1976: Roger van Gools wechselt nach Köln

Der 1-Million-Mark-Mann

Roger van Gool war der erste Millionen-Transfer der Bundesligageschichte – und das, obwohl Trainer Hennes Weisweiler skeptisch gewesen war, den Belgier nach Köln zu holen. Heute wird er 60 Jahre alt. Wir erinnern an seinen legendären Wechsel. 1976: Roger van Gools wechselt nach Köln

Er war genau der Stürmer, den Hennes Weisweiler gesucht hatte. Ein Vorbereiter, der gleichzeitig torgefährlich war. Ein Schlitzohr, ein dribbelstarker Außenstürmer, laufstark und mit massigen Waden ausgestattet, die ihm ermöglichten, den Ball so abzuschirmen, dass kein Gegenspieler auch nur den Hauch einer Chance hatte, einen Zweikampf gegen ihn zu gewinnen.

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Dass Roger van Gool beim Probetraining beim 1. FC Köln wegen einer Infektion kaum Luft bekam, kümmerte Weisweiler wenig. Dem rheinischen Trainerfuchs gefiel einfach das Auftreten des verschmitzten Belgiers. Seine lakonische Ader, seine Umgänglichkeit und sein doch mehr als ausgeprägter Wille. »Den nehmen wir«, sagte er im Juli 1976 zu seinem Scout und Taktiktrainer Rolf Herings, der van Gool zuvor mehrfach beim FC Brügge beobachtet hatte.

Dabei war es Herings zunächst gar nicht so leicht gefallen, van Gool seinem Coach schmackhaft zu machen. Beide Spiele, die Herings beobachtet hatte, verlor der FC Brügge deutlich. Weisweiler polterte: »Wie kann der gut gespielt haben, wenn die so hoch verlieren?« Doch Herings setzte beim zaudernden Altmeister seinen Kopf durch und lud ihn zum Probetraining ein.

Der Manager hatte schlaflose Nächte


Nach dessen Zusage war es an FC-Manager Karl-Heinz Thielen, die Sache über die Bühne zu bringen. Der fuhr nach Brüssel, um die Verhandlungen mit Brügge zu führen, wo Roger van Gool unter Vertrag stand. Die Zeit war knapp, der Transfermarkt stand kurz vor Toresschluss. Dann platzte die Bombe: Der FC Brügge verlangte eine Million Mark Ablöse für seinen flinken Außenstürmer. Thielen hatte schlaflose Nächte. Noch nie zuvor hatte ein Bundesligist einen siebenstelligen DM-Betrag bezahlt, um einen Spieler zu verpflichten. Es war ein schwerer Entschluss, doch der FC besaß genug Geld, um das Risiko einzugehen. Und Hennes Weisweiler wollte den Mann – unbedingt. Schweren Herzens machte Thielen den Deal perfekt.

Es sollte sich lohnen. Roger van Gool hatte keine Anschlussprobleme bei den meist rheinischen Teamkollegen. Trotz der hohen Ablösesumme und der vielen Stars beim 1. FC Köln war er schnell einer der Leitwölfe in der Mannschaft. Auf dem Platz war er die perfekte Ergänzung zu den Stürmern Hennes Löhr und Dieter Müller, dem er mit seinen Vorlagen gleich in der ersten Saison zur Torjägerkrone verhalf. Seine lockere Art sorgte bei den Mannschaftsabenden für gute Stimmung.

Wie Michel aus Lönneberga

Selbst der knorrige Trainer Weisweiler war nicht gefeit gegen die mitunter vorlauten Schnacks des leutseligen Belgiers. »Der mochte die Typen nicht, die stumm in der Ecke sitzen. Deshalb kam ich gut mit ihm klar«, sagt van Gool heute. Wie Michel aus Lönneberga hatte er ständig Flausen im Kopf, man musste ihn einfach mögen. Mit seinen Mitspielern verstand er sich blendend, am besten mit denen, die, wie er, gerne ein Bier tranken.

Nach einer Niederlage hatte der erzürnte Weisweiler seinen Spielern für die Heimreise im Bus drei Stunden absolute Ruhe verordnet. Verärgert über die schlechte Laune des Trainers und die lange, wortlose Busfahrt, verzogen sich van Gool und Teamkollege Herbert Neumann nach Rückkunft in Köln in eine Kneipe – und versackten königlich.

Aber so richtig nahm niemand dem lustigen Belgier das Trinkgelage übel. Die gute Laune schlug sich auch in seiner Leistung nieder. In der erfolgreichsten Bundesliga-Ära des 1. FC Köln zwischen 1976 bis 1979 spielte er eine tragende Rolle. Er schoss 28 Tore in 96 Einsätzen und bereitete wesentlich mehr Treffer vor.

Auf den Sieg im DFB-Pokalfinale 1977 folgte der Gewinn des Doubles 1978. In der darauffolgenden Saison spielte Köln im Europacup der Landesmeister um den Finaleinzug. Im Hinspiel in Nottingham erkämpfte sich der FC dank des belgischen Dribbelkünstlers ein 3 : 3. Van Gool machte ein überragendes Spiel, erzielte ein Tor selbst und bereitete die beiden anderen vor. Im Rückspiel fehlte er verletzt und musste mit ansehen, wie seine Mannschaft mit 0 : 1 verlor.

Nebengeschäfte mit Luxuskarossen


Die Niederlage traf den Belgier hart. Fortan konnte der Sympathieträger nicht mehr an seine bisherige Leistung anknüpfen. Vor allem sein Rücken machte ihm zu schaffen: Ein schweres Ischias-Leiden quälte ihn. Jedoch lehnte er es ab, sich operieren zu lassen, weil er fürchtete, eine Querschnittslähmung davonzutragen. Fünf lange Monate wurde er ambulant behandelt.

Derweil machte er Geschäfte, indem er Luxuskarossen nach Belgien überführen ließ. Die Einkaufspreise der Dieselfahrzeuge waren in Deutschland niedriger – so verdiente er ohne Aufwand etwas Geld dazu. Manager Thielen ist der Meinung, dass die Geschäfte für den Leistungsabfall verantwortlich waren. Und auch Weisweiler knöpfte sich seinen Lieblingsschüler vor: »Kümmere dich nicht so viel um deine Autos, konzentriere dich auf den Fußball.«

Van Gools Zeit beim FC war abgelaufen. Weisweiler wollte ihn mit zu den New York Cosmos nehmen. Doch auch Coventry City zeigte Interesse an van Gool. Der Stürmer entschloss sich schließlich, seine Chance in England zu suchen. Der FC verkaufte ihn mit Gewinn für 1,2 Millionen Mark. In England blieb er jedoch nur 15 Monate und wechselte von dort zu Olympique Nimes, wo er wieder Tore schoss und großen Anteil am Aufstieg des Klubs hatte. Nach einer Saison kehrte er in seine Heimat zurück und beendete mit 35 Jahren seine Karriere.


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