13 Dinge über Fußball, Libyen und die Gaddafis

Gaddafi, Fußball und die Revolution

Die blutigen Aufstände in Libyen erschüttern die Welt. Diktator Muhammar al-Gaddafi beantwortet die Proteste seines Volkes mit Raketen und Maschinenpistolen. Eine Revolution, die auch auf den Fußballplätzen begonnen haben soll... 13 Dinge über Fußball, Libyen und die Gaddafis In Libyen brennt die Luft. Das ist keine Floskel, denn sie brennt tatsächlich. Libyens Bevölkerung hat den Schritt auf die Straße gewagt und wird dafür seit Tagen brutal bestraft. Diktator Muhammar al-Gaddafi lässt Raketen in Menschenmassen feuern, schwer bewaffnete Söldner auf Trauerzüge schießen, mordet sein eigenes Volk – und wenn man den vagen Medienberichten Glauben schenken darf, dann begann dieser blutige Volksaufstand auf staubigen Fußballplätzen im libyschen Wüstensand.

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Es sollen die Fußballklubs des Landes gewesen sein, in denen Anfang Februar die ersten Vorbereitungen für den versammelten Gang auf die Straßen starteten. Gaddafi hat dem Volk, das ihn nicht mehr als Anführer akzeptiert, daraufhin das Fußballspielen verboten. Das – immerhin – werden die Libyer verkraften können. Sie haben ohnehin andere Sorgen. Und so wird das Bolzplatzverbot inmitten der blutigen Konfrontationen eine kleine Randnotiz bleiben – und ist doch die Spitze einer äußerst kuriosen Entwicklung in der Beziehung zwischen den Gaddafis und Fußball. 13 Dinge über Fußball und Libyen.

1.
Im April 1988, acht Monate bevor libysche Geheimdienstler einen mit 259 Menschen beladenen Jumbojet der Fluggesellschaft PanAm über der schottischen Ortschaft Lockerbie abschossen, lud der selbst ernannte Revolutionsführer Gaddafi 30 deutsche Journalisten in sein persönliches Trainingscamp. Der Plan: Die Deutschen mit seinen Fußball-Künsten zu beeindrucken. Zwischen Hammelherden, Araber-Pferden und 2000 teilweise schwerbewaffneten Libyern als Jubelperser am Spielfeldrand, erschien Gaddafi in »gelber Trainingshose, roter Hose und weißen Turnschuhen«, wie ein aufmerksamer Beobachter der »Bild am Sonntag« notierte. Und weiter: »Sein Ballgefühl war gut, sein Kopfballspiel noch besser.« Gaddafi, von »Gegenspielern« unerklärlicherweise unbehelligt gelassen, schoss ein Tor und verschwand anschließend in einem offenen Range Rover in die Wüste. Sichtlich beeindruckt blieben zurück: 30 deutsche Journalisten.

2.
Libyens Fußball wird seit gut 15 Jahren allerdings von einem anderen Gaddafi repräsentiert: Al-Saadi, Sohn Nummer 3. Dem schenkte der mächtige Herr Papa einst den Klub Al Ittihad, den Al-Saadi zeitweise als Präsident, Trainer und Spielgestalter im Mittelfeld anführte. 1996 kam der Gaddafi-Spross erstmals in die globalen Schlagzeilen, als während einer Partie seines Klubs gegen einen Ligarivalen gegnerische Fans anfingen »Nieder mit Gaddafi« zu brüllen und Al-Saadis Leibwache mit Maschinengewehrsalven antwortete. Wie viele Menschen in dem Massaker starben, ist bis heute nicht geklärt. Westliche Medien vermeldeten erst 20, dann 60, schließlich 8 Tote. Diktator Gaddafi verordnete kurze Zeit Staatstrauer – das Fernsehen durfte fortan nur noch schwarz-weiß senden. Die Teams wurden aufgelöst.

3.
Ein Blutbad, dass Al-Saadi nicht daran hinderte, nunmehr Präsident des libyschen Fußballverbandes, im Frühjahr 2000 die sensationelle Verpflichtung eines äußerst namhaften Trios zu vermelden: Doping-Sprinter Ben Johnson, Trainer-Legende Carlos Bilardo und der Welt globaler Fußball-Held Diego Maradona sollten Libyens Fußball zu internationaler Klasse verhelfen. »El Diez« (»Ich liebe die Libyer, denn sie gingen nie vor der Außenwelt auf die Knie, genau wie ich sind sie Opfer internationaler Machenschaften.«), das Herz vom dauernden Koksgeschniefe an den Rand des Kollaps getrieben, musste wegen eines Krankenaufenthaltes absagen. Bilardo trainierte tatsächlich für kurze Zeit die libysche Auswahl und auch der Kanadier Johnson blieb die abgemachten drei Monate. Was dem libyschen Fußball auch nicht sonderlich weiterhalf. In der aktuellen Fifa - Rangliste findet sich das Land auf Platz 70 wieder, eingeklemmt zwischen Senegal (69.) und Polen (71.).

