1972: Deutschland ist Europameister
10.09.2009

1972: Deutschland ist Europameister

Schöns größter Triumph

Welch ein Triumph für Helmut Schön: mit einer aus Superstars zusammengeflickten deutschen Mannschaft gewinnt er 1972 die EM. Seine Auswahl begeistert dabei mit phasenweise begeisterndem Offensivfußball.

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sid
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Helmut Schön konnte sich der endlosen Glückwünsche über den Sieg gegen England kaum noch erwehren. Als seine Spieler schon beim abendlichen Bankett saßen, befand sich der Bundestrainer erst auf halbem Weg zum Restaurant im Wembley-Stadion.

Wie eine Meute hungriger Wölfe waren die Fußball-Experten aus aller Herren Länder über ihn hergefallen und versuchten, ihn wie eine Zitrone auszuquetschen. Wie war es nur möglich, dass eine ersatzgeschwächte deutsche Mannschaft ein solches Kunststück fertig bringen konnte, das mächtige England auf eigenem Grund und Boden zu bezwingen? Helmut Schön versuchte es zu erklären. Er sprach von "einem über sich selbst hinauswachsenden Außenseiter", der "lobenswerten Disziplin der Spieler!" Wenn der Bundestrainer auf die Taktik hin angesprochen wurde, winkte er bescheiden ab. Dabei war das 3:1 von Wembley - der erste Sieg einer deutschen Nationalelf beim einstigen Fußball-Lehrherrn - zum guten Teil ein Erfolg der Taktik.   Als einen Glückspilz hat man Helmut Schön oft genug bezeichnet - London hat jetzt einen Schlußstrich unter diese Meinung gezogen. Der Bundestrainer hat nämlich den Beweis gebracht, dass seine langen Lehrjahre in Herbergers »Fuchsbau« reife Früchte getragen haben. Glück auf die Dauer – wie die bisherigen Schön-Erfolge vielfach bezeichnet wurden – gehört nur dem Tüchtigen. 

Mit eigenen Waffen besiegt

Die vielen, vielen negativen Dinge vor dem "Wunder von Wembley" sind hinreichend bekannt: Eine Anzahl von Verletzungen, wie es sie selten vor einem Länderspiel gab, die Krise der überforderten Bayernspieler, der "Schalke-Ausschluß". Dazu noch echt englisches Wetter mit stundenlangen Regengüssen bis kurz vor dem Anpfiff und auch während der Begegnung. Also eine "Elf ohne großes Vertrauen". In den Annalen wurde bereits fieberhaft geblättert. Deutschlands höchste Länderspiel-Niederlage nach dem Krieg lag bei 3:8 - 1954 bei Herbergers "Bluffspiel" gegen die Ungarn in der Schweiz. Einer der ganz wenigen Optimisten aber war Helmut Schön. "Ich habe ein gutes Gefühl" sagte er noch kurz vor dem Anpfiff. Er hatte sich nämlich einen Schlachtplan ausgeheckt, an dem die so siegesbewußten Engländer kläglich zugrunde gingen. Er schlug die Briten mit ihren eigenen Waffen. 

Vertauschte Rollen 

Günter Netzer zum Beispiel, den Englands Teammanager Alf Ramsey dreimal als echten Mittelfeldspieler unter die Lupe genommen und für den er einen harten Sonderbewacher angekündigt hatte, spielte plötzlich eine ganz andere Rolle. Franz Beckenbauer, den Ramsey als Ausputzer erwartete, brachte die Briten durch sein ständiges Wechselspiel mit Netzer weiter aus dem Konzept. Jürgen Grabowski hing - ebenfalls unerwartet für die Engländer - als Rechtsaußen weit in der eigenen Hälfte, und schließlich tauchte auch noch Herbert Wimmer an ganz anderen Orten auf, als Ramsey ihn vor einem Monat in Budapest sah.   Die englischen Zeitungen hatten von einem taktischen Schlachtplan der beiden "Feldherren" Ramsey und Schön geschrieben, die man sogar mit Montgomery und Rommel verglich. Nach dem Sieg stellte Schön lächelnd fest: "Die Engländer haben so viel vom 'Krieg' geschrieben, jetzt werde ich es auch einmal tun: Bindet den Helm fester, werde ich meinen Spielern sagen, wenn es in zwei Wochen zum Rückspiel nach Berlin geht!" Schön ist nämlich davon überzeugt: "Im Olympiastadion wird es bestimmt schwerer für uns. Da haben die Engländer nämlich nichts mehr zu verlieren. Da sind sie der große Außenseiter!" 

Letzte Minuten entscheiden 

Noch bis in die frühen Morgenstunden wurde über die vierte Heimniederlage der Engländer gegen eine kontinentale Mannschaft fieberhaft diskutiert. "Es war das beste Spiel einer deutschen Elf seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954", sagen die einen. "Das 3:1 kam gegen eine relativ schwache englische Elf zustande", versuchten andere den 200. deutschen Länderspielsieg in Grenzen zu halten. Fest steht, dass die Engländer nicht so schwach waren. Schließlich wurde Sepp Maier zum meistbeschäftigten Spieler des Feldes. Die deutsche Elf ist eben über sich selbst hinausgewachsen. Sie wurde sogar nach dem 1:0 durch Uli Hoeneß (26.) so selbstbewußt, dass sie plötzlich mit den verzweifelt fightenden Briten streckenweise Fußball modernster Prägung spielte. Erst nach 13:2 Ecken kamen die wütend angreifenden Engländer durch Brancis Dee (77.) zum Ausgleich, nachdem Sepp Maier der glatte Ball aus dem Arm glitt. Als der französische Schiedsrichter in der 86. Minute bei einem Foul von Bobby Moore an Held endlich auf den Elfmeterpunkt zeigte, nachdem er ein noch schwereres Vergehen von Hunter an Müller in der 53. Minute nicht geahndet hatte, nahm Netzer diese große Chance zum 2:1 wahr, und wenige Sekunden vor Schluß stellte dann Gerd Müller mit seinem 43. Länderspieltor auch noch den Rekord von Uwe Seeler ein.   Was sich in den letzten Spielminuten und vor allen nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Helies auf den weiten Rängen abspielte, hat selbst eine so traditionsreiche Stätte, wie Wembley noch selten oder gar nicht gesehen. Tausende deutscher Schlachtenbummler, die sich mit der Länge des Spiels immer lautstärker bemerkbar gemacht hatten und schließlich sogar die sanges- und stimmgewaltigen englischen Fans übertrafen, gerieten in einen wahren Freudentaumel.

"So ein Tag, so wunderschön wie heute" hallte es durch das Stadion als sei man mitten in der Mainzer Fassenacht, oder "Hi-ha-ho - England ist K.o!", Hunderte von Transparenten streckten sich den deutschen Spielern entgegen, die es selbst noch nicht begreifen konnten, dass sie den mächtigen Gegner an eigener Stätte besiegt hatten. Mit hängenden Köpfen, aber meist dem siegenden Gegner fair gratulierend, verließen die englischen Gegner den Rasen. Ihnen war es gewiß kein Trost, dass sie mit der Nationalhymne in die Kabinen entlassen wurden, die wohl kaum die grellen Pfiffe aus ihren Ohren verdrängt hatte, mit denen die maßlos enttäuschten Fans ihren Mißmut zum Ausdruck brachten.

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