1970/71: Lothar Kobluhn über den ersten Platzverweis

»Unartikulierte Laute des Spielers Kobluhn«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen.

Nur zweimal bin ich in meiner Karriere vom Platz geflogen. Aber beide Male waren so kurios, dass ich mich noch gut daran erinnern kann. In der Saison 1964/65 schickte mich der Schiedsrichter - noch per einfachem Fingerzeig - in einem hektischen Regionalligaspiel bei Rot-Weiss Essen nach einem Foul kurz vor Schluss in die Kabine. Dort saß schon mein Bruder Friedhelm, der zuvor ebenfalls vom Platz geflogen war. Weil er dachte, dass das Spiel schon zu Ende war, fragte er mich, wie es denn nun ausgegangen sei. Zu seiner Verwunderung sagte ich: »Die Partie läuft noch, ich bin bloß auch runtergeflogen.« Mit meinem zweiten Platzverweis bin ich sogar in die Geschichte eingegangen - es soll angeblich die erste Rote Karte in der Bundesliga gewesen sein.

»Nie dafür bestraft worden«

Es geschah am 11. Spieltag in der Saison 1970/71 auswärts in Kaiserslautern.
Nach zwanzig Minuten gelang mir das 1:2-Anschlusstor, auf einmal waren wir wieder dran, der Betze bebte, ich auch.
Und als der Schiedsrichter in der 35. Minute Elfmeter für den FCK pfiff, konnte ich mich kaum wieder beruhigen. Der Elfer war völlig unberechtigt! Seppl Pirrung ist mehr gestolpert als gefoult worden, aber Schiri Dieter Heckeroth aus Frankfurt wollte den wohl unbedingt geben. Otto Rehhagel verwandelte zum 3:1 für Lautern.
Beim darauffolgenden Anstoß war ich immer noch so unzufrieden mit der Entscheidung, dass ich den vor mir stehenden Schiedsrichter auslachte und Geräusche machte wie ein Affe. Und auf einmal zeigte der Heckeroth mir diese Rote Karte! Ich war völlig verdutzt, schließlich hatten wir bislang auf dem Platz kein Blatt vor den Mund genommen und waren auch nie dafür bestraft worden.
Ich fragte noch meinen Kollegen Friedhelm Dick, ob er wisse, warum ich jetzt runter müsse. Der zuckte nur mit den Schultern. Und auch unser Trainer Adi Preißler konnte mir nicht weiterhelfen. Später stellte er den Schiri zur Rede und fragte ihn, was er denn in den Spielbericht schreiben wolle, als Grund für die Rote Karte. »Unartikulierte Laute des Spielers Lothar Kobluhn«, sagte Heckeroth.

Der Duden muss her

Als der Trainer mir das erzählte, wusste ich gar nicht, was das bedeuten sollte: »Unartikulierte Laute«. Da habe ich zu Hause erst mal im Duden nachgesehen. Ich bekam schließlich 14 Tage Sperre aufgebrummt. Am Freitag vor dem zweiten Spiel, das ich verpassen sollte, rief mich der Trainer an - in meiner Lotto-Toto-Annahmestelle, die ich mit meiner Frau im Sommer in der Mülheimer Straße in Oberhausen eröffnet hatte. Man kann sich ja vorstellen, was da freitags los war! Doch dann sagte Preißler am Telefon: »Los, Lothar, pack deine Tasche, du bist morgen dabei!« Nun verstand ich die Welt überhaupt nicht mehr. Ich fragte, wie das denn jetzt komme, worauf der Trainer mir erklärte, dass die Sperre verkürzt worden sei. Ich vermute, dass die Herren beim DFB mit dem Eintrag »unartikulierte Laute« auch nichts anzufangen wussten.
Ein halbes Jahr später, im Rückspiel, konnte ich mich revanchieren:
Wir gewannen 4:2, und ich erzielte drei Tore - zwei davon per Elfmeter! Gegen keinen anderen Gegner habe ich so oft getroffen wie gegen den FCK: sechs Mal in sechs Duellen. Und die Saison 1970/71 fand trotz der Roten Karte noch ein gutes Ende für mich:
Wir schafften knapp den Klassenerhalt, und ich wurde mit 24 Treffern sogar Torschützenkönig - noch vor dem großen Gerd Müller, der 22 Tore schoss. Aber dass ich wirklich die erste Rote Karte der Bundesliga bekommen haben soll, das will mir immer noch nicht in den Kopf. Gut, wenn das die Statistiken sagen ... Einer muss ja der Erste gewesen sein!

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