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4.
Weil auf dem heimischen Wüsten-Sand partout kein Rollrasen anwachsen wollte, orderte Gaddafi senior im November 2000 tonnenweise Sand aus Großbritannien. Ausreichend Untergrund für fünf Stadien. Libyen kauft Sand – wann bietet Deutschland endlich Grönland ein paar LKW-Ladungen Schnee an?

5.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends stieg Gaddafi (der Vater, nicht der Sohn) ganz groß bei Juventus Turin ein. Nachdem der Mann mit dem Öl-Milliarden bereits 1976 ein wenig Geld in 9,09 Prozent des Fiat-Konzerns investiert hatte (Fiat- und Juve-Boss Agnelli kaufte ihm die Anteile 1986 für schlappe 1,5 Milliarden Euro wieder ab), vermeldete die inzwischen an die Börse gegangene »Alte Dame« 2002, dass Libyens Staatschef für 22,9 Millionen Euro 6,4 Millionen Juve-Aktien erworben hatte. Später erhöhte Gaddafi seine Anteile sogar auf 7,5 Prozent, dem »Rund«-Magazin  zu Folge sollen es 2007 bereits über 20 Prozent Aktienanteile am größten Klub Italiens gewesen sein.

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6.
»Das Aktienpaket«, mutmaßte die »Gazzetta dello Sport« nach dem ersten Deal, »ist auch ein Geschenk an seinen Sohn.« Der nämlich outete sich als großer Juve-Fan und ließ sich kickend am Strand im Alex del Piero-Trikot ablichten. Der Lohn für all die väterliche Kohle: Kurze Zeit nach dem Aktienkauf Gaddafis durfte Al-Saadi 40 Minuten mit den Turiner Profis trainieren. Sicher auch kein Zufall war, dass das Endspiel um den italienischen Supercup 2002 zwischen Juventus und dem AC Parma erstmals in Libyen ausgerichtet wurde. 400.000 Euro soll das Spektakel gekostet haben, ein Schnäppchen wenn man bedenkt, dass die Fußballmacht Japan das Doppelte geboten hatte.



7.
Im Herbst 2002 entschied sich Al-Saadi, seine Nationalmannschaft aufzulösen. Nach einem 3:2-Erfolg gegen die Demokratische Republik Kongo schmiss der Diktatoren-Sprössling Trainer Francesco Scoglio raus und kündigte an, eine neue Landesauswahl lediglich mit Spielern aus der Hauptstadt Tripolis zu bilden. Der geschasste italienische Coach trat anschließend übel nach und urteilte schroff über die fußballerischen Fähigkeiten seines ehemaligen Akteurs: »Gaddafi? Der ist eine totale Null.«

8.
Weil aber Geld und nicht Talent die Welt regiert, karrte Gaddafi junior in der Folge immer mehr prominente Mannschaften zu Freundschaftsspielen ins Land. Natürlich für eine entsprechende Gegenleistung. Der FC Barcelona erhielt für einen einzigen Kick satte 300.000 Euro, die Nationalmannschaft von Argentinien ließen sich die Libyer gar eine Million Dollar kosten. Inklusive einem goldenen Pokal mit persönlicher Widmung für jeden Spieler. Javier Saviola, einer der Lieblingsspieler Gaddafis, erhielt zusätzlich noch eine goldene Rolex.

9.
Fußball zu Propagandazwecken. Zwischen 1992 und 1999 galt Libyen international als isoliert. Im Zuge der Lockerbie-Affäre verhängte die Uno 1992 ein Embargo, das erst 7 Jahre später aufgehoben wurde. Al-Saadi ganz diplomatisch: »Wir haben unter den Repressalien extrem gelitten, jetzt müssen wir all unseren Reichtum, all unser Potential dazu nutzen, ein positives Bild von uns zu schaffen. Und dafür gibt es nichts Besseres als Fußball.« Sprachs, und finanzierte gleichzeitig den Wahlkampf von Fifa-Boss Sepp Blatter, in dem er Kooperationsverträge mit 17 afrikanischen Verbänden abschloss und so unter anderem die Stimme Ghanas für 200.000 Dollar erkaufte. »All unseren Reichtum nutzen« – ach, so war das gemeint.

