1973: Das Geisterspiel von Chile

»Wir gegen niemanden«

1973 trug sich in Chile Seltsames zu, die UdSSR wollte nicht in Pinochets Folterkammer auflaufen und boykottierte das Match um die WM-Quali. Gespielt wurde trotzdem, Carlos Caszely war dabei. 1973: Das Geisterspiel von ChileImago Der November 1973 war ein schwieriger Monat in Chile. Augusto Pinochet und das Militär hatten gegen Präsident Salvador Allende geputscht, Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Genau 14 Tage danach stand für uns das Rückspiel der Qualifikation für die WM 1974 gegen die Sowjetunion an. Im Hinspiel in Moskau hatten wir ein Unentschieden geholt, 0:0, eine fantastische Ausgangsposition für das Rückspiel: Wir mussten einfach nur gewinnen und wussten, dass wir das schaffen können.

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So kam es dann ja auch, wenn auch ganz anders als gedacht. In der Nacht vor dem Spiel, am 20. November 1973, erfuhren wir Nationalspieler, dass die Russen nicht antreten würden. Mehr noch: Sie waren erst gar nicht nach Chile gereist, aus Protest gegen den Austragungsort. Das Nationalstadion sei von der Pinochet-Regierung nach dem Putsch in ein Konzentrationslager umgewandelt worden, lautete die Begründung.

Das stimmte auch, Gegner des Regimes waren in den Umkleidekabinen gefangen gehalten worden, und später erfuhr man von Folterungen und Morden, die dort stattgefunden hatten. Ich selber habe nie Zweifel daran gelassen, dass ich gegen jede Art der Diktatur war und immer noch bin, egal ob von rechts oder links. Zum damaligen Zeitpunkt hielten meine Mannschaftskollegen und ich aber nichts von der Vermischung von Fußball und Politik. Wir glaubten auch eher an eine Ausrede der Russen und dachten, sie hätten Angst, nach unserem guten Hinspielergebnis die Teilnahme an der WM zu verspielen. So war schnell klar, dass weder wir noch die FIFA einwilligen würden, den Austragungsort zu wechseln. Es blieb also bei der ursprünglichen Ansetzung am 21. November.





Doch was war das für eine bizarre Situation am nächsten Tag! Uns wurde klar, dass sich Politik und Fußball doch nicht so leicht voneinander trennen ließen. Das ganze Stadion war voll mit Soldaten, einige von ihnen eskortierten uns sogar ins Stadion und auf den Platz. Und dann standen wir auf dem Rasen: allein, ohne Gegner. Elf Chilenen in diesem riesigen Stadion. Wir kamen uns aber nicht nur auf dem Platz ziemlich alleine vor, auch die Ränge waren so gut wie leer. Das Estádio Nacional de Chile fasste damals an die 100 000 Zuschauer, an diesem Tag waren es höchstens 15 000, plus elf Männer auf dem Rasen. Dabei ging es doch um die WM-Qualifikation! Statt richtiger Fans saßen nur geladene Gäste im Publikum, in dieser unruhigen Zeit war es den Menschen ver-
boten, ins Stadion zu gehen.

Die Stimmung war dementsprechend gespenstisch. Ich wäre am liebsten sofort wieder gegangen, doch der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr wies uns darauf hin, dass die Partie angepfiffen werden müsste, um die Qualifikation sicherzustellen. Wir stellten uns also auf und er pfiff das Spiel an. Wir gegen niemanden! Unsere drei Stürmer, Carlos Reinoso, Julio Crisosto und Kapitän Francisco »Chamaco« Valdés, schoben sich den Ball ein paar Mal hin und her, zum Schluss bekam Francisco das Leder und schob es zum 1:0 ein. Das reichte bereits, wir waren qualifiziert. Das Publikum applaudierte höflich. Ich habe danach noch viele Tore miterlebt, aber dieses würde ich in jeder Hinsicht als »historisch« bezeichnen. Der Schiedsrichter musste die Partie nach dem Tor direkt abpfeifen, es war ja niemand da, der den Wiederanstoß hätte ausführen können.

Es war wirklich das mit Abstand absurdeste Spiel, das ich je absolviert habe und wohl auch das kürzeste WM-Qualifikationsspiel aller Zeiten.

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