1977/78: Peter Endrulat über das 0:12 gegen Gladbach

»Ich hätte rausgehen sollen«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Wir sprachen mit Peter Endrulat über die Saison 1977/1978.

Peter Endrulat über das 0:12 gegen Gladbach
Heft #80 07 / 2008
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Die ganze Saison über hatten wir mitten im Abstiegskampf gesteckt. Mein erstes Spiel als Nummer eins machte ich zwar erst am 29. Spieltag gegen Eintracht Braunschweig, weil der Stammtorhüter Horst Bertram sich verletzt hatte. Danach habe ich aber bis Saisonende jedes Spiel gemacht – so schlecht konnte ich also nicht gewesen sein. Im vorletzten Spiel schafften wir mit mir im Kasten endlich den Klassenerhalt. Deshalb ist es möglich, dass bei dem einen oder anderen im letzten Spiel einfach die Luft raus war. Uns war natürlich klar, dass Gladbach versuchen würde, seine letzte kleine Möglichkeit im Kampf um die Meisterschaft gegen den 1. FC Köln zu nutzen. Aber einen solchen Sturmlauf hatten wir nicht erwartet.

Ich machte mich ganz normal warm. Die Fans waren guter Dinge und bejubelten immer noch unseren Nichtabstieg. Jupp Heynckes erzielte gleich in der ersten Minute das 1:0 für Gladbach – und das Unheil nahm seinen Lauf. Ich weiß gar nicht mehr, wer welches Tor erzielt hat. Ich sah nur Bälle aus acht Metern Entfernung auf mich zufliegen, und die gingen immer flach in die Ecke, so dass ich gar nicht mehr reagieren konnte. Wenn ich mal einen abwehren konnte, hat ihn der nächste Gegenspieler reingemacht. Komisch: Ich habe eigentlich gut gehalten und trotzdem bis zur Pause sechs Tore reingekriegt.

»Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle«

Otto Rehhagels Kabinenansprache war kurz. Was sollte er auch groß sagen? Er meinte natürlich, dass wir uns schämen sollten und dass es nicht sein könne, wie wir uns abschießen lassen. Aber er hat nicht groß getobt. Mich fragte er schließlich, ob ich weiterspielen wolle. Da hätte ich sagen müssen, dass ich nicht weitermachen will. Aber ich hatte die Einstellung: »Jetzt hast du sechs Stück bekommen, das werden ja nicht noch mal sechs werden. Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle«. Ich wollte ja meinen gerade gewonnenen Stammplatz nicht gleich schon wieder loswerden. Aber das war leider die falsche Entscheidung. Heute weiß ich: Ich hätte rausgehen sollen. Dann hätte Horst Bertram die sechs Dinger bekommen. Davon bin ich überzeugt. Die meisten vergessen, dass ich eigentlich fast alles gehalten habe, was haltbar war. Ich glaube, es war das zehnte Tor, bei dem ich mal eine Flanke unterlaufen habe. Aber das passiert, und beim Stand von 10:0 spielte da auch eine gehörige Portion Frust mit. Irgendwann war ich nur noch mit mir selbst und mit dem Spiel beschäftigt.

Die Schmährufe der Fans habe ich schon gar nicht mehr wahrgenommen. Als der Schiedsrichter dann endlich abpfiff, war ich total konsterniert. Da habe ich mit keinem gesprochen. Ich bin ganz schnell zu meinem Auto gerannt und nach Hause gerast. Ein bisschen erträglicher wurde die Situation nur durch den Umstand, dass Köln trotz des 12:0-Sieges der Gladbacher doch noch Meister geworden ist. Im Nachhinein habe ich mich sehr geärgert, dass ich keine Chance mehr bekommen habe, mich in einem anderen Spiel auszuzeichnen. So eine hohe Niederlage ist für einen Keeper Gift. Ich hatte fest mit einer Vertragsverlängerung gerechnet, aber die Unterschrift wurde immer wieder hinausgezögert. Die Vereinsverantwortlichen wollten wohl gucken, ob sie mich als Nummer eins behalten wollen. Nach dem Spiel habe ich dann keinen Vertrag mehr gekriegt. So schnell ging das. Deswegen bin ich dann zu Tennis Borussia Berlin gewechselt.

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