10.
2003 folgte dann der ganz große Coup des Al-Saadi Gaddafi. Am 1. Juli unterschrieb »Libyens Fußballer des Jahres« 2001 bis 2003 einen Profi-Vertrag beim Erstligisten AC Perugia. Dass dieser Klub noch zu Serie B-Zeiten eine Anfrage des Wüstensohnes heiter weggelacht hatte – geschenkt! Jetzt verkündete Präsident Luciano Gaucci – ein Mann der später 100 Millionen Euro aus der Vereinskasse klaute und sich damit in die Karibik verflüchtigte – man habe den Deal des Jahrhunderts unterzeichnet: »Erstmals spielt der Sohn eines Staatschefs in einer ausländischen Mannschaft. Perugia wird in die Geschichte eingehen!« Gaucci selbst hatte da seinen Ruf als merkwürdiger Kauz schon längst weg. War er es doch gewesen, der ein Jahr zuvor für viel Aufregung gesorgt hatte, weil er den Südkoreaner und Perugia-Profi Jung Hwan Ahn von Hof gejagt hatte. Ahn hatte es gewagt Italien bei der WM 2002 per »Golden Goal« aus dem Turnier zu schießen.

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11.
Auch Gauccis Urteile über die spielerischen Fertigkeiten seines Neuzugangs verblüfften die Fachwelt doch arg. »Ein vorzüglicher Mittelfeldspieler, der hinter den Spitzen agiert.« Warum der »vorzügliche« Mittelfeldmann allerdings nur ein Spiel absolvierte (am 2. Mai 2004 gegen Juventus Turin, Einsatzzeit: 15 Minuten) wird auch Gaucci ein Geheimnis bleiben. Ebenfalls verwirrend sein Statement zu Gaddafis Fähigkeiten in Sachen Disziplin: »Ein korrekter Junge, voller Respekt.« Da hatte Gaddafi jedoch schon in einem Südtiroler Trainingslager fast einen Aufstand provoziert, weil er sich des nachts unbedingt das Barthaar stutzen lassen wollte und erst Ruhe gegeben hatte, als der Hotelfriseur mit frisch geschärfter Klinge in seinem Zimmer aufgetaucht war. Eine Aktion, die bei den Spielerkollegen fast noch besser ankam, als die spezielle Art der Fortbewegung des Wüstensohnes: Während der Rest der Mannschaft artig im Bus Platz nahm, legte Gaddafi selbst kurze Strecken im eigenen Helikopter zurück. Jens Lehmann lässt grüßen.

12.
Fast wäre Gaddafis Spielerkarriere in Italien allerdings noch vor dem ersten Ligaeinsatz beendet gewesen. Im November 2003 wurde er positiv auf das anabole Steroid Norandrostendion getestet. Das Urteil: Drei Monate Sperre. Im Zuge der Ermittlungen wurde gar Allwetter-Doc Müller-Wohlfarth verdächtigt, seinem Patienten Gaddafi das entsprechende Mittelchen verabreicht zu haben. Müller-Wohlfarth wehrte sich entschieden und bekam Recht. Puh.

13.
Gaddafis Aufenthalt in Perugia dauerte nur ein Jahr – dann vermeldete Udinese Calcio die Verpflichtung des Libyers. Seine Einsatzminuten dort: 13. In einem unbedeutenden Ligaspiel gegen Calgliari. Offiziell soll er dafür ein Jahresgehalt von 300.000 Euro eingestrichen haben, tatsächlich zahlte der reiche Hobby-Profi für sein Engegament in der Serie A noch drauf. Kein Wunder also, dass zum Abschied des Diktatoren-Sohnes jeder Udinese-Mitarbeiter einen Smart geschenkt bekam. 2007 verkündete dann Sampdoria-Präsident Garrone stolz: »Ich habe die große Freude, Al-Saadi Gaddafi vorzustellen.« Ernüchternde Antwort des Pressesprechers nur wenige Tage später: »Al-Saadi gehört nicht zur Mannschaft von Sampdoria. Aber er darf mittrainieren.« Immerhin. 2007 endete die Karriere des Fußballspielers Al-Saadi Gaddafi. Spätestens seit Februar 2011 wird er ohnehin andere Sorgen haben.



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