville recht geben, dass die Peruaner »offensichtlich gekauft« waren. In den ersten 15 Minuten spielten sie kraftvoll auf, waren sogar das bessere Team und vergaben einige gute Chancen. Dann aber hörten sie urplötzlich auf zu laufen, zu passen und zu grätschen. Argentinien begann ein Tor nach dem anderen zu schießen, ohne dabei von perua-nischen Abwehrspielern nennenswert gestört zu werden.

Die meisten Argentinier behaupten noch heute, dass es ein faires Match gewesen sei. BBC-World-Kolumnist Raúl Fain Binda winkt ab, wenn er auf vermeintliche Abreden angesprochen wird: »Das sind doch nur Gerüchte, gibt es irgendwelche Beweise? In Argentinien war das damals kein Thema, und das ist es auch heute nicht.« Wenn man sich das Peru-Spiel noch einmal ansieht, ist aber die interessantere Frage, wie es manipuliert wurde. Die Enthüllungsjournalistin María Laura Avignolo veröffentlichte 1986 in der »Sunday Times« einen ersten detaillierten Bericht darüber und sah sich in der Folge mit ernst zu nehmenden Morddrohungen konfrontiert. Ihre Thesen wurden später von David Yallop in seinem Buch »Wie das Spiel verloren ging« (über Korruption bei der FIFA) untermauert.
Laut Yallop befahl General Videla Lacoste, das Ergebnis zu manipulieren. Daraufhin verhandelte Lacoste mit drei leitenden Funktionären der peruanischen Delegation.  Man einigte sich auf den Preis: 35.000 Tonnen Getreide sollten nach Peru verschifft werden und eine Zahlung von 50 Millionen Dollar an Perus Machthaber gehen. Dazu bot ein führendes Mitglied der Junta drei peruanischen Spielern je 20.000 Dollar. Carlos Ares, Journalist einer der Junta wohlgesonnenen Zeitung, die direkten Zugang zur Mannschaft hatte, war mehr und mehr davon überzeugt, dass das Spiel manipuliert wurde. Als er diesen Verdacht öffentlich äußerte, drohte Lacoste, ihn umzubringen. Ares flüchtete darauf nach Spanien.

Als Argentinien das vierte Tor schoss, ging die Bombe hoch

Vor dem Spiel besuchte General Videla – begleitet von dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, der sowohl den Fußball als auch lateinamerikanische Diktatoren liebte – das peruanische Team in der Kabine. Er schärfte ihnen ein, wie wichtig die lateinamerikanische Solidarität sei. Die Spieler hatten nie zuvor einen Diktator aus der Nähe gesehen und waren eingeschüchtert. Laut Fernández Moores ist eines der wichtigsten Indizien für einen Betrug, dass just in dem Moment, als Argentinien das vierte Tor schoss, im gut gesicherten Haus von Juan Aleman eine Bombe hochging. Aleman war ein Beamter des Wirtschaftsministeriums, der sich den Zorn Lacostes zugezogen hatte, weil er die WM als Geldverschwendung bezeichnete. Er überlebte das Attentat und war von Lacostes Schuld überzeugt, da nur jemand, der wusste, dass es ein viertes Tor geben würde, die Bombe in eben diesem Moment zünden lassen konnte.

