1860´s Superlativ

Das größte Stadion

Arroganz-Arena, Schlauchboot – der Spott reißt nicht ab. Die 1860-Fans klagen gerne über das neue Stadion in Fröttmaning. Ein Leipziger in München hat trotzdem eine Dauerkarte. Wir haben ihn besucht. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Andreas Fischer trägt grün und das jeden Tag. Mal als Pulloverfarbe, mal als T-Shirt-Farbe, Sockenfarbe oder Jackenfarbe. Ein Ort für die Vereinsfarben vom FC Sachsen »Chemie« Leipzig findet sich immer. Mehr Chemie-Fan sein als Andreas Fischer geht gar nicht. Schade nur, dass der 31-Jährige in München lebt, aus beruflichen Gründen. Darum hat Fischer eine Dauerkarte für die Allianz Arena. Daheim, auf seinem Kühlschrank, klebt die Titelseite der Stadionzeitung von Chemie Leipzig, darauf sieht man Fischer, ganz vorne im Fan-Block auf dem Zaun sitzend, die Faust geballt, ein Tor bejubelnd. Sein Fußballfernweh bekämpft Andreas Fischer jedes zweite Wochenende bei Heimspielen des TSV 1860 München, immerhin auch ein Arbeiterverein. Das Herz gehört Chemie, die Sympathien dem TSV 1860. »Die Löwen sind Chemie Leipzig gar nicht so unähnlich, auch Chemie scheitert seit Jahren grandios am Aufstieg, startet aber immer mit enormen Erwartungen.«

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Wie Sachsen Leipzig hat auch der TSV mehr Zuschauer als der Rest der Liga. Bei Chemie kommen zu Oberligaspielen bis zu 20 000 Zuschauer, beim TSV 1860 waren es gegen die SpVgg Unterhaching oder den FC Augsburg 69 000 Zuschauer – in der 2. Liga.
Im Schnitt kamen in der letzten Saison trotz horrender Preise (egal ob Bier, Bratwurst oder jüngst auf zehn Euro verdoppelte Parkplatzgebühr) 36 001 Zuschauer, nur 5000 weniger als im ersten Jahr in der neuen Arena. Das Stadion zieht nach wie vor viele Fans an, gerade auch der Gästemannschaften. Das ist der gravierende Unterschied: Bei Leipzig füllen die Heimfans das Stadion, beim TSV sind es oft die Gästefans, etwa 35 000 mitgereiste Augsburger, 15 000 mitgereiste Dresden-Fans, halb Unterhaching oder 10 000 Aue-Anhänger.

»Die Arena ist an sich ein relativer Scheiß, viel zu weit draußen«

Der Leipziger Löwenfan Fischer ist durchaus ein guter Stellvertreter für die Anhänger des TSV 1860 München: Er teilt die Liebe zum Fußball, wie er früher einmal war, er verabscheut den FC Bayern, und die Arena stellt sich auch für ihn als zwiespältiger Ort dar. »Die Arena ist an sich ein relativer Scheiß, viel zu weit draußen. Aber gleichzeitig ist es ein bequemes Stadion. Es gibt ausreichend Klos, Bierstände und ein Dach über dem Kopf, da fährt man auch bei Regen gerne raus.« Der TSV 1860 startet in seine dritte Saison im neuen Stadion in München-Fröttmaning. In der Spielzeit 2005/06 begingen die 60-Profis den beinahe fatalen Denkfehler: »Bestes Stadion gleich beste Spieler.« Statt einem Aufstiegsplatz hagelte es zahlreiche Niederlagen, die »Bild-Zeitung« sprach vom »Arenafluch«, am Ende entging der TSV nur knapp dem Abstieg. Auch 2006/07 gab es für die Löwen daheim blamable Auftritte, doch Verein und Fans haben ein realistischeres Verhältnis zur Arena entwickelt. Niemand spricht mehr vom Aufstieg. Manager Stefan Reuter sagte kürzlich: »Besser als Platz acht? Das wäre schön.« Vize-Präsident Karsten Wettberg hofft auf wenig Verletzungspech und bittet die Fans bereits: »Schließen Sie uns ins Abendgebet mit ein.«

Für Andreas Fischer ist die 2. Liga ohnehin die bessere. Die Jahreskarte ist billiger, und hier spielen auch zwei Ostklubs, wie in der 1. Bundesliga. »Ich gehe zum Fußball nicht nur wegen des Spiels an sich, sondern auch wegen der Stimmung. Lieber sehe ich mir ein 0:3 der Löwen gegen Augsburg an, bei dem die Gästefans völlig ausflippen, als dass ich mich bei einem 1:0 des FC Bayern in der Champions League zu Tode langweile.« Fischer will »das Ursprüngliche«, darum geht er zum TSV 1860, »wo ganz normale Münchner aus Giesing abhängen«. In der Tat unterscheidet sich das Besserverdiener-und-Familien-Publikum des FC Bayern deutlich von dem Proletariat der Löwen, deren Fans bei jedem Heimspiel von neuem liebevoll die »FC Bayern«-Aufkleber abkratzen. Fischers Stammplatz ist in der Nordkurve, der kleineren der beiden Stehplatzblöcke der Arena. Wie auch die Bayern-Fans rufen sich die Löwen-Fans quer durchs Stadion ihre Schlachtrufe zu, das Echo funktioniert allerdings nur bei Gegnern mit wenig Anhang. Aufgrund der räumlichen Nähe des Gästeblocks zur Nordkurve der Sechzger, wird bei mehr als 10 000 gegnerischen Anhängern der Zuruf durch deren Geräuschkulisse gebremst.

Wenn man die mit dem Neubau verbundenen Schulden einmal weg lässt, ist die Arena trotzdem die stärkste Waffe in dieser Saison. Beeindrucken kann der sportlich durchschnittliche Klub seine Gegner nurmehr durch sein Stadion, dass in grellem Blau den Münchner Nachthimmel beleuchtet. Allein mit der Allianz Arena hinterlässt der TSV 1860 auch international ein Zeichen: Man kann das Stadion beim Starten und Landen vom nahen Münchner Flughafen kaum übersehen.

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