1978: Gladbach pulverisiert den BVB

Das dreckige Dutzend

Die riesige Anzeigentafel im Düsseldorfer Rheinstadion war am 29. April 1978 gerade noch groß genug für das, was sich auf dem Rasen ereignete. Gladbach schlug den BVB 12:0 – und verlor dennoch das Meisterschaftsrennen. 1978: Gladbach pulverisiert den BVBimago

Um 17.16 Uhr reichte der Platz im Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund zum Saisonfinale gerade noch für einen Torschützen. Dann traf Christian Kulik in der 90. Minute - zum 12:0 (6:0) für Gladbach. Wenig später pfiff Schiedsrichter Ferdinand Biwersi (Bliesransbach) ab. »Der BVB war wohl der Meinung, dass er sich auf einer Kaffeefahrt oder einem Betriebsausflug befindet. Es wäre für den deutschen Fußball unvorstellbar gewesen, wenn wir Meister geworden wären. Dieser Titel wäre sehr anrüchig gewesen. Heute möchte ich sagen, dass es Gott sei dank nicht passiert ist«, sagt Wolfgang Kleff, der damals im Tor des Titelverteidigers stand.

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Dieser Bundesligarekord ist auch nach exakt 30 Jahren kaum fassbar und sorgt bei allen Beteiligten noch heute für Kopfschütteln. Von Schiebung und Absprache war die Rede. Das Resultat führte zur Entlassung von BVB-Coach Otto Rehhagel, der sich lange den Spott-Namen »Torhagel« gefallen lassen musste. Dortmunds Torhüter Peter Endrulat kam zu zweifelhaftem Ruhm und möchte nicht mehr über diesen grauenhaften Tag öffentlich sprechen. »Er war nicht alleine der Sündenbock. Wenn ich im Dortmunder Tor gestanden hätte, wäre mir der Kragen geplatzt, und ich hätte dem einen oder anderen Spieler in den Hintern getreten. Mit Ruhe und Anstand war das nicht zu ertragen«, erklärt Kleff.

Vor dem Saisonfinale stand der 1. FC Köln an der Tabellenspitze mit der deutlich besseren Tordifferenz (+40) vor dem rheinischen Rivalen (+30). Die Geißböcke mussten in Hamburg beim FC St. Pauli antreten. »Wir haben gedacht: Was ist denn da los? Letztendlich wäre alles andere ein Skandal gewesen. Gott sei dank ist alles richtig gelaufen«, sagt Kölns Rekordtorschütze Hannes Löhr zu den kaum fassbaren Nachrichten, die via Radio aus Düsseldorf in die Kölner Ohren drangen.

Nach 13 Minuten stand es durch einen Doppelpack von Jupp Heynckes und dem Treffer von Carsten Nielsen bereits 3:0 für die Mannschaft von Trainer Udo Lattek, zur Halbzeit durch weitere Tore von Calle del´Haye, erneut Heynckes und Hacki Wimmer 6:0. Die Kölner führten im Volksparkstadion zur gleichen Zeit gerade Mal 1:0 durch Heinz Flohe beim FC St. Pauli. Hannes Löhr war damals bereits Manager des FC und hatte mit einem Trick das Spiel in die HSV-Arena verlegen lassen. Angeblich lagen 25.000 Kartenwünsche aus Köln vor, zuviel für ein Spiel am Millerntor. Tatsächlich waren vielleicht 2000 Kölner in der Hansestadt.

»Es war empörend, was da abgelaufen war«


Heynckes, Nielsen und Del´Haye schraubten das Ergebnis bis zur 66. Minute auf 9:0. Da führte der FC 2:0 durch Yasuhiko Okudera. Der Vorsprung war auf drei Tore zusammengeschmolzen. Kölns Coach Hennes Weisweiler trieb seine Spieler mit wilden Handbewegungen weiter an. Flohe, Bernd Cullmann und Okudera machten den Kölner Meistertitel perfekt, Heynckes mit seinem fünften Tor, Ewald Lienen und Kulik den Bundesligarekord. »Es war empörend, was da abgelaufen war«, sagt Kölns damaliges Torwart-Ass Toni Schumacher. FC-Torjäger Dieter Müller, heute Präsident von Kickers Offenbach, erinnert sich an die Zurufe von der Seitenlinie. »8:0, 9:0, 10:0. Wir waren froh, das wir am Ende noch den Titel holten.«

Wolfgang »Bulle« Weber konnte an diesem Tag vor lauter Nervosität seiner Arbeit als Scout für Weisweiler gar nicht nachgehen: »Ich sollte ein Spiel in Wuppertal beobachten. Ich habe mich aber ins Auto gesetzt und bin von einer Ohnmacht in die nächste gefallen. Es wäre der schlimmste Skandal im deutschen Fußball gewesen. Wir sollten froh sein, dass es nicht so gekommen ist.«


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