Im folgenden Finale sind viele der argentinischen Vergehen »normalem« unsportlichen Verhalten zuzuschreiben. Die Mannschaft kam zu spät aus der Kabine und protestierte gegen René van de Kerkhofs Handmanschette, Kapitän Daniel Passarella rammte Johan Neeskens den Ellenbogen ins Gesicht, und man spielte auf Zeit. Aber auch die Holländer spielten schmutzig und begingen Dutzende von Fouls. Für Brian Glanville bleibt das Spiel aus einem anderen Grund ein Rätsel: »Die Argentinier waren nach 90 Minuten tot. Dann kamen sie zur Verlängerung wie neugeboren aus der Kabine. Wie das möglich war, weiß ich einfach nicht. Sie waren mit Abstand das spritzigere Team in der Verlängerung und gingen weitaus mehr Tempo. Doch sollten sie tatsächlich irgendwelche Aufputschmittel genommen haben, wäre es schwierig gewesen, das so kurz vor der Verlängerung zu tun. Und wenn sie sie vorher genommen hatten, warum entfaltete sich die Wirkung so spät? Ich weiß es einfach nicht, aber ich finde die ganze Sache nach wie vor sehr dubios.« Der Buchautor Jimmy Burns behauptet, mehrere Informanten hätten ihm verraten, dass »ein Großteil der argentinischen Spieler derart mit Drogen vollgepumpt war, dass sie nach dem Abpfiff weiterrennen mussten, weil sie so aufgedreht waren«. Laut David Yallop standen viele der argentinischen Spieler das gesamte Turnier über unter Drogeneinfluss und flogen nur deshalb nicht auf, weil sie Urinproben ihrer Betreuer abgaben.

Inmitten des kollektiven Freudentaumels waren selbst die Opfer der Unterdrückung verwirrt. Rechts oder links, Folterer oder Opfer, alle Argentinier lieben den Fußball. Der Schriftsteller Pacho O‘Donnell verfolgte die WM aus seinem Exil in Madrid am Fernsehgerät. Er war sich nicht sicher, ob er Tränen der Freude oder der Trauer vergoss, als Kempes und Bertoni in der Verlängerung trafen. Im Vorfeld und während des Finales hatten einige holländische Spieler befürchtet, dass sie die Stadt nicht lebendig verlassen würden, wenn sie gewännen. Fernández Moores glaubt jedoch, dass die Niederländer sicher waren und sich vielmehr das Regime in Gefahr befand. »In den Jahren der Diktatur war es verboten, sich auf der Straße aufzuhalten. Während der WM war das ganze Land auf den Straßen und tanzte, sang und feierte. Ich glaube, dass das Militärregime gestürzt worden wäre, hätte Argentinien verloren.«
So aber schwammen die Generäle auf einer Welle der Begeisterung. Der Einmarsch auf den Falklandinseln 1982 war zu einem großen Teil der Versuch, das Gefühl nationalistischer Einheit wiederherzustellen, das die WM 1978 freigesetzt hatte. Es wäre ihnen sicher auch gelückt, wenn sie den Krieg gewonnen hätten. Jimmy Burns war zu jener Zeit in Buenos Aires und beobachtete, wie die Schizophrenie von 1978 jetzt den gegenteiligen Effekt hervorrief. »Als Argentinien 1982 den Titel während des Falklandkrieges verteidigen wollte, sah ich dieselbe kollektive Verblendung. Im staatlichen Fernsehen wurde über den Krieg berichtet, als handele es sich um ein Fußballspiel. Gleichzeitig waren sich alle sicher: ›Wir holen den Pokal!‹ Und dann dieser unglaubliche Zufall: In dem Moment, als der Traum zerplatzt – Argentinien verliert gegen Brasilien, und Maradona sieht Rot – fallen die britischen Truppen in Port Stanley ein, und das gesamte militärische Verteidigungssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus.«

Argentinien hat nie einen ähnlichen Prozess durchlaufen wie die Entnazifizierung in Nachkriegsdeutschland oder die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Es gibt keine allgemein akzeptierte Version dessen, was geschehen ist. Es gab zunächst nur neun Prozesse gegen Junta-Führer, und es wurde eine Reihe von Amnestien gewährt, die erst vor kurzem rückgängig gemacht wurden. Dementsprechend bleibt der »schmutzige Krieg« ein schwarzes Loch, in den das moderne argentinische Politik- und Kulturleben hineingesaugt wird.

