Um 22.15 Uhr flackern im Stadion »De Kuip« in Rotterdam die rot-schwarzen Fahnen, verbrannt von enttäuschten Anhängern des AC Milan, während unten auf dem Rasen die Spieler des 1. FC Magdeburg mit dem Europapokal der Pokalsieger auf eine Ehrenrunde gehen. Entrückte Gesichter, Umarmungen, der silberne Henkeltopf und strahlend weiße Malimo-Bademäntel aus Limbach-Oberfrohna, die ihnen die Mannschaftsbetreuer nach dem Schlusspfiff übergeworfen haben.
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Es war ein Triumph in einem merkwürdigen Spiel. Nicht mal 5000 Zuschauer waren zugegen, weil die Fans des 1. FC Magdeburg nicht reisen durften, weil die Holländer sich nicht für das Finale interessierten und weil die Tifosi die Partie schon vor dem Anpfiff entschieden wähnten. Hier die Weltstars aus Mailand um Gianni Rivera und Karl-Heinz Schnellinger, dort eine Magdeburger Regionalauswahl. International unbekannte Burschen: Manfred Zapf, Jürgen Sparwasser, Axel Tyll und Wolfgang »Paule« Seguin, dazwischen ein Junge aus der Bezirksliga-Reserve, Helmut Gaube, den Trainer Heinz Krügel für den gesperrten Klaus Decker in die Mannschaft genommen hatte. Er verfolgte Weltstar Rivera über neunzig Minuten auf Schritt und Tritt.
Der Ball musste ins »O«
Sie alle stammten aus Magdeburg und Umgebung, aus Wegeleben, Stapelburg, aus Darlingerode und Gommern. Junge Kerle, die meisten Anfang Zwanzig. Viele von ihnen waren beim SKET beschäftigt, dem »Schwermaschinen-Kombinat Ernst Thälmann«. Trainiert wurde abends, mit dem Fahrrad fuhren sie zum Vereinsgelände im Stadtteil Cracau. Die Karriere als Fußballer verschaffte ihnen die Mehrraumwohnung im Neubau. Aber wie lange es wohl noch dauern würde, bis der bestellte Trabant ausgeliefert wird, darüber rissen sie nur noch Witze. Überhaupt waren sie eine Truppe, die für ihre Kameradschaft berühmt war. Was auch an Trainer Krügel lag, der nichts gegen ein Bierchen einzuwenden hatte, solange die Jungs nach dem Training den Ball alle einmal ins »O« auf der Bandenwerbung für die »Magdeburger Volksstimme« gezirkelt hatten.
Krügel war neben Georg Buschner der wohl beste Trainer in der Geschichte des DDR-Fußballs. Seit 1951 betreute der Sachse aus Ober-Planitz Mannschaften im gesamten Staatsgebiet, zwischendurch für zwei Jahre auch die Nationalelf. Doch ein Apparatschik, ein Mann der Parteiführung, wurde er nie. Im Gegenteil: Immer wieder legte er sich mit den Genossen vom Fußballverband DFV an. »Einige Wichtelmänner der Bezirksleitung haben versucht, sich einzumischen«, grollte er öffentlich. »Ich habe zu ihnen gesagt: Ihr seid Politiker, ihr habt dafür zu sorgen, dass es den Leuten gut geht. Fußballtrainer bin ich.«
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