Wenn es um die Weltmeisterschaft 1978 ging, zogen es die meisten Argentinier bislang immer vor zu leugnen, dass das Turnier eine dunkle Seite gehabt hat. Stattdessen sahen sie die WM als einen Moment der Freude und Erleichterung in einer dunklen Zeit. Ein Ereignis, das nichts mit den Generälen zu tun hatte, ja, dem sogar ein Element von Trotz gegen das Regime innewohnte. Immerhin hatte Trainer César Luis Menotti sich nach dem Finale geweigert, Videlas Hand zu schütteln. Man tröstete sich damit, die Euphorie auf den Straßen als einen Ausdruck der Erlösung von der Unterdrückung und nicht als patriotischen Eifer zu interpretieren. Zudem gab es ein Element in der angriffsorientierten Taktik des Teams, das von Freiheit kündete. Jimmy Burns: »Da war so etwas Ungezähmtes in ihrer Spielweise, das nicht zur Uniformität und Reglementierung der argentinischen Junta passte. Die große Ausnahme war natürlich Passarella, dessen Auftreten beinahe schon faschistisch war.«

Raúl Fain Binda glaubt: »Das einfache Volk begann zu jener Zeit zu begreifen, was vor sich ging. Sie werden nicht das Ausmaß erfasst haben, aber sie rochen, dass etwas faul war und waren gegen die Junta.« Was den Fußball betraf, so gab es »die politische Situation auf der einen Seite und die sportliche auf der anderen. Menschen finden viele Wege, mit einer brutalen Diktatur klarzukommen. Es wäre etwas anderes, wenn Menotti und die Spieler Marionetten der Junta gewesen wären. Doch das waren sie nicht. Die Leute waren also einerseits glücklich, anderes lehnten sie ab. Ich verstehe nicht, warum man darauf besteht, beide Seiten zu vermischen.« Graham-Yooll sieht das anders. »Das Turnier war eine Schande. Die Leute gestehen sich nicht gerne ein, dass es 1976 beim Putsch durchaus auch Begeisterung gab. Projiziert auf die WM heißt das, die Leute wollten nicht zugeben, dass alle mit dem argentinischen Sieg mehr als zufrieden waren und es ihnen egal war, ob es sich um Schiebung handelte.«

»Menotti ist ein stolzer Mann«


Und wie soll man die Rolle César Luis Menottis bewerten? Bis heute haben die Geschichtsschreiber es gut mit ihm gemeint. Er gilt gemeinhin als Mann mit Prinzipien, der die Anforderungen des Regimes und seines Gewissens geschickt austarierte. Raúl Fain Binda sagt, »das Regime erwartete mehr Unterstützung von ihm, aber er ging sehr gut damit um, und das wusste jeder in Argentinien«. Menotti selbst meinte, dass der Weltmeistertitel das Beste war, was er für die Demokratie tun konnte. Der Sieg gehörte dem Volk, nicht der Junta. Jimmy Burns hingegen geht mit dem Trainer hart ins Gericht: »In meinen Augen ist er in vollem Umfang mitschuldig.« In vollem Umfang? Keine mildernden Umstände? »Nein, keineswegs. Er hätte gleich zu Beginn oder spätestens am Ende eine Pressekonferenz nutzen können, um eine Stellungnahme abzugeben. Er hätte ein Politikum daraus machen können, aber das hat er nicht getan. Aus reinem Stolz. Menotti ist ein stolzer Mann, und er wurde bei diesem Turnier zur wichtigsten Person Argentiniens.«

Fernández Moores schätzt Menottis Rolle komplexer ein. Ja, er war ein Mann der Linken mit engen Beziehungen zur Kommunistischen Partei. Doch die KP Argentiniens war von der Sowjetunion angehalten, Videla zu unterstützen, und das, obwohl viele einfache Mitglieder umgebracht wurden. Derweil spielte Menottis Fußballphilosophie der Junta in gewisser Weise auch in die Karten. »Das Militär behauptete, ›es gibt eine argentinische Lebensweise, und die ist die beste der Welt‹. Deshalb gefiel es ihnen, wenn Menotti von der ›argentinischen Art‹ sprach.« Moores zufolge hielten Menotti und sein Team dennoch deutlichen Abstand zum Regime. »Menotti sagte seinen Spielern immer wieder: ›Wir spielen für das Volk, die WM gehört dem Volk.‹ Und daran hielten sie sich. Die Spieler sagten nie ›Videla ist gut, Videla ist nett‹. Sie wurden manipuliert, doch sie waren keine Marionetten.«

Langsam aber sicher beginnt sich die Sicht auf die WM 1978 zu verändern. Gaston Birabens beeindruckender Film »Cautiva« (»Die Gefangene«) war ein erstes Zeichen für diesen Wandel. Darin geht es um das gestohlene Kind einer desaparecida, ein Thema, das schon oft aufgegriffen wurde. Doch Biraben nutzte als Erster die Weltmeisterschaft als Kulisse. Der Film beginnt mit Ausschnitten aus dem staatlichen Fernsehen, die Höhepunkte des Endspiels zeigen. Erst viel später versteht der Zuschauer den alptraumhaften Zusammenhang. Es stellt sich heraus, dass eine politische Gefangene in der Nacht des großen Finales in einem Folterzentrum ein Kind gebiert. Die Mutter verschwindet, und das Kind wird einem Militärangehörigen übergeben und von dessen Familie großgezogen. Der Film folgt dem Mädchen, wie es im Teenageralter mit seiner tragischen Geschichte konfrontiert wird.
In der neuen politischen Ära der Kirchners sind die Argentinier offener für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, doch das Gedächtnis funktioniert immer noch selektiv. Ein gutes Beispiel dafür war »Das andere Finale«, das im Juni dieses Jahres vom Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel organisiert wurde, um an das Endspiel vor 30 Jahren zu erinnern. Sie marschierten von der ESMA zum River-Plate-Stadion und hielten Fotos der Ermordeten in die Höhe. Im Stadion wurde vor der eher bescheidenen Kulisse von 5000 Menschen ein Benefizspiel für die Opfer ausgetragen. Bemerkenswerterweise nahmen sogar drei Stars der Mannschaft von 1978 teil: René Houseman, Leo-poldo Luque und Ricardo Villa. Auf der Tribüne, wo einst Videla und Massera saßen, wurde eine Fahne mit den Namen von Tausenden ihrer Opfer drapiert.

30 Jahre nach dem Turnier wurden allein die Diktatoren und ihre Handlanger angeprangert. Die Familien der Opfer hielten sich mit ihrer Kritik an der argentinischen Gesellschaft der Zeit auffällig zurück. Niemand kritisierte die Spieler, niemand erwähnte die Betrugsvorwürfe. Houseman umarmte die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo. Villa bestritt, dass er von den Diktatoren instrumentalisiert worden sei. Luque sagte, er fühle sich »sehr glücklich, an all dem teilhaben zu können und auf das Feld zurückzukehren, das mir so viel Freude geschenkt hat«.

Fernández Moores behauptet, dass sich in Sachen Vergangenheitsbewältigung langsam, aber sicher etwas tut. Doch nur wenige Argentinier mögen die Problematik mit Außenstehenden diskutieren. »Dieses Land liebt den Fußball und ist sehr natio-nalistisch. Keiner wäscht seine schmutzige Wäsche gerne in der Öffentlichkeit, dennoch glaube ich, dass die Leute sich ein wenig schuldig fühlen wegen dem, was 1978 passiert ist. Tief im Inneren wissen sie, dass es keine saubere Veranstaltung war. Es war nicht richtig, dass wir so ausgelassen gefeiert haben, während andere leiden mussten. Wir fragen uns: Was haben wir damals getan? Wie konnten wir nur so egoistisch sein? Deshalb erinnern wir uns lieber an die WM 1986 in Mexiko. Da spielten wir in einem anderen Land und konnten beweisen, dass wir wirklich die Besten sind. Nicht wegen Videla, sondern weil wir gute Fußballer hatten und guten Fußball gespielt haben